Das lange Warten auf den kleinen Pieks

Der Verzweiflung nah: Wie ältere Menschen im Sauerland um einen Impftermin kämpfen

Von der Zuversicht am Stichtag 8. Februar ist nicht mehr viel geblieben - auch im HSK führt die schleppende Impfterminvergaben mittlerweile zu Unmut und Unverständnis.
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Von der Zuversicht am Stichtag 8. Februar ist nicht mehr viel geblieben - auch im HSK führt die schleppende Impfterminvergaben mittlerweile zu Unmut und Unverständnis.

Mit großer Zuversicht und voller Hoffnung haben tausende ältere Menschen im Sauerland dem 8. Februar entgegengefiebert: Dem sinnbildlichen „Stichtag“, an dem die Corona-Schutzimpfungen für über 80-jährige Bürger des HSK in der Konzerthalle Olsberg begonnen haben. Knappe zwei Wochen später ist bei vielen vom anfänglichen Optimismus nicht mehr viel zu spüren – die Stimmungslage ist vielmehr geprägt von Enttäuschung und Unmut über die schleppende Vergabe von Impfterminen. 

Olsberg/Medebach/Hochsauerland – „Seit dem 25. Januar rufe ich täglich acht Mal an, um einen Impftermin zu bekommen. Jedes Mal bekomme ich am Telefon von der Zentrale zu hören, dass es ihnen leid tut, sie aber keine Termine mehr zu vergeben haben“, berichtete Reinhold Klump traurig. So wie dem fast 83-jährigen Rentner aus Medebach geht es derzeit vielen älteren Herrschaften im Sauerland. Die Terminvergabe stockt.

Waren es anfangs noch massive technische Schwierigkeiten bei der telefonischen Hotline und der Internetseite www.116117.de, die in den ersten Tagen der Terminvergabe für Corona-Impfungen in NRW für Frust und Unmut bei Betroffenen und Angehörigen sorgten, ist es mittlerweile vielmehr die ernüchternde Erkenntnis, dass einfach nicht genügend Impfstoff vorhanden ist, sodass Termine zeitlich nur sehr verzögert vergeben werden können.

1.744 Personen bis jetzt geimpft - davon vier mit Zweitimpfung

In Zahlen ausgedrückt heißt das, dass seit Impfbeginn am 8. Februar bisher 1.744 Personen im Impfzentrum Olsberg erstmalig geimpft worden sind; vier haben bereits die Zweitimpfung erhalten (Stand: 19. Februar). Über ein rollierendes System werden täglich 4.000 bis 5.000 Termine freigeschaltet. Mehr als 650.000 Termine (Erst- und Zweittermine) wurden laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) insgesamt in Westfalen-Lippe bislang vergeben.

Verzweifelt und aufgebracht: Der 83-jährige Reinhard Klump versucht seit drei Wochen vergeblich, einen Impftermin in Olsberg zu erhalten.

Reinhold Klump gehört bisher nicht dazu. Der 83-Jährige kann es nicht begreifen, er ist bekümmert und aufgebracht zugleich. Seit über drei Wochen versucht er nun telefonisch einen Impftermin zu bekommen. Jeden Morgen ab 8 Uhr ruft er im Stundentakt bei der Zentrale unter der für Westfalen zugeteilten Nummer 0800-11611702 an. Anders weiß sich der Witwer nicht zu helfen. Mit dem Internet kenne er sich nicht aus, also versuche er es immer und immer wieder telefonisch.

„Ich habe keine Angehörigen und keine Menschen, die mir helfen können. Meine Frau ist bereits 2014 verstorben. Seitdem bin ich ganz auf mich allein gestellt, habe darum schon die Caritas um Hilfe gebeten, damit sie mir einen Termin über das Internet buchen“, erklärte der Medebacher voller Verzweiflung. Dabei wünscht sich der gebürtige Essener nicht sehnlicher, als dass so schnell wie wie möglich viele Menschen geimpft werden und die Normalität von vor Corona zurückkehrt, Restaurants und Geschäfte wieder geöffnet sind, Veranstaltungen stattfinden und Urlaubsreisen möglich sind.

Ich habe keine Angehörigen und keine Menschen, die mir helfen können. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.

Reinhold Klump

Gudrun Schluer von der Caritas-Sozialstation Medebach bestätigt die Problematik. So versuche sie täglich, auf der Homepage www.116117.de Termine für ihre Patienten zu buchen. „Wir bieten unseren Klienten an, sie bei der Vergabe von Impfterminen zu unterstützen. Anfangs wurden ja Termine angeboten, doch beim Anklicken stand dann immer: Termin schon vergeben“, so die Medebacher Pflegedienstleitung.

KVWL kann Unmut verstehen - Termine orientieren sich an Impfstoffmenge

Auf Nachfragen des Sauerlandkurier räumt die KVW Verbesserungspotenzial im Vergabeprozess ein. „Ich kann den Unmut der Menschen verstehen, denn das System ist unbefriedigend. Es können immer nur Termine für einen Tag vergeben werden“, sagt etwa Dr. Hans-Heiner Decker, Bezirksstellenleiter der KVWL Westfalen-Lippe im Gespräch mit dem SauerlandKurier.

Seit Impfbeginn am 8. Februar sind bisher 1.744 Personen im Impfzentrum Olsberg erstmalig geimpft worden; vier haben bereits die Zweitimpfung erhalten (Stand: 19. Februar).

Warum das so ist, erklärt Heike Achtermann, Stabsbereichsleitung Kommunikation. Demnach korrespondiere die Zahl der Termine mit der Zahl der vorhandenen Impfstoffe. „Es werden jeden Tag neue Termine eingestellt, allerdings sehr kleine Kontingente aufgrund der vorhandenen Impfstoffe. Die Leute müssen dran bleiben. Am Besten versuchen sie nachts über die Homepage Termine zu buchen oder direkt morgens um 8 Uhr telefonisch“, macht Heike Achtermann allen über 80-jährigen impfwilligen Sauerländern Mut.

Mehr Impfstoff ab März?

Und tatsächlich scheint es Grund zum Optimismus zu geben: Wie das NRW-Gesundheitsministerium in dieser Woche gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigte, rechne man mit einer steigenden Impfstoffmenge von Biontech. Ab März stünden demnach wöchentlich 100.000 Impfdosen für die Erstimpfung von Personen ab 80 Jahren zur Verfügung. Ursprünglich sei für die Kreise und Städte im März mit 70.000 Biontech-Impfdosen pro Woche kalkuliert worden.

Bis dahin will auch Reinhold Klump seine Zuversicht nicht verlieren: „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.“

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