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Wohngebiet statt Waldstück: Anwohner laufen Sturm gegen geplantes Baugebiet im Sauerland

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Von: Lars Lenneper

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„Der Wald ist unser Kinderspielplatz“ - mit diesem Plakat machten die Anlieger gegen das geplante Baugebiet an der Sündelt mobil.
„Der Wald ist unser Kinderspielplatz“ - mit diesem Plakat machten die Anlieger gegen das geplante Baugebiet an der Sündelt mobil. © Privat

Wirtschaftliche Interessen kontra Umweltschutz – Die Pläne für ein neues Wohngebiet in exklusiver Lage an der Sündelt in Meschede sorgen für Wirbel. Anwohner wehren sich gegen die Zerstörung der Natur, die Stadt sieht ein lukratives Geschäft.

Meschede –  Das naturbelassene Areal „Sündelt“ am südlichen Ortsrand Meschedes oberhalb des Schederwegs charakterisiert sich durch seinen auf ehemaligem Kyrillgebiet gewachsenen Wald und großzügigen Grünflächen und ist für Erholungssuchende und Naturfreunde längst kein Geheimtipp mehr. So finden sich dort allabendlich Spaziergänger, Jogger und „Gassigeher“ ein, um die Ruhe und Abgeschiedenheit zu genießen oder den Sonnenuntergang über dem Hennesee zu bewundern.

Doch mit dieser Idylle könnte bald Schluss sein – zumindest, wenn es nach den Plänen der Stadt Meschede geht. So ist im Bereich der Sündelt die Ausweisung eines Wohngebietes geplant, für welches der Rat jetzt die Aufstellung des Bebauungsplans und eine Änderung des Flächennutzungsplan beschließen soll.

Baugebiet mit rund 30 Grundstücken in exklusiver Lage

Denn die „Frank & Jörg Hohmann Immobilien GbR“ , möchte dort in exklusiver Lage auf rund 30 Grundstücken Einfamilienhäuser als Einzel- oder Doppelhäuser errichten. Auch ein Naturspielplatz und eine neue Kindertagesstätte könnten auf dem Areal entstehen. Zusätzlich zum ca. 3.400 Quadratemeter großen Naturspielplatz soll eine zusätzlich geplante Erschließungsstraße oberhalb des Wirtschaftsweges „Sirenenweg“, der als solcher erhalten bleibt, inklusive Wendeschleife als Tempo 30-Zone mit möglicher Einbahnstraßenregelung die infrastrukturelle Anbindung garantieren.

Eine öffentliche Beteiligung am Bebauungsplan möglicherweise in Form von corona-konformen Einzelveranstaltungen stellte Fachbereichsleiter Klaus Wahle in Aussicht.
Eine öffentliche Beteiligung am Bebauungsplan möglicherweise in Form von corona-konformen Einzelveranstaltungen stellte Fachbereichsleiter Klaus Wahle in Aussicht. © Grafik: Stadt Meschede

Insgesamt, so die Stadt Meschede, soll eine Bebauung „im Sinne des Entwicklungsziels ,Unmittelbarkeit von Grün- und Siedlungsräumen‘ ein umweltverträgliches naturnahes Wohnen für Familien sicherstellen“, damit unter anderem die Kinder die „Natur täglich hautnah erleben und mit und in ihr aufwachsen können.“ Doch gerade diese Zielvorgabe sorgt bei den aktuellen Anliegern für einen Sturm der Entrüstung. In einem offenen Brief an alle Ratsmitglieder im Vorfeld der Ausschusssitzung für Stadtentwicklung am vergangenen Donnerstag erklärte die „Anliegergemeinschaft Sirenenweg/Sündelt“ ihr Unverständnis über den Vorstoß und bittet um die Aussetzung des Aufstellungsbeschlusses. Geradezu „zynisch“ mute diese Argumentation vor dem Hintergrund an, dass für ein mögliches Baugebiet an der Sündelt ein Großteil des bestehenden Waldes abgeholzt werden müsse und so bald 14 Jahre Wald-Entwicklungszeit zerstört würden.

Anwohner sprechen von „Zynismus“

Insbesondere in einer Zeit, in der das Waldsterben „erschreckende Ausmaße“ angenommen habe, sei es schwer nachzuvollziehen, dass eine naturbelassene Fläche mit intakten Laubholzbeständen einfach so dem Erdboden gleichgemacht werde. Zumal es im Beschlussvorschlag wortwörtlich heißt: „Die Inanspruchnahme von Wald für Bauzwecke ist unter klimatischen Aspekten äußerst negativ zu bewerten, da Wald als CO2-Speicher dient.“ Außerdem löse ein Baugebiet am Stadtrand in einer solchen Höhenlage zusätzliche Verkehrsbewegungen aus, die insbesondere auch am bereits jetzt vielbefahrenen Krankenhausberg (Beringhauser Straße/Schederweg) für weitere Probleme sorgen werde. Auch würde mit dem Baugebiet ein klar definierter, markanter Ortsrand „aufgebrochen“ und die Bebauung in eine Höhenlage vorgerückt, wie sie sonst in der Kernstadt nicht vorkomme.

Der Wald an der Sündelt soll einem Baugebiet weichen.
Der Wald an der Sündelt soll einem Baugebiet weichen. © Privat

Denn bereits im März 2020 hatten sich die Anlieger in einem von 22 Parteien unterzeichneten Schreiben an die Verwaltung gewandt und einen Verzicht auf das Baugebiet gefordert. Darin wurde auch eine mögliche Verschattungsproblematik thematisiert, um die es den Unterliegern heute gar nicht mehr geht. Sie wollen den Wald und das kleine „Naherholungsgebiet“ schützen und würden dafür sogar eine drohende zunehmende Verschattung in Kauf nehmen, die ihnen bei einer Wohnbebauung mit festgelegten Maximalhöhen erspart bliebe.

Eine mögliche, für die Ratssitzung am 25. Juni vergangenen Jahres anvisierte Diskussion über diese Einwände wurde allerdings kurzfristig kommentarlos von der Tagesordnung genommen, da der Vorhabenträger nach Begutachtung durch ein Ingenieurbüro bereits im Vorfeld seinen ursprünglichen Erschließungsplan noch einmal abänderte und den Sirenenweg als Wirtschaftsweg erhalten ließ. Seitdem herrschte Stillschweigen – weshalb sich die Anlieger auch vom Erschließungsträger selbst enttäuscht zeigten, da nach mehrmaligem telefonischen Kontakt ein eigentlich anberaumtes Treffen nach den Sommerferien 2020 niemals zustande kam – auch keine Corona-konforme Ersatzlösung.

Das Stadtgebiet in der heutigen Zeit zulasten von Waldflächen zu erweitern, ist aus unserer Sicht ein No-Go.

Offener Brief der Anlieger

„Für Irritationen“ sorge bei ihnen deshalb, dass das Thema jetzt plötzlich mit einem komplett ausgearbeiteten Bebauungsplan-Vorentwurf wieder aus der Versenkung auftauche. „Hier wurden Fakten geschaffen“, heißt es in dem offen Brief. An die Ratsmitglieder ergeht deshalb die Bitte, alternative Baulandflächen im Blick zu behalten. Im Speziellen: „Geben Sie der Entwicklung der Flächen am Langeloh mehr Zeit!“

Dass diese Flächen zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings nicht zur Verfügung stünden, machte Fachbereichsleiter Klaus Wahle im Ausschuss deutlich. Vielmehr liege für den Bereich der Sündelt „ein sehr ausgeklügeltes Konzept“ vor, von einem Investor, der in der Lage sei, dieses Baugebiet zu einem „vernünftigen Kurs“ zu erschließen – „weil er´s kann.“ Wahle betonte zudem, dass die Grundstücke frei auf den Immobilienmarkt kommen und für alle Fachkräfte zur Verfügung stehen – ausdrücklich nicht nur für die des Unternehmers.

Ausschuss winkt bei Projekt bei sieben Gegenstimmen durch

Während Marcel Spork (CDU) von einem „positiven Problem“ für Meschede sprach, weil es um den Wunsch junger Familien gehe, sich nahe an der Natur anzusiedeln und eine Umsetzung des Vorhabens als „realistisch, kurzfristig und bedarfsgerecht“ bezeichnete, kanzelte Hendrik Bünner (SPD) diese Haltung als „Armutszeugnis“ ab. Man habe erst vor Kurzem eine Arbeitsgemeinschaft für Nachhaltigkeit gegründet und müsse aufpassen, dass diese nicht gleich am Anfang zu bloßer Symbolpolitik verkomme. Hans-Theo Körner (Grüne) wiederum hält es für einen „Wahnsinn“, Flächen in Wennemen aufzugeben, um in Meschede dafür bestehenden Wald abzuholzen. Werner Rötzmeier (UWG) erinnerte an die „natürliche Baugrenze“, die er in dieser Höhenlage (fast 400 Meter) gefährdet sehe, während Dr. Jobst Köhne (FDP) attestierte, dass die Naherholung oberhalb des neuen Baugebietes aus seiner Sicht erhalten bleibe. Am Ende stimmte der Ausschuss bei sieben Gegenstimmen für die Beschlussvorlage, die nun in der nächsten Ratssitzung (von Donnerstag auf Mittwoch vorverlegt) endgültig verabschiedet werden könnte.

Hoffnung, dass es am Ende doch nicht so kommt, haben auch die Anlieger kaum. „Der Rat der Stadt walzt alles platt“, hieß es lapidar im Anschluss an die Ausschusssitzung.

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Die Profitgier ist die wahre „Sünde“ an der Sündelt

Die wahre „Sünde“ an der Sündelt ist nicht etwa die, dass ein wohlhabender heimischer Unternehmer Ambitionen hegt, einige Premiumbauplätze in exklusiver Lage anzubieten, um unter dem Deckmantel der Fachkräftesicherung den eigenen Marktwert bzw. die eigene Wertschöpfung zu steigern. Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist dieses Vorhaben legitim, zumal auch die Stadt Meschede monetär davon profitiert.

Nein, die wahre „Sünde“ an der Sündelt ist vielmehr die, dass für dieses Prestigeprojekt die mutwillige Zerstörung von über 14 Jahren natürlich gewachsenem Wald billigend in Kauf genommen wird. Aber das wird aus Reihen der Union eher als „positives Problem“ wahrgenommen, wie in der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses zu hören war. Muten Begrifflichkeiten wie „nicht hochwertiger Wald“ angesichts des dramatischen Waldsterbens um uns herum zumindest zweifelhaft an, so führt spätestens die Bebauungsplan-Begründung, ein „Wohnen für Familien unmittelbar an der Natur“ zu ermöglichen, damit u.a. Kinder die „Natur täglich hautnah erleben und mit und in ihr aufwachsen können“ das Vorhaben gänzlich ad absurdum. Dass sich die Anlieger mit ihren berechtigten Sorgen verschaukelt fühlen und aufgrund derlei (V)erklärungen von „Zynismus“ sprechen, dürfte niemanden verwundern.

Auch entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn eben jene Stadt vor nicht allzu langer Zeit noch geradezu euphorisch zu einem Pressetermin eingeladen hatte, weil ein bekannter Optiker mit großem Tamtam 5000 Buchen für den heimischen Stadtforst gespendet hat. „Umweltschutz ist immer auch Klimaschutz. Er nutzt allen Bürgerinnen und Bürgern“, sagte Bürgermeister Christoph Weber damals. Nun wissen wir aber alle, dass die Umwelt vergänglich ist. Und derlei Aussagen offensichtlich auch. Frei nach Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Vertrauen in die Politik schafft man so sicherlich nicht.

Nein, dann doch lieber mit offenen Karten spielen, liebe Stadt. So wie Fachbereichsleiter Klaus Wahle in der Ausschusssitzung. Er ließ wenig Zweifel daran aufkommen, dass das Baugebiet kommt. Weil der Investor gute Konditionen und einen vernünftigen Kurs anbiete – eben „weil er´s kann.“ Das war mal pointiert und transparent. Warum nicht gleich so? Es geht also – wie so häufig – ums liebe Geld. Da muss die Natur hinten anstehen.

Übrigens geht das Zitat von Adenauer noch weiter: „Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Weise waren auch schon die alten Indianer. So heißt es in einer Weissagung der „Cree“: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Bis dahin aber heißt es auch in Meschede: Guten Appetit!

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