„Geweint, gelacht, gefeiert“

Interview: Gitarrist Raymund Bette erlebt Mauerfall mit Tom Astor Band "Dusty Trail"

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Die historische Maueröffnung bei Morgengrauen am Potsdamer Platz: Dieses Ereignis feierte Raymund Bette mit seiner Frau, der Band „Dusty Trail“ und Tom Astor am 12. November 1989 hautnah mit.

Schmallenberg – Mit dem Fall der Mauer seien sprichwörtlich alle Dämme in den Herzen der Menschen gebrochen, erinnert sich Raymund Bette aus Schmallenberg, damals Lead-Gitarrist der Tom Astor Band „Dusty Trail“. Im Interview mit SauerlandKurier-Volontärin Jessie Kristen erzählt er von dem wohl emotionalsten Auftritt in der Karriere der Countrystars aus dem Sauerland: dem Konzert von Tom Astor und „Dusty Trail“ am 11. November 1989 vor 11.000 Zuschauern in der Berliner Deutschlandhalle.

Wie kam es dazu, dass Sie an einem solch historischen Tag wie dem 9. November ‘89 mit Tom Astor und „Dusty Trail“ in Berlin unterwegs waren?
Wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Tom Astor wurde in den Achtzigern immer populärer, wurde 1986 sogar zum beliebtesten Countrysänger Europas gewählt. Wir standen seit vielen Jahren als Band treu an seiner Seite. Dann kam schließlich die Anfrage aus Berlin. Am 2. März 1989 unterschrieben wir den Vertrag für ein Konzert in der Deutschlandhalle. Meine Frau Vera, die mich zu besonderen Auftritten immer begleitet hat, erinnert sich noch an Toms Worte: „Die Deutschlandhalle – da kommen wir so schnell nicht mehr hin!“ – Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, was uns erwarten sollte. 

Raymund Bette war Lead-Gitarrist in der Tom Astor Band „Dusty Trail“.

War dieser Auftritt mit Tom Astor dann „Premiere“ in der damaligen DDR?
Nein, wir waren bereits vor dem „Mauerfall-Auftritt“ als Band „Dusty Trail“ mit Tom Astor und weiteren Bands wie „Truck Stop“ oder „Western Union“ in ganz Deutschland, unter anderem auch in der DDR, unterwegs – sogar noch kurz vor dem Mauerfall, nämlich am 1. und 2. September in Schleusingen. Ich weiß noch, dass ich nach diesem Auftritt krank nach Hause gekommen bin – weil ich mich so aufgeregt habe, was die Menschen dort über sich ergehen lassen mussten, wie sie ihrer Freiheit beraubt wurden, das kannten wir gar nicht. Besonders bestürzt war ich, dass unsere Fans nicht mal zu uns kommen konnten, um sich ein Autogramm zu holen. Die Stasi war immer präsent. Toms wohl bekanntesten Hit „Hallo, Guten Morgen, Deutschland“ durften wir nicht spielen – das Publikum sang es trotzdem. Wir haben gespürt: Da ist was im Gange. 

Die Berliner Mauer schaffte eine Kluft zwischen West und Ost, die vor genau 30 Jahren ein friedliches Ende nahm.

Sie traten dann in der Deutschlandhalle in Berlin kurz nach dem Mauerfall auf – was war anders?
Alle DDR-Bürger hatten freien Eintritt, die Deutschlandhalle platzte aus allen Nähten. Wir spielten vor 11.000 Menschen. Die Emotionen, die dort in der Luft lagen, sind kaum in Worte zu fassen – ich habe damals dennoch versucht, sie in meinem Tagebuch festzuhalten (liest vor): „Es wurde geweint, gelacht und gefeiert. Wir hatten Gänsehaut, es herrschte eine sagenhafte Stimmung, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und weinten vor Freude. Das Gefühl, bei solch einem historischen Augenblick dabei sein zu können, war unbeschreiblich. Die Mauer ist weg, Deutschland ist wieder vereint, wow – it’s a real good feeling. Noch nie hatten wir ‘Hallo, Guten Morgen, Deutschland’ mit solcher Inbrunst und solchem Feeling wie in Berlin gespielt.“ 

Countrysänger Tom Astor aus Schmallenberg spielte mit „Dusty Trail“ am 11. November, kurz nach dem Mauerfall, in einer randvollen Deutschlandhalle in Berlin.

Welche Bedeutung hatte der Hit „Hallo, Guten Morgen, Deutschland“ in diesem Moment?
Spätestens bei dem Song waren alle am Weinen, wir auf der Bühne haben bei dieser friedlichen Revolution ebenfalls ein paar Tränen verdrückt. Ich schaute rüber und geriet kurz ins Stocken, als ich sah, dass auch Tom Text-Aussetzer hatte – er war so ergriffen, dass ihm die Tränen kamen. Wir blickten in ein Meer aus Feuerzeugen und in bewegte Gesichter. Den Abend zuvor haben wir den Text dieses Liedes sogar noch verändert, der vorher viel trauriger war. Auch die Band „Western Unions“ setzte sich kurz vor dem „Mauerfall-Auftritt“ nochmal an ihren Text und machte aus den „Transit Cowboys“ die „Trabbi Cowboys“ (lacht). 

Wie haben Sie Tom Astor nach dem „Mauerfall-Auftritt“ erlebt?
Tom hat immer wieder zu mir gesagt: „Ray, dieser Auftritt war das Herausragendste, was ich in meiner Karriere erlebt habe.“ Bis heute haben wir beide Gänsehaut, wenn wir daran zurückdenken. Auch wenn sich unsere Wege musikalisch kurz nach ‘89 trennten – ich bin immer in engem Kontakt mit Tom als Mensch geblieben. 

Welche Szenen haben sich in den Tagen nach dem Fall der Berliner Mauer abgespielt?
Wir waren bei der historischen Maueröffnung des 12. November am Potsdamer Platz hautnah dabei. Es war eine unglaublich ergreifende Atmosphäre, alle umarmten sich und weinten vor Freude. Meine Frau bezeichnet diesen Moment als ihren „historischen Augenblick“ – sowas erlebt man schließlich nie wieder. 

Ein Ereignis mit historischer Bedeutung: Der Fall der Berliner Mauer bewegte die Herzen und ließ kein Auge trocken.

Was verbinden Sie auch heute noch, 30 Jahre nach dem Mauerfall, mit diesem historischen Ereignis?
Ich habe mir damals natürlich ein Stück Mauer mitgenommen, das hüte ich wie Gold. Meiner Frau und mir hat dieses Ereignis so viel bedeutet, dass wir seitdem mindestens einmal im Jahr nach Berlin fahren. Letztes Jahr sind wir sogar mit unseren E-Bikes den alten Mauerweg, heute ein Radweg, in drei Etappen auf 160 Kilometern abgefahren. Unser Traum ist es, das „grüne Band“, einen Radweg von der Ostsee bis ins Vogtland, an zwölf Tagen zu radeln. Das würde ich gern noch schaffen. Dabei genießen wir vor allem eines: Dass die Mauer nicht mehr da ist.

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