Bilder noch heute vor Augen

Heinz Rökker (re.), Joe Cleary (li.) trafen sich vor fast elf Jahren im Sauerland.

In der Nacht vom 24. auf den 25. März jährt es sich zum 65. Mal, dass im Sauerland, über dem Rothaargebirge, ein Bomber der britischen Armee abgeschossen wurde. Gerhard Voss aus Westfeld schildert seine Erlebnisse.

"Oberstleutnant Heinz Rökker flog mit seiner Ju88 vom Fliegerhorst Bad Langensalza, um die britischen Bomber abzufangen. Vier Maschinen wurden von seinen Bordkanonen in dieser Nacht abgeschossen. Darunter auch die Lancaster von Sergant J.A. Newmann. Nach heftigem Kampf wurde die Maschine, in der bitterkalten Winternacht so schwer getroffen, dass sie im Hirschberg bei Oberkirchen abstürzte. Sie bestand aus sieben Mann Besatzung, drei überlebten den Abschuss, vier starben beim Absturz aus 5500 Metern Höhe.

Sauerländer nahmen Verletzen mit

Einer der Überlebenden war Sergant Nicholas Stephen Alcamade. Es sprang aus Panik aus der brennenden Maschine ohne angelegten Fallschirm. Er lag im tiefen Schnee, als er aus der Ohnmacht erwachte, konnte er alle Glieder bewegen. Seit seinem Sprung waren über drei Stunden vergangen. Mit seiner Trillerpfeife, die jedes Besatzungsmitglied bei sich hatte, machte er auf sich aufmerksam. Eine Gruppe Sauerländer nahmen den Verletzten mit ins Tal.

Zusammen mit zwei anderen Westfelder Jungs fand ich den eingerollten, unbenutzten Fallschirm und wir versteckten ihn unter einer Fichte, um ihn später zu holen. Aber wir wurden, was wir nicht wussten, von einem Bauern aus Oberkirchen dabei beobachtet. Nachmittags war der Fallschirm weg. Im Frühjahr konnte man allerdings vier Mächen in neuen, selbstgenähten Blusen aus feinster Seide in der Sonntagsmesse beobachten.

Ein weiterer Überlebender des Absturzes war Joe Cleary aus Leeds. Er rettete sich mit seinem Fallschirm, wurde aber mit Erfrierungen an den Füßen ins Lazarett nach Meschede gebracht. Dank einer fürsorglichen Krankenschwester, die seine Füsse stundenlang massierte, wurden sie nicht amputiert.

Zwei Wochen nach dem Absturz wurden immer noch zwei Piloten vermisst. Plötzlich hieß es morgens in der Volksschule Oberkirchen und Westfeld, dass die Schulkinder helfen sollten die vermissten Toten in einer großen Fichtendickung zu suchen. Tags zuvor hatte mein Onkel einen Toten gefunden. An diesen wurden wir herangeführt, "So sehen die aus", sagte er. Auch die beiden letzten Vermissten wurden gefunden.

Oft habe ich mich später gefragt, warum man uns Zehnjährigen diese Bilder nicht erspart hat. Die Mädchen haben nur geweint, und selbst nach 65 Jahren hat man diese Bilder noch vor Augen.

Intensive Suche nach den Piloten

1998 fand eine intensive Suche nach Joe Cleary aus Leeds und Heinz Rökker aus Oldenburg statt. Beide trafen sich in jenem Sommer und besichtigten die Unglücksstelle in Oberkirchen. Bei der Gelegenheit konnte ich Joe Cleary seine Trillerpfeife und seinen Kompass zurückgeben, nach 54 Jahren.

Heute, zwei Jahre nach Joe Clearys Tod, stehe ich mit seinen Söhnen noch in Kontakt. Die Trillerpfeife von Sergeant Alcamade wird in Kürze dem britischen Militärmuseum übergeben. Diese ganze Geschichte erlangte Berühmtheit, denn im Jahre 1980 drehte ein japanisches Filmteam eine Dokumentation über das Geschehen dieser Nacht im März 1944."

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