„Teilhabe ist Menschenrecht“

Bundesteilhabegesetz beschäftigt Sozialwerk St. Georg in Schmallenberg

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Wo liegen Baustellen in Umsetzung und Praxis von Partizipation? – Dazu diskutierten (v.l.) MdB Dirk Wiese, Susanne Fabri (Qualitätsentwicklung), Geschäftsführer Holger Gierth und Gitta Bernshausen (Vorstand, fehlt auf dem Foto).

Schmallenberg - Zu einem Jahrespressegespräch des Sozialwerks St. Georg am Standort Schmallenberg kamen Vertreter aus Führungsebene und Politik zusammen, um Rede und Antwort zu aktuellen Debatten und Entwicklungen im sozialen Sektor zu stehen. Im Fokus stand ein Thema, das derzeit alle, die mit benachteiligten Menschen in Berührung kommen, bewegt: Das Bundesteilhabegesetz, über welches am runden Tisch mit MdB Dirk Wiese diskutiert wurde.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht es über allen anderen Gesetzen im Grundgesetz geschrieben. Artikel 3 knüpft daran an und besagt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und daher niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Doch wie schaut genau das in der Praxis aus und wo liegen Baustellen in der Umsetzung?

Um an den Stellschrauben zu drehen und die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen weiter zu stärken, ist das Bundesteilhabegesetz Anfang 2017 in Kraft getreten und wird bis 2023 in mehreren Stufen umgesetzt. Mit dem Bundesteilhabegesetz ändern sich die Wege der staatlichen Finanzierung und auch die Feststellung der Bedarfe für Menschen mit Assistenzbedarf. Klienten sollen am Gesamtplanverfahren teilhaben, aktiv mitwirken und so ein Stück weit mehr Verantwortung übertragen bekommen. Dies gelte aus Sicht des Sozialwerks als wichtige Vorbereitung auf ein autonomeres Leben und im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention als Meilenstein auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft.

„Es handelt sich um einen langen Gesetzgebungsprozess. Wir befinden uns gerade mitten in der Umsetzung, um Menschen mit Behinderungen zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen, sodass sie auch im Beruf wieder leichter Fuß fassen“, postuliert MdB Dirk Wiese, der die Erfahrungen aus der Praxis in den Bundestag hineintragen wird. „Man sieht, dass viel zu tun ist. Die Politik wünscht sich Rückmeldung, wo es hakt und wir weiter nachsteuern können“, ergänzt der Bundestagsabgeordnete für den Hochsauerlandkreis. „Ins Eingemachte“ gehe es laut Wiese ab dem 1. Januar 2020, wenn weitere Änderungen innerhalb der Institutionen in Kraft treten – so auch im Sozialwerk St. Georg in Schmallenberg, einer Einrichtung, die benachteiligte Menschen auf dem Weg zurück ins Berufsleben unterstützt.

Die Menschen wieder auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten sei eines der Kernziele, um ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung sowie die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, weiß auch Holger Gierth, Geschäftsführer des Sozialwerks St. Georg. „Wir stehen vor der zentralen Herausforderung, die Organisation auf Basis des Gesetzes anzupassen und Dinge zu verändern. Wir verzeichnen unter anderem eine steigende Nachfrage im psychatrischen Bereich, haben aber Probleme, Dienstleistungen an den Mann zu bringen. Der Personalschlüssel ist zu gering, der Wohnraum für eine ambulante Betreuung der Klienten stark begrenzt“, schildert Gierth die derzeitige Situation. „Der Fach- und generell Arbeitskräftemangel ist ein großes Thema und ein Problem aller Träger. Wir haben rund 20 freie Stellen, die Situation ist angespannt“ – schließlich betreut das Sozialwerk St. Georg etwa 4600 Menschen, sei es stationär, ambulant oder in den Werkstätten.

„Regisseur ihres eigenen Lebens“

Um die Menschen auf dem Weg zum „Regisseur ihres eigenen Lebens“ zu begleiten, wurden zahlreiche Projekte unter dem Jahresthema 2018 „Gemeinsam. Gewaltfrei. Gleichberechtigt!“ ins Leben gerufen. In der Ambulanten Wohnschule werden Klienten auf ein unabhängiges Leben in der eigenen Wohnung vorbereitet. Schreibfreudige können ihr Talent in einer eigenen Redaktion der Zeitschrift „DruckArt“ entfalten. Musikbegeisterte hingegen dürfen ihrer Leidenschaft in der Band „Diagnosefrei“ freien Lauf lassen – so wird ihnen ein Stück weit Normalität, unabhängig ihrer Einschränkung, geboten. Auch in Umbaumaßnahmen wurde investiert, um die Räumlichkeiten an die spezifischen Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Das Haus Schmallenberg in Westfalen-Süd wurde für rund 700.000 Euro grundlegend saniert, mit einem modernen Anbau erweitert und barrierefrei gestaltet. Die Verlagerung auf den steigenden ambulanten Bereich wurde mittels verschiedener Projekte gefördert, um dort ebenfalls barrierefreien Wohnraum zu schaffen. Eine neue Werkstatt für Menschen mit Autismus bietet zudem eine ruhige, reizarme Umgebung und mehr Sicherheit.

Schaut man auf das laufende Jahr, so spielt das Thema „Wirksamkeit“ erneut eine wichtige Rolle. Die Initiative 2019 „Mitmachen. Teilhaben. Wirksam sein.“ fußt zugleich auf dem Bundesteilhabegesetz und soll den Einfluss der Menschen mit Behinderungen auf das eigene und gesellschaftliche Leben weiter steigern. Klienten sollen unter Anleitung lernen, ihre Rechte und Ansprüche, beispielsweise bei Kostenträgern, möglichst selbstständig durchzusetzen. Weiterhin bleiben der er Gewinn von qualifiziertem Personal sowie interne Weiterbildungsmaßnahmen ein wichtiges Thema.

Mit zahlreichen Projekten nimmt das Sozialwerk bereits eine Vorreiterrolle auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft ein, um ein Kernziel zu erreichen: dass Menschen mit Behinderungen nicht länger an gleichberechtigter Teilhabe der Gesellschaft behindert werden.

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