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Zwischen Hoffen und Bangen

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Ein Bild aus glücklichen Zeiten: Heval Akil und sein Bruder Mesud (l.).
Ein Bild aus glücklichen Zeiten: Heval Akil und sein Bruder Mesud (l.).

Ausgerechnet an Weihnachten, dem Fest der Nächstenliebe und des Friedens, wird Familie Akil aus Meschede erneut mit den Wirren des Krieges konfrontiert.

Nachdem Heval Akil bereits vor einigen Monaten seiner Schwester und deren Mann bei der Flucht aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Syrien half (Kurier berichtete), erreichte ihn nun eine neue Schreckensmeldung: Sein jüngerer Bruder Mesud wurde von den Schergen der Terromiliz Islamischer Staat (IS) entführt.

„Wir machen uns große Sorgen um Mesud“, berichtet Heval Akil mit bedrückter Stimme. Seit einer Woche haben weder der seit 2001 im Sauerland lebende 34-Jährige noch seine Eltern in Qamischli, einer umkämpften Stadt im Grenzgebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei, ein Lebenszeichen von ihrem jüngsten Filius erhalten.

„Er ist aufgrund seiner Arbeit als Reporter schon öfter über Nacht nicht nach Hause gekommen, aber dann hat er immer bei meinen Eltern Bescheid gesagt. Das war dieses Mal nicht der Fall“, so Heval Akil. Sein Bruder Mesud ist seit Beginn des „Arabischen Frühlings“ 2011, in Zuge dessen sich die Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Baschar al-Assad bis heute zu einem brutalen Bürgerkrieg ausgeweitet haben, als Journalist und Kriegsberichterstatter für den nordirakischen TV Sender Rudaw TV tätig. Seit zwei Jahren drehen sich seine Berichte hauptsächlich um den Wiederstandskampf der kurdischen Peschmerga gegen die Schreckensherrschaft der Terrormiliz Islamischer Staat.

Bei einem solchen Einsatz ist der erst 21-jährige Mesud Akil am Montag vor einer Woche verschleppt worden. So berichtet es sein Bruder Heval. Ursprünglich sollte der junge Journalist gemeinsam mit seinem Kollegen Farhad Hamo vom Vorrücken der Peschmerga-Kämpfer im umkämpften Sindschar-Gebirge berichten. Doch dort kamen die Beiden nie an. An einem IS-Kontrollpunkt wurde das Auto der Reporter angehalten. Nach einer Passkontrolle und dem Auffinden der TV- und Kameraausrüstung wurden die Journalisten von der Miliz abgeführt, gefangen genommen und in ein Gefängnis in einer IS-regierten Stadt verschleppt.

Dass die Eltern in Syrien – der Vater ist ein einflussreicher Politiker – überhaupt von der Entführung ihres Sohnes erfuhren, war auch mehr dem Zufall geschuldet. Über den virtuellen Kurznachrichtendienst Twitter posteten IS-Kämpfer die Mitteilung „Zwei Verräter gefangen genommen“, Bekannte der Familie fanden heraus, dass es sich um zwei Journalisten handelt.

„Ein schwerer Schock für uns alle“

Da Mesud an diesem Abend nicht nach Hause kam und auch sein Handy ungewöhnlicherweise ausgeschaltet war, machten sich die Eltern große Sorgen. „Um halb fünf morgens rief mich mein Vater an und erzählte mir, dass Mesud nicht nach Hause gekommen ist und IS zwei Journalisten entführt hat. Das war natürlich ein schwerer Schock für mich“, erinnert sich Heval Akil noch genau, wie ihn die Schreckensnachricht am 16. Dezember erreichte. Er sei derart paralysiert gewesen, dass er den Weg zur Arbeit – Heval ist Koch in der Abtei Königsmünster – trotz Minusgraden ohne Jacke angetreten habe, ohne dass es ihm wirklich aufgefallen sei.

Endgültige Gewissheit, dass es sich bei einem der verschleppten Journalisten um „ihren“ Mesud handelt, erhielt die Familie von einem ehemaligen Gefangenen. Er kam aus dem selben Gefängnis und informierte den Vater nach seiner Freilassung. Ob sein jüngerer Bruder, dem unter anderem wegen Verrat der Prozess gemacht werden soll, in Gefangenschaft misshandelt wird, weiß Heval Akil nicht. Das einzig Gewisse ist, dass sein Schicksal ungewiss ist. Eine Befreiung kommt nicht infrage („Zu gefährlich“), als mögliche Optionen blieben das Freikaufen oder ein Gefangenenaustausch. „Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch wenn sie ehrlich gesagt relativ gering ist. Aber ich muss einfach weiter hoffen“.

Besonders makaber und fast schon bittere Ironie: just drei Tage vor der Entführung hatte Heval Akil noch ein Gespräch mit MdB Patrick Sensburg, in dem er ihm seinen Wunsch mitteilte, seinen Bruder Mesud schnellstmöglich nach Deutschland zu holen. Sensburg ist mittlerweile ebenfalls über die neuesten Entwicklungen informiert und sicherte bestmögliche Unterstützung zu.

Seinen Kindern versuchten Heval und seine Frau Songül, die trotz ihres muslimischen Glaubens Weihnachten feiern, indes, ein möglichst unbeschwertes Weihnachtsfest zu ermöglichen. „Es ist sehr schwierig, zu lächeln und die kindliche Freude über Geschenke und Weihnachten zu teilen, wenn es in einem drin ganz anders aussieht. Aber für meine Kinder mussten wir das einfach tun“. Für ihn ist es nach wie vor ein emotionaler Balance-Akt – und eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. (Von Lars Lenneper, l.lenneper@sauerlandkurier.de)

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