"Das zweite Leben"

Familienglück: Mutter Iris, Vater Thomas und Bruder Christian Schöllmann (v. l.) sind erleichtert, dass es ihrem Tobias (l.) schon besser geht. Foto: Marco Twente

In der Weihnachtszeit freuen sich Kinder wohl am meisten über die Geschenke unter dem Tannenbaum. Tobias Schöllmann aus Schmallenberg hat sein Geschenk bereits im Sommer erhalten — eine zweite Chance. Am 30. Juni erhielt der an Leukämie erkrankte Elfjährige die lebensrettende Nachricht — ein Knochenmarkspender ist gefunden.

Gut vier Jahre ist es her, da erreichte die Familie Schöllmann eine Schreckensnachricht. Ihr kleiner Sohn Tobias war im Alter von nur sechs Jahren an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt. Nach zwei Jahren Chemotherapie und großen Sorgen ging es ihrem Tobias wieder besser, die Krankheit schien besiegt. Doch im März 2009 dann der Rückfall — bei Tobias wurde ein Rezidiv im Knochenmark festgestellt. "Was nun kam, war ein Leidensweg", blickt Mutter Iris zurück. "Tobias war fast nur noch im Krankenhaus", berichtet Vater Thomas.

Ganze Region kam Hilferuf nach

Im April stand fest, die Chemotherapie allein würde nicht ausreichen, eine Stammzellentransplantation wurde nötig. Für Tobias musste ein Fremdspender gefunden werden, bei dem die Gewebemerkmale identisch sind. In vielen Fällen ist dies beinahe aussichtslos, müssen die Patienten lange auf einen geeigneten Spender warten. Doch Familie Schöllmann stand nicht allein, denn die ganze Region kam dem Hilferuf des kleinen Tobias nach. Am 28. Mai wurde die Aktion "Hilfe für Tobias und andere" vom Verlagsleiter des SauerlandKuriers, Matthias Kramer, und Chefredakteur Torsten-Eric Sendler ins Leben gerufen. Mit dieser Unterstützung gelang es, die notwendige Typisierung zu finanzieren (eine Typisierung kostet 50 Euro). Es gab Spenden, Veranstaltungen von Institutionen, Unternehmen und Vereinen — das gesamte Sauerland war auf den Beinen. Tobias bekam gar eine eigene Homepage im Internet. Unglaubliche 2100 Menschen fanden sich am 20. Juni in der Valentinschule in Schmallenberg ein und ließen ihr Blut untersuchen.

Nur zehn Tage später folgte die Erlösung. Zwei Spender waren gefunden, die Stammzellen einer Frau eigneten sich schließlich am besten. "So einfach, wie es sich anhört, war es nicht", weiß Vater Thomas.

Es ging stündlich bergab

Denn mit der Aufnahme in das Knochenmarktransplantationszentrum in Münster begannen die Ängste erneut. Die Chemo wurde noch intensiver, um das Knochenmark ganz zu zerstören. Das Immunsystem litt, es ging stündlich bergab. "Ohne einen Spender wäre ein Leben von jetzt an nicht mehr möglich gewesen", es gab kein Zurück mehr. Als die Familie am 12. August in der Klinik saß, kam nach einem langen Tag der erste Beutel mit Blut per Kurier um 18.30 Uhr. Sofort wurde die Transplantation, ähnlich einer Bluttransfusion, eingeleitet. Nach zwei bis drei Wochen bildeten sich neue Zellen. Die Erleichterung war groß. Die ersten 100 Tage danach muss man mit einer Abstoßung rechnen, heute hat Tobias bereits 130 Tage überstanden, auch wenn es zeitweise Rückschläge gab. "Es geht mir gut", sagt der Elfjährige heute. Es ist zu sehen, dass er Freude an seinem "zweiten" Leben hat.

Zur Schule kann er zwar noch nicht, und Besucher müssen noch einen Mundschutz tragen, damit sich Tobias keine Infektion einfängt. Denn das Immunsystem arbeitet erst ein Jahr nach der Transplantation wieder richtig. Trotz Medikamenten und zweimaliger Untersuchung pro Woche, es geht ihm wieder besser. "Wir möchten allen Spendern und Helfern nochmals danken", sagt Vater Thomas.

Die Typisierung wurde komplett durch Spenden finanziert. Immerhin 40.000 Euro blieben übrig. Diese wurden für eine weitere Typisierung genutzt, um Tobias Zimmernachbarn in der Uni-Klinik Münster, Jan aus Bielefeld, zu helfen. Mit Erfolg, denn auch für Jan fand sich ein Spender — auch ihm geht es heute schon besser. Immerhin elf der 2100 Menschen aus der Typisierung sind in der engeren Auswahl für eine Spende, die anderen füllen die Deutsche Knochenmarkspender-Datei.

Elfter Geburtstag im Krankenhaus

Noch am 4. September musste Tobias seinen elften Geburtstag im Krankenhaus verbringen, heute freut er sich, bald wieder im Schnee spielen und Weihnachten mit Geschenken Zuhause bei seiner Familie verbringen zu dürfen. Doch das wahre Geschenk weiß Tobias mehr zu schätzen als alles andere — sein "zweites" Leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare