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Tierarztkosten steigen: Das müssen Besitzer jetzt wissen

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Von: Stefanie Nöcker

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Ab dem 22. November steigen die Tierarztkosten. Unter anderem Tierarzt Christoph Rosenbaum äußert sich zur neuen Gebührenordnung.
Ab dem 22. November steigen die Tierarztkosten. Unter anderem Tierarzt Christoph Rosenbaum äußert sich zur neuen Gebührenordnung. © Tierarztpraxis Rosenbaum

Tierhalter aufgepasst: Der Besuch beim Tierarzt wird bald deutlich teurer. Was Hunde- und Katzen­besitzer künftig zahlen müssen.

Hochsauerland – Strom, Gas, Lebensmittel: Alles wird teurer. Auch Tierbesitzer müssen bald tiefer in die Tasche greifen, um ihre Vierbeiner zu versorgen. Grund dafür ist die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT), die am Dienstag, 22. November, in Kraft tritt.

Doch warum gibt es diese neue Gebührenordnung? Und wie viel Mehrkosten kommen auf Tierhalter zu? Der SauerlandKurier hat mit Tierärzten aus der Region gesprochen.

Das sagt die Bundestierärztekammer

Die Tierärztegebührenordnung regelt, welche Vergütungen Tierärzten für ihre Leistungen zustehen. Ziel der Anpassung ist es, dass Behandlungen für Tierarztpraxen kostendeckend sind.

Die Bundestierärztekammer bewertet die Anpassung als „äußerst maßvoll“. Sie entspreche noch nicht einmal dem Inflationsausgleich und den stark steigenden Kosten der letzten Jahre und Monate.

Letzte Preisanpassung aus Zeiten der Deutschen Mark

„Das Thema der Preisanpassung in der Tiermedizin schwebt schon seit mehreren Jahren über der Tierärzteschaft. Fakt ist, dass eine letzte Preisanpassung aus Zeiten der Deutschen Mark datiert. Bei den dafür zuständigen Bundesämtern wurde eine Neuerung immer wieder aufgeschoben und unter den Teppich gekehrt“, äußert sich Tierarzt Christoph Rosenbaum von der Kleintierpraxis Rosenbaum aus Hüsten.

„Die Erhöhung war überfällig“

Die Kleintierpraxis Kruse und Thissen aus Schmallenberg pflichtet ihm bei: „Die Erhöhung der Gebührenordnung ist seit fast 20 Jahren überfällig. Schade ist, dass nicht geschafft wurde, die Gebühren in diesem Zeitraum peu à peu anzuheben, sondern dass die Erhöhung für die Besitzer jetzt auf einen Schlag kommt.“

Der Gesetzentwurf zur neuen GOT sei ausdrücklich damit begründet worden, dass die Erhöhung notwendig sei, damit Tierarztpraxen bei den ständig steigenden Kosten wirtschaftlich überleben und auch das Personal bezahlen könnten, erklärt Tierarzt Dr. Stephan Gabriel aus Meschede. „Der Tarifvertrag für Tiermedizinische Fachangestellte lag unter dem Mindestlohn und wurde gerade um circa 20 Prozent erhöht.“

Tiermedizin mittlerweile auf dem wissenschaftlichen und technischen Stand der Humanmedizin

Die Kosten für Gerätschaften, Personal, Räumlichkeiten und Medikamente hätten sich seit 20 Jahren vervielfacht, präzisiert Rosenbaum. „Die Tiermedizin ist mittlerweile auf dem wissenschaftlichen und technischen Stand der Humanmedizin angekommen. Viele Leistungen, die heute erbracht werden, sind in der alten Gebührenordnung nicht erfasst. Zum Beispiel therapieren wir den Kreuzbandriss beim Hund mit einem Titanimplantat, welches in das Schienbein eingesetzt wird. Den Posten dazu gibt es in der alten GOT nicht.“ Das heißt ganz konkret: Mit der alten Gebührenordnung konnten Tierärzte manche Verfahren gar nicht abrechnen.

Wie viel kostet eine allgemeine Untersuchung?

Für die Besitzer von Tieren bedeutet die neue Gebührenordnung, dass auf sie beim Tierarztbesuch höhere Kosten zukommen. Für die einzelnen Behandlungsschritte und Untersuchungen werden keine Festpreise gesetzt, sondern ein Gebührenrahmen, in dem sich die Kosten bewegen dürfen. Eine allgemeine Untersuchung mit Beratung für den Hund kostete bisher zwischen 13,47 und 40,41 Euro, für die Katze zwischen 8,98 und 26,94 Euro. Jetzt werden für beide zwischen 23,62 und 70,86 Euro fällig.

„Wichtig zu wissen ist, dass nach der Untersuchung in der Regel die Behandlungsschritte (Diagnostik, Röntgen, Injektionen, Operationen, Material und Medikamente) modular dazugerechnet werden müssen. Daher gibt es auch für Standardbehandlungen wie Impfungen oder Kastrationen keine Pauschalpreise. Das Kartellrecht und das Europäische Recht verbieten Fixpreise, deshalb darf eine Tierarztpraxis auch nicht mit Preisangeboten werben“, erklärt Stephan Gabriel. Für jede Behandlung gelte, dass Zeit- und Personalaufwand entscheidend seien.

„Ein Kostenvoranschlag wie bei einem Handwerker ist nicht möglich“

Die Bundestierärztekammer rät: „Sprechen Sie mit Ihrem Tierarzt. Lassen Sie sich erklären, welche Untersuchungen er machen muss und wie er dann – je nach Diagnose – behandeln wird. Lassen Sie sich auch die voraussichtlichen Kosten erläutern. Aber bedenken Sie bitte, dass Ihr Tier ein lebendes Individuum ist – ein Kostenvoranschlag wie bei einem Handwerker ist nicht möglich.“

Wer mit seinem Hund zum Tierarzt geht, muss ab Herbst deutlich mehr für die Behandlung zahlen.
Wer mit seinem Hund zum Tierarzt geht, muss ab dem 22. November deutlich mehr für die Behandlung zahlen. © Stefanie Nöcker

Die Tierärzte aus der Region sind sich zudem sicher, dass es aufgrund der steigenen Tierarztkosten bei manchen Menschen eng wird – vor allem nach unüberlegten Tieranschaffungen. „In der Lockdownphase wurden schätzungsweise 30 Prozent mehr Heimtiere angeschafft, die Tierheime können ein Lied davon singen“, unterstreicht Gabriel

Tierheime befürchten, dass demnächst noch mehr Haustiere abgegeben werden

Apropos Tierheime: Diese blicken der Erhöhung der Tierarztkosten mit reichlich Anspannung entgegen. Zwar haben sie Verständnis für die Anpassung, befürchten allerdings, dass Menschen ihre Tiere abgeben oder aussetzen könnten. In den vergangenen Monaten war dies sogar schon der Fall. Carolin Meerpohl, Leiterin des Tierheims Brilon: „Uns wurde kürzlich ein Fundhund gebracht, der vorsätzlich ausgesetzt wurde. Die Besitzer wissen auch, dass er bei uns ist – es ist ihnen aber egal. Auf den Kosten für die tierärztliche Versorgung und Pflege werden wir sitzen bleiben.“

Täglich erreichen das Tierheim zig Anrufe. Katze gefunden, heißt es dann. „Man wird der Menge an Katzen als Tierheim nicht mehr Herr“, sagt Meerpohl. „Aktuell sind wir so voll, dass wir keine weiteren Tiere mehr aufnehmen können.“ Auch Franziska Emde, Leiterin des Tierheims Meschede, bestätigt: „Unsere Kapazitäten sind je nach Tierart erschöpft.“

Die Trennung von einem Familienmitglied sollte niemals als erste Sparmaßnahme erfolgen.

 Franziska Emde, Leiterin Tierheim Meschede

Das Briloner Tierheim arbeitet mit einer Warteliste: Sobald ein Tier vermittelt ist, wird das nächste aufgenommen. Notfälle würden natürlich weiterhin versorgt. „Das Traurige daran ist, dass meine Mitarbeiter mittlerweile schon persönlich beschimpft werden, wenn wir keine Tiere mehr aufnehmen können“, sagt Meerpohl empört. Sätze wie „Das Tierheim hilft nicht“ oder „Dafür sind Sie doch da“ sind mittlerweile fast an der Tagesordnung. „Auch wir haben Vorgaben und müssen im Sinne des Bestandsschutzes arbeiten. Einige Leute werden dann jedoch persönlich. Daher appellieren wir an mehr Selbstverantwortung. Wer sich ein Tier anschafft – oder angefüttert hat, sollte auch so viel Verantwortung besitzen, sich um das Tier zu kümmern, bis wir es aufnehmen oder helfen können.“ Franziska Emde bittet inständig, vor der Abgabe des Haustieres alle Möglichkeiten auszuschöpfen. „Die Trennung von einem Familienmitglied sollte niemals als erste Sparmaßnahme erfolgen.“

Lohnt sich jetzt eine Tierkrankenversicherung?

Generell gilt: Künftige Tierhalter sollten sich vorab genau mit den Kosten auseinandersetzen, die die Anschaffung mit sich bringt. Um zumindest keine Angst vor unerwarteten Tierarztkosten haben zu müssen, können Tierhalter eine Tierkrankenversicherung abschließen. Wichtig dabei ist es, sich ausreichend zu informieren und das Kleingedruckte zu lesen. Die Kleintierpraxis Kruse und Thissen abschließend: „Gerade für Tierbesitzer, die nicht so viel Geld zur Verfügung haben, sind Krankenversicherungen in den nächsten Jahren unerlässlich.“

Weitere Infos

zur neuen Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) gibt es auf der Internetseite www.bundestieraerztekammer.de.

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