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Abgabewelle und „Corona-Tiere“: Tierheime am Limit

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Von: Stefanie Nöcker

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Deutsch Kurzhaar/Labrador-Mischling Hunter wartet im Briloner Tierheim noch immer auf sein Zuhause. Tierheime in der Region am Limit
Deutsch Kurzhaar/Labrador-Mischling Hunter wartet im Briloner Tierheim noch immer auf sein Zuhause. © Stefanie Nöcker

Dramatische Situation in den Tierheimen in der Region. Mitten in den Sommerferien platzen die Tierheime aus allen Nähten. Aber das ist noch längst nicht alles.

Hochsauerland – Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Badesachen, Sonnenbrille und Spielzeug. Aber Stopp – was mache ich eigentlich mit meinem Haustier, wenn ich verreise?

Der übelste Weg führt den zuvor besten Freund des Menschen ins Tierheim. Der SauerlandKurier hat mit Tierheimen in der Region über die aktuelle Situation in den Sommerferien gesprochen.

Abgaben

„Wir sind absolut am Limit“, sind sich Leiterin Carolin Meerpohl, die stellvertretende Leiterin Milena Hoffmann (beide vom Tierheim Brilon) und Jennifer Mannweiler, Tierpflegerin im Tierheim Meschede, einig. Aktuell bekommen beide Heime viele Anfragen zur Abgabe: das Briloner Tierheim täglich eine, das Mescheder seit Juni rund 50 – und das allein bei Hunden.

„Auf einmal ist der Hund bissig. Auf einmal ist man allergisch. Auf einmal kommen die Kinder nicht mehr mit dem Tier klar. Auf einmal fehlt die Zeit. Aber wir hören auch die Aussage ,Ich fahre in den Urlaub. Das Tier muss weg’. Das ist ehrlich, aber nicht schön“, betont Jennifer Mannweiler.

Die Abgabewelle ist demnach deutlich zu spüren, stärker als in den vergangenen Corona-Jahren, in denen weniger verreist wurde. „Jetzt ist alles viel lockerer, teilweise gibt es keine Richtlinien mehr. Und nun wollen alle unbedingt wieder raus. Aber Pensionen und Tierheime sind voll. Und die Menschen wissen nicht, wohin mit ihren Tieren.“

Unterbringung

Das Problem dabei ist, dass die Leute sich zu spät Gedanken machen, präzisiert Carolin Meerpohl. „Bevor ich meinen Urlaub buche, sollte ich ein bis zwei Möglichkeiten haben, mein Tier unterzubringen. Angenommen der Nachbar passt auf mein Tier auf. Auch da kann es sein, dass er krank wird. Dafür muss der Besitzer einen Plan B parat haben. Er muss zuerst schauen, wo er sein Tier unterbringen kann und erst dann wird der Urlaub gebucht. Und nicht umgekehrt.“


Abgabewelle und Corona-Tiere: Tierheime in der Region schlagen Alarm Tierheim Brilon Leiterin Carolin Meerpohl
Ist die Leiterin des Briloner Tierheims: Carolin Meerpohl (hier mit ihrer Hündin Cassy). © Tierheim Brilon

Jennifer Mannweiler ergänzt: „Womöglich haben sich viele sogar bereits bei der Anschaffung zu wenige Gedanken gemacht, wie sie ihr Tier unterbringen könnten. Man sollte sich da wirklich von allen Seiten absichern. Oder man fährt einfach mal an die Ost- oder Nordsee und nimmt den Hund mit. Es müssen ja nicht immer die Malediven oder Spanien sein. Man muss auch einfach mal Abstriche machen.“

„Corona-Tiere“

Zum üblichen Spiel in der Urlaubszeit kommen die „Corona-Tiere“, sagt Milena Hoffmann. Im Frühjahr 2020 seien Tierheime quasi „leergekauft“ worden. „Am Anfang von Corona hatten wir einen regelrechten Boom. Da haben sie uns die Katzen so was von aus den Händen gerissen. Nun werden diese zurück gegeben“, so die 25-Jährige verständnislos.

„Und dabei waren wir bei den Vermittlungen immer sehr streng.“ Dadurch, meint sie, seien es verhältnismäßig zwar immer noch wenige Rückläufer, aber trotzdem mehr als normal.

Moderassen

Seit Corona seien zudem Hunderassen wie Husky, Presa Canario oder Herdenschutzhunde in die Mode gekommen, erklärt Carolin Meerpohl. Vor Kurzem hätte noch jemand angefragt, ob sie einen Kangal aufnehmen könnten. „Da packen wir uns an den Kopf. Wie kommen diese Leute auf den Trichter, sich solche Hunde zu Hause zu halten? Und wie kommen sie überhaupt an so ein Tier heran? Ein Kangal mit 80 Zentimetern Schulterhöhe hat nichts in einer Wohnung oder einem Haus verloren. Diese Hunde haben eine Aufgabe. Sie wollen ihre Herde beschützen“, stellt die Tierheimleiterin heraus.

„Was ich damit sagen möchte: Man hätte die Corona-Zeit nutzen können, um sich über die Bedürfnisse der Rasse oder des Tieres zu informieren und die Hunde trainieren können. Ganz oft haben wir Hunde hier, die leider null Erziehung genossen haben. Das sind keine schwierigen Hunde. Die Leute haben sich nur einfach nicht die Mühe gemacht, sie zu erziehen.“

Abgabewelle und Corona-Tiere: Tierheime in der Region schlagen Alarm
 Tierheim Meschede Jennifer Mannweiler Tierpflegerin
Jennifer Mannweiler ist Tierpflegerin im Tierheim in Meschede. © Stefanie Nöcker

Kitten-Flut

Neben Hunden bieten die beiden Tierheime natürlich auch Kleintieren und Katzen ein Zuhause. „Wir haben jedes Jahr eine Kitten-Flut. In diesem Jahr ist es aber besonders schlimm“, hebt Hoffmann hervor. „Viele Kitten sind hier, weil die Menschen ihre Katzen nicht kastrieren lassen. In Brilon und Medebach gibt es eine Kastrationspflicht für Freigänger. Aber auch in Städten, in denen es keine gibt, sollten die Halter ihre Katzen kastrieren lassen, damit das Elend zumindest ein bisschen eingedämmt wird.“

Energiepreise

Neben der Abgabewelle und den leichtsinnig während Corona angeschafften Tieren haben die Heime obendrein mit den gestiegenen Energiepreisen zu kämpfen. Meerpohl: „Ich habe kürzlich Öl getankt. Es war das Dreifache von dem, was ich vergangenes Jahr bezahlt habe. Und wir haben nicht mal vollgetankt, weil wir es finanziell gar nicht hätten stemmen können. Wir müssen in Etappen tanken, um es uns überhaupt leisten zu können.“

Worauf sollte man bei der Haustieranschaffung achten?

Infos und Spenden

Weitere Infos und die Möglichkeit zu spenden gibt es unter www.tierheim-brilon.de und www.tierschutzverein-hsk.de

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