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Eine große Zwickmühle

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Bevor am Runden Tisch Experten und Betroffene über Probleme im Gesundheitswesen diskutierten, haben Heim- und Werkstattrat des Josefsheims auf dem HIT-Parkplatz für die Gleichstellung behinderter Menschen demonstriert. Sie informierten Passanten über Situation der Menschen mit Behinderung und ihren Rechten in Europa. Lautstark unterstützt wurden sie dabei von der Rockband NOKTA.  Foto: Timo Bakenfelder
Bevor am Runden Tisch Experten und Betroffene über Probleme im Gesundheitswesen diskutierten, haben Heim- und Werkstattrat des Josefsheims auf dem HIT-Parkplatz für die Gleichstellung behinderter Menschen demonstriert. Sie informierten Passanten über Situation der Menschen mit Behinderung und ihren Rechten in Europa. Lautstark unterstützt wurden sie dabei von der Rockband NOKTA. Foto: Timo Bakenfelder

Ferdinand Niessen ist in einer schwierigen Lage. Der Arzt aus Bigge soll 90.000 Euro aus eigener Tasche zahlen, weil er sein Budget überzogen hat. Der Regressbescheid kam Anfang des Jahres. Wegen der Nähe seiner Praxis zum Josefsheim Bigge gehören viele behinderte Menschen zum Patientenstamm des Allgemeinmediziners. "Sie brauchen mehr Verordnungen als andere Patienten", sagt Niessen. Mit dem vorgegebenen Budget kommt er deshalb nicht aus.

Aus Angst vor dem Ruin verordnet der Arzt jetzt weniger. "Nur noch ein Mal pro Woche Krankengymnastik statt zwei oder drei Mal — viele Betroffene leiden schon jetzt darunter", sagt Jürgen Kröger. Als Vorsitzender des Werkstattrats vertritt er die Menschen mit Behinderung im Josefsheim. Die haben den "Fall Niessen" zum Thema des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung behinderter Menschen gemacht.

Im Pfarrheim der St. Martinus-Gemeinde trafen sich Vertreter von Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe und der Politik mit Betroffenen. "Wie weit ich mein Budget überzogen habe, wird nur an statistischen Werten überprüft. Nicht an den Bedürfnissen meiner Patienten", bemängelte Niessen. "Das System hat Schwächen", räumte auch der Landtagsabgeordnete Hubert Kleff (CDU) ein.

Ärzte bangen um Existenz

Das Josefsheim als Reha-Anbieter verfolgt die Entwicklung kritisch. "Für Leistungen, die Ärzte nicht mehr verordnen, können wir nicht einfach Ersatz schaffen", sagte Geschäftsführer Hubert Vornholt. Dies würde die Rehabilitationskosten erhöhen. Außerdem müsste dann die Sozialhilfe statt der Krankenkassen die Leistungen bezahlen. "Ein reiner Verschiebebahnhof, das eigentliche Problem bleibt ungelöst", so Vornholt.

Die Situation verschlimmere sich noch, weil viele Ärzte aus Angst vor Regressen immer weniger verschrieben, erläuterte Ferdinand Niessen. So sinke der statistische Durchschnitt weiter. Ärzte, die wie Ferdinand Niessen unter besonderen Bedingungen arbeiteten, lägen deshalb prozentual immer weiter über dem erlaubten Budget.

Eine Folge dieser Entwicklung beschrieb Michael Flügge von der AOK Westfalen-Lippe: "Am Ende ist sogar Geld übrig, das von den Ärzten nicht abgerufen wird." Bleibt die Frage, wie dieses Geld diejenigen erreicht, die es benötigen. Dr. Michael Decker von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe schlug vor, die offenen Regressforderungen direkt damit zu begleichen.

Heimbeirat und Werkstattrat des Josefsheims bevorzugen eine andere Lösung: das Budget für einzelne Ärzte abzuschaffen und diese dafür auf eine Rufbereitschaft für Einrichtungen wie das Josefsheim zu verpflichten. Ein solches Modellprojekt gibt es bereits in Bochum. Aus dem Publikum kam der Vorschlag, das Budget der Ärzte um einen bestimmten Faktor zu erhöhen, die behinderte, ältere oder chronisch kranke Menschen behandeln. Der Runde Tisch konnte zwar keine Lösungen erarbeiten, aber wichtige Anregungen geben — so lautet die Bilanz der Organisatoren.

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