Arbeitskreis ruft Bürger zur Teilnahme an Online-Umfrage auf

„Wie empfinde ich Armut?“

Ein Herz für die Armen: Die Mitglieder des „Arbeitskreises gegen Armut im HSK“ setzten die Online-Umfrage in eine praktische Übung um. Die fünf Gläser standen für fünf Bibelverse, die – je nach persönlicher Wichtigkeit – von den Teilnehmern mit jeweils insgesamt zehn silbernen Herzen gefüllt werden sollten. Foto: Lars Lenneper

Kaum ein Thema wird derzeit öffentlich so kontrovers diskutiert wie die Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen in reichere EU-Staaten wie Deutschland.

Unter dem Schlagwort „Armutszuwanderung“ wird die Debatte immer wieder aufs Neue entfacht. Doch man muss gar nicht so weit über den Tellerrand blicken – auch im Hochsauerlandkreis ist Armut alltäglich und allgegenwärtig. Genau damit beschäftigt sich nun eine Online-Umfrage des „Arbeitskreises gegen Armut im HSK“, an der jeder Interessierte ab sofort bis Mai 2014 auf www.armut-hsk.de teilnehmen kann.

Die zentrale Fragestellung der Umfrage lautet: „Wie werden Arme im Hochsauerland gesehen?“. Der Arbeitskreis, der sich aus verschiedenen gesellschaftliche Gruppen aus Kirche, Gewerkschaft und Arbeitnehmerbewegung zusammensetzt, will dabei vor allem das Menschenbild und den Blick auf den jeweils anderen in den Mittelpunkt rücken.

Deshalb hat man für die Umfrage unter anderem auf einige Sätze aus jüdisch-biblischer Tradition zurückgegriffen, die der Umfragenteilnehmer – je nach Bedeutung für das persönliche Leben – unterschiedlich stark von 1 bis 5 gewichten kann. Hinter den auf den ersten Blick eher zufällig ausgewählt scheinenden und thematisch schwer zugänglichen Thesen verbergen sich allerdings Lebensmaximen, die auch in der heutigen Zeit ihre volle Gültigkeit haben. „Wir haben uns an fünf soziologischen Prinzipien orientiert und diesen sozusagen eine religiöse Sprache verliehen“, erklärte Peter Sinn, Diakoniepfarrer des Evangelischen Kirchenkreises Arnsberg im Rahmen der Auftaktpressekonferenz am vergangenen Mittwoch im Sitzungsraum des Gemeinsamen Kirchenzentrums in Meschede. Der Satz „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“ aus der Luther Bibel etwa steht repräsentativ für das Leistungsprinzip, dem große Teile unserer heutigen Gesellschaft unterliegen.

Neben diesen Fragen geht es in der anonymen Erhebung aber auch um die Einschätzung der persönlichen Lebenssituation in Bezug auf den eigenen materiellen Wohlstand.

Wertevorstellungen hinterfragen

Ebenso wird zum Schluss die elementare, zunächst so einfach wirkende und dennoch so komplex zu beantwortende Frage: „Sind Sie seelisch reich?“ aufgeworfen. „Es geht auch darum, herauszufinden, welche Wertevorstellungen und Milieuideen hinter den jeweiligen Menschenbildern stehen“, erläuterte Susanne Schulze, Geschäftsführerin der Erwachsenenbildung im Evangelischen Kirchenkreis Arnsberg. Abgeschlossen wird die Umfrage mit der Möglichkeit, in einem offenen Kommentar Stellung zur Erhebung beziehungsweise dem Thema an sich zu beziehen.

Von den Ergebnissen erhoffen sich die Organisatoren, ein breitgefächertes Bild aus möglichst vielen Alters- und Gesellschaftsschichten zum Thema „Armut im HSK“ generieren zu können. Denn wie akut das Thema auch hier ist, zeigte Sandra Grimm, Organisationssekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), anhand von Zahlen aus dem Bericht der Bundesagentur für Arbeit auf. Im September 2013 waren für den HSK 13.893 Personen in Bedarfsgemeinschaften (also Menschen, die im selben Haushalt leben und gemeinsam wirtschaften mit mindestens einem erwerbsfähigen Hilfebedürftigen) gemeldet – darunter 3.745 Kinder unter 15 Jahren. „Wer mit offenen Augen durch den HSK geht, kann Armut sehen und erleben“, bestätigt Wolfgang Zeh, Kreisverbandsvorsitzender des DGB im HSK die Statistik.

Gerd Heiler-Schwarz, Leiter der Beratungsstelle für Menschen in besonderen sozialen Notlagen der Diakonie Ruhr-Hellweg erlebt diese Fälle in seiner täglichen Arbeit. Er sagt: „Es gibt keine gesellschaftlichen Schwerpunktgruppen mehr oder das typische Bild des armen Menschen.“ Armut sei weit verbreitet, werde aber gesellschaftlich zum Randthema gemacht. „Armut hat keine Lobby“, so Heiler-Schwarz, der das Wort für sich selbst als das „Nicht-Vorhandensein von Möglichkeiten“ definiert.

Genau auf diese fehlende Lobby soll mit der Online-Umfrage aufmerksam gemacht werden. Die Ergebnisse werden bei einer gemeinsamen Veranstaltung präsentiert. „Damit wollen wir uns an der weiteren politischen Diskussion im Hochsauerland beteiligen und das Thema in der Öffentlichkeit halten“, erklärte Diakoniepfarrer Peter Sinn abschließend. (Von Lars Lenneper, l.lenneper@sauerlandkurier.de)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare