Anschluss an die weite Welt

Ein Schienenbus der Baureihe 798 verlässt Gleidorf und erreicht die fast schon vergessenen Bahnübergänge zwischen Gleidorf und Schmallenberg.

Dort, wo heute jeden Tag Radfahrer und Wanderer das Sauerland erkunden, wurden mehr als 50 Jahre lang "Sommerfrischler" aus dem Ruhrgebiet, Männer und Frauen zur Arbeit nach Schmallenberg oder Meschede und Kinder in die verschiedenen Schulen gebracht. Der SauerlandRadring, einer der schönsten Radwanderwege Westfalens, verdankt seine Existenz im Grunde genommen einer Anordnung Kaiser Wilhelms II.

Seine Majestät höchstpersönlich gab 1906 die Genehmigung zum Bau der Bahnstrecke Wenholthausen- Schmallenberg beziehungsweise Wennemen-Finnentrop. Eröffnet wurden die beiden Verbindungen zwischen der Oberen Ruhrtalbahn und der Ruhr-Sieg-Strecke vor 100 Jahren, nämlich am 14. Januar (Wennemen-Finnentrop) und am 30. September (Wenholthausen-Schmallenberg) 1911. Die Eröffnungszüge wurden an jedem Bahnhof vom ganzen Dorf begrüßt. Endlich war der Anschluss an die große, weite Welt hergestellt worden. Jetzt hieß es: "Heiminghausen-Wennemen-Berlin" oder "Dorlar-Altenhundem-Frankfurt"! Aber für den Fernverkehr wurden die Bahnlinien nie gebaut. An den Fahrkartenschaltern wurden eher Karten für die Strecke Fleckenberg-Fredeburg oder Frielinghausen-Berge verkauft. Gemächlich ging es zu auf der Wenne-Lenne-Bahn. Die Dampfloks - ab den 1950er Jahren auch Dieselloks - benötigten für die 42 Kilometer zwischen Altenhundem und Schmallenberg eine Stunde 30 Minuten, was immerhin eine Reisegeschwindigkeit von 32 Kilometern pro Stunde bedeutete. Es war halt eine Nebenbahn.

Niedrige Reisegeschwindigkeit

Die niedrige Reisegeschwindigkeit resultierte nicht unbedingt aus der Langsamkeit der Züge, sondern aus den vielen Haltestellen. Zwischen Altenhundem und Wennemen hielt der Zug 16 mal, nämlich in Kickenbach, Langenei, Gleierbrück, Saalhausen, Lenne, Fleckenberg, Schmallenberg, Gleidorf, Fredeburg, Heiminghausen, Dorlar, Frielinghausen, Bremke, Wenne, Wenholthausen und Berge. Jetzt fragen sich einige sicherlich: Wo liegt der Ort Wenne? Der Haltepunkt Wenne lag zwischen den Bahnhöfen Bremke und Wenholthausen. Baron von Weichs zur Wenne hatte für den Bahnbau Teile seines Grundbesitzes abgegeben und erhielt einen eigenen Haltepunkt unweit seines Anwesens. Dieser Haltepunkt Wenne wurde aber auch von vielen Reisenden benutzt, die aus Richtung Schmallenberg nach Eslohe reisen wollten. Sie stiegen in Wenne aus und gingen zu Fuß nach Eslohe. Einen "Integralen Taktfahrplan", wie ihn die Bahn heute hat, gab es nicht, und in Wenholthausen hätte man lange auf den Anschlusszug nach Eslohe warten müssen. Aber die große Zeit der Eisenbahnen war nach dem Zweiten Weltkrieg schnell vorbei.

1964 kam der letzte Personenzug

Das Auto eroberte den Verkehr, Busse konnten flexibler eingesetzt werden als die Bahn und auch die ab den 50er Jahren eingesetzten Schienenbusse, auch Retter der Nebenbahnen genannt, konnten diese Entwicklung nicht aufrechterhalten. Am 28. Mai 1964 hatte die Uhr für den Personenverkehr zwischen Altenhundem und Wennemen geschlagen. Der letzte (planmäßige) Personenzug erreichte Schmallenberg. Festlich geschmückt machte sich die Dampflok mit vier Wagen auf die letzte Reise nach Wennemen. Dass dieser Zug noch einmal von einer Dampf- und nicht, wie damals üblich, von einer Diesellok gezogen wurde, ist dem Schmallenberger Bahnpersonal zu verdanken.

Sie setzten alle Hebel in Bewegung, damit die Lok 86-507 des Betriebswerkes Finnentrop noch einmal durch die Täler von Lenne, Leiße und Wenne dampfen konnte. Nach der Einstellung des Personenverkehrs fuhren noch 30 Jahre lang, nämlich bis zum 29. Dezember 1994 Güterzüge nach Schmallenberg. Zunächst hatten diese Züge noch eine stattliche Länge. Kunden waren unter anderem die Steinbrüche in Bergerhammer, das Sägewerk in Bremke, Genossenschaften in Wenholthausen, Bremke, Dorlar, Gleidorf und Schmallenberg, das Fredeburger Drahtwerk und ein Schmallenberger Landhandel. Nach und nach stellten diese Betriebe aber alle auf den Lastwagen als Transportfahrzeug um und von den Kartoffeln, die der Zug am Schluss nur noch sporadisch nach Schmallenberg brachte, konnte die Deutsche Bahn nicht satt werden.

Zug mit Trauerflor

Mit Trauerflor geschmückt verließ der letzte Güterzug bei Sau(erland)wetter Schmallenberg. Zehn Jahre später begannen die Arbeiten für den SauerlandRadring. Im Jahre 2004 wurden die noch verbliebenen Schienen abgebaut und die Bahntrasse zum Fahrradweg umgebaut. Der Vorteil eines solchen Bahntrassenradweges liegt klar auf der Hand. Bahnstrecken haben nur geringe Steigungen und so sind sie zum Fahrradfahren ideal - wenn die Schiene gegen eine Asphaltschicht ausgetauscht wird.

Der rund 80 Kilometer lange SauerlandRadring Eslohe-Finnentrop-Altenhundem-Schmallenberg-Eslohe ist seit 2006 fertiggestellt. Noch in diesem Jahr soll die Anbindung an den Ruhrtalradweg vom ehemaligen Haltepunkt Wenne bis nach Wennemen ebenfalls fertiggestellt sein. Über das mittlerweile deutschlandweit hervorragend ausgebaute Radwegenetz ist dann auch wieder "Dorlar-Altenhundem-Frankfurt" oder "Heiminghausen-Wennemen-Berlin" möglich, wenn auch langsamer und anstrengender als vor 100 Jahren.

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