Momente für die Ewigkeit

Sauerländerin Margit Engelhardt erlebt Mauerfall in Berlin hautnah mit

"Selfie" im Jahr 1989: Margit Engelhardt steht vor der Berliner Mauer, die von zahlreichen Berlinern belagert wird.

Olsberg/Berlin - Jubelnde Menschen auf der Mauer, Ost- und Westberliner, die sich in den Armen liegen – die Bilder vom Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 gingen um die Welt. Heute jährt sich das welthistorische Ereignis zum 30. Mal. Die Olsbergerin Margit Engelhardt war damals in Berlin und schildert im Gespräch mit dem Sauerlandkurier ihre Erlebnisse.

Als ihr beim morgendlichen Berufsverkehr auf der Stadtautobahn Berlin am 10. November 1989 drei Trabbis entgegen kamen, staunte Margit Engelhardt nicht schlecht. „Hä? Was ist denn jetzt los?“, waren die ersten Gedanken der damals 26-Jährigen, die das so bedeutende Ereignis am Vorabend nicht mitbekommen hatte, weil sie früh schlafen gegangen war. Fünf Jahre lebte die gebürtige Sauerländerin zur Zeit der Wende bereits in der durch den „Antifaschistischen Schutzwall“ – wie die DDR die Mauer nannte – geteilten Stadt. „Ich fand es einfach super spannend. Für mich war es ein Muss, in Berlin zu leben, auch weil ich eine hohe Affinität zu der Stadt hatte“, erklärt Engelhardt ihre Beweggründe, nach West-Berlin zu ziehen, wo sie tagtäglich mit dem Leben in einer geteilten Stadt konfrontiert wurde. 

Dass die Mauer fallen würde, damit hatte wohl niemand gerechnet, auch Margit Engelhardt nicht. „Es war unglaublich. Wenn ich heute an die Stimmung von damals denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Es war einfach unvorstellbar, dass die alten Strukturen wegbrachen.“ Auch persönlich brachte die Öffnung der Mauer für die gebürtige Sauerländerin bewegende Momente mit sich. „Meine Tante und mein Onkel aus dem Osten wollten sofort kommen. Wir haben den Treffpunkt U-Bahnhof Möckernbrücke ausgemacht. Weit vor dem verabredeten Bahnhof, ich wohnte damals in Spandau und hatte für die Anreise zum verabredeten Treffpunkt schon unglaubliche drei Stunden gebraucht, ließ ich das Auto stehen und ging zu Fuß weiter. Aufgrund der vielen Autos, die unterwegs waren, schien mir das die beste Lösung.“ In ihrer Erinnerung sieht sie sofort die Bilder von überfüllten Straßen vor sich, die „so voll wie nie waren“. 

"Wir fielen uns in die Arme und konnten es kaum glauben"

„Die Lücken zwischen den Autos füllten Menschen, die einander suchten, fanden und feierten. Gott und die Welt war unterwegs. Das ist mir wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben.“ In Erinnerung geblieben ist ihr auch die erste Begegnung mit ihren Verwandten nach der Grenzöffnung. „Es dauerte nicht lange und ich traf sie, diese beiden, die ich Zeit meines Lebens dafür bedauert habe, dass sie im ,falschen Teil’ Deutschlands leben mussten. Wir fielen uns in die Arme und konnten es kaum glauben.“ Die Rückfahrt nach Spandau dauerte noch einmal genau so lange. Insgesamt sei sie acht Stunden unterwegs gewesen, um die Verwandten zu sich zu holen. Zum Vergleich: an normalen Tagen dauerte die Fahrt bei regem Stadtverkehr etwa zwei Stunden. 

Ein unvergessenes Ereignis: Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer.

Zwei bis drei Tage blieben die Besucher aus dem Osten noch bei Engelhardt im Westen. Gemeinsam erlebten sie die historischen Ereignisse hautnah und ließen sich von der vorherrschenden Euphorie anstecken. „Am Abend des zweiten Tages in Freiheit von Tante und Onkel sind wir in das Meer von Menschen auf dem Berliner Kurfürstendamm eingetaucht. Der Ku’damm war für Autos gesperrt, aber jeder Winkel war voll mit Menschen, die feierten, jubelten, strahlten und sich in den Armen lagen“, erinnert sich Margit Engelhardt an das Erlebte, das für sie bis heute eine einzigartige Dimension hat. „Die Stimmung, die das Ganze auf mich ausgeübt hat, habe ich als ein nicht zu übertreffendes, geschichtliches und miterlebtes Ereignis in meiner Erinnerung gespeichert.“ 

"Eroberung des KaDeWe"

Die Erlangung der Reisefreiheit für Tante und Onkel und alle anderen DDRler habe sie als „unglaublich großes Glück“ empfunden. Genauso im Gedächtnis geblieben ist ihr die gemeinsame „Eroberung des KaDeWe“ mit ihren Verwandten. „Meine Tante und mein Onkel wollten einfach nur gucken, nichts kaufen. Sie haben gestaunt und haben sich von dem westlichen Leben infizieren lassen“. Getreu dem Motto „Nur gucken, nicht anfassen“, so schildert sie die ersten Berührungen ihrer Verwandtschaft mit dem westlichen Lebensstil – Momente für die Ewigkeit. 

Noch bis 2002 lebte Engehardt in der seit dem Mauerfall wiedervereinten Stadt, bis sie sich entschied, wieder ins Sauerland zu ziehen, um das dortige „entschleunigte Lebensgefühl“ zu genießen. In diesem Jahr, 30 Jahre nach den für sie so bewegenden Erlebnissen in Berlin, hat sie ein weiteres Ereignis ereilt, das auf die Trennung der beiden deutschen Staaten zurückgeht. „Eine Cousine aus dem Osten tauchte auf der Beerdigung meines Vaters auf, wir kannten uns nicht, hatten uns nie gesehen.“ Ein bewegender Moment für die Olsbergerin, wie sie sagt. „Ich habe gestaunt und finde es toll, dass sie sich getraut hat zu kommen. Sie hat sich immer so gefühlt, als würde sie nicht zur Familie gehören“, so Margit Engelhardt, die nun so viele Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zu ihrer Cousine weiter Kontakt aufbauen möchte, um auch diese Trennungsgeschichte zu überwinden.

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