Gericht verhängt Freiheits- und Geldstrafe

Während die Eltern schliefen: Kind aus Fenster gestürzt - "Hätte tot sein können"

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Die Eltern des Jungen wurden wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheits- beziehungsweise Geldstrafe verurteilt. Die zuständige Sozialpädagogin des Jugendamtes Schmallenberg hat beantragt, das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder dem Jugendamt zu übertragen.

Schmallenberg/Gleidorf - Vier Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sowie eine Geldstrafe sind das juristische Resultat einer fahrlässigen Körperverletzung, die am Mittwoch vor dem Jugendrichter als Jugendschutzgericht in Schmallenberg verhandelt wurde. Ein zum Tatzeitpunkt zweieinhalbjähriger Junge stürzte am 27. Juli 2018 in Gleidorf aus einem geöffneten Fenster dreieinhalb Meter in die Tiefe, während seine Eltern unter dem geöffneten Fenster tief und fest schliefen.

Aufgrund fahrlässiger Körperverletzung wurde der mehrfach vorbestrafte dreifache Familienvater deshalb zu vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Seine Ehefrau erhielt eine Geldstrafe in Höhe von 45 Tagessätzen à 15 Euro.

Haftbefehl wegen Verdunkelungsgefahr

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Elternpaar vorgeworfen, am 27. Juli des vergangenen Jahres ihr Kind nicht beaufsichtigt zu haben. Das Kind war aus einem geöffnetem Fenster dreieinhalb Meter in die Tiefe gestürzt. Es wurde mit dem Rettungshubschrauber in die Kinderklinik nach Siegen geflogen, wo der leitende Chefarzt Dr. Stefan Beyerlein den Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und ein Bauchtrauma diagnostizierte. 

Dem Angeklagten wurde des Weiteren vorgeworfen, am 3. Juli 2019 eine Zeugin derart bedroht zu haben, dass sie sich hilfesuchend an das Gericht wandte. Bei der genannten Zeugin handelte es sich um diejenige, die dem Jungen als erstes Beistand und Erste Hilfe leistete. Das Amtsgericht Schmallenberg hatte daraufhin binnen zwei Stunden Haftbefehl wegen Verdunkelungsgefahr erlassen.

"Ich bin morgens um 6 Uhr von der Nachtschicht gekommen"

Während der Hauptverhandlung gab der 29-jährige Angeklagte die Tat zu. Den Tathergang erläuterte er wie folgt: „Ich bin morgens um 6 Uhr von der Nachtschicht gekommen. Es war sehr heiß und ich kämpfte mich durch den Tag. Mein Sohn, meine Frau und ich haben abends Pizza gegessen. Unsere anderen beiden Kinder waren bei meiner Schwiegermutter. Nach dem Essen bin ich mit Anton (Name von der Redaktion geändert) auf dem Sofa eingeschlafen.“

Seine Frau bestätigte den Ablauf, gab jedoch zu Verstehen, dass sie das Fenster erst geöffnet habe, als die beiden bereits schliefen. „Ich habe das Fenster geöffnet als die beiden schon geschlafen haben. Danach habe ich den Fernseher eingeschaltet und wollte Van Helsing gucken. Dabei bin ich auch eingeschlafen.“

"Der Junge hat wie am Spieß geschrien"

Das Drama nahm seinen Lauf: Der kleine Junge kletterte über das Fenstersims und hing, laut vor Panik schreiend, mit seinen kleinen Fingern festgekrallt am Fensterbrett. Weder seine Mutter noch sein Vater hörten die Schreie. Eine Nachbarin wurde trotz geschlossenem Fenster und der lauten Hauptverkehrsstraße auf der anderen Seite in ihrer Wohnung auf die gefährliche Situation aufmerksam.

„Das Kind hätte tot sein können. Der Junge hat wie am Spieß geschrien. Mein erster Gedanke war: Der ist vom Auto angefahren worden. Ich bin zur Tür gelaufen und sah Anton dann dort hängen“, so die Zeugin, die gleichzeitig die Erzieherin des Jungen im Kindergarten ist. „Ich habe den Jungen untersucht, der Krankenwagen wurde alarmiert. Niemand machte trotz zigfachen Klingelns und Klopfens die Tür auf“, so die fassungslose Zeugin die zudem aussagte, dass Anton häufig unsauber und verwahrlost im Kindergarten erscheine und soziale Defizite aufweise.

Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder soll Jugendamt übertragen werden

Die Aussagen der zuständigen Polizeibeamten unterstützten die Stellungnahme der Erzieherin: „Die Eltern bekamen wir trotz Klingeln und Klopfen nicht wach. Erst die gerufene Schwiegermutter öffnete uns mit einem Schlüssel die Wohnungstür. In der chaotischen Wohnung sahen wir dann sofort das geöffnete Fenster mit dem schlafenden Ehepaar darunter. Die Mutter wurde wach, der Vater war absolut nicht aufweckbar. Er war der Bewusstlosigkeit nahe. Aus unseren Erfahrungen heraus war er absolut high.“ Ein durchgeführter Drogentest bei der Mutter verlief negativ, der Vater wiederum verweigerte einen solchen.

Die zuständige Sozialpädagogin vom Jugendamt Schmallenberg gab in ihrer Aussage vor Gericht zu Protokoll: „Die Familie ist zur Zusammenarbeit bereit, sagt aber häufig Termine ab. Das ist ein Mangel an Zuverlässigkeit. Ich habe daher den Antrag ans Familiengericht gestellt, ein Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu erstellen sowie das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder dem Jugendamt zu übertragen.“

Staatsanwaltschaft fordert Drogentherapie mit regelmäßigem Screening

Nicht eingehaltene Termine bei der Bewährungshilfe und bei der ambulanten Suchttherapie waren weitere Vergehen des Angeklagten, die vor dem Amtsgericht zur Sprache kamen. Dazu zahlreiche Einträge im Bundeszentralregister aufgrund Diebstahls, Hehlerei, Beleidigung, Fahren ohne Führerscheins, räuberischen Diebstahls, Verbreitung pornografischer Schriften und Erschleichens von Leistungen.

Die Staatsanwaltschaft forderte im Falle des Angeklagten vier Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Des Weiteren forderte sie eine Drogentherapie mit regelmäßigem Screening. In Sachen der Mutter sah sie die fahrlässige Körperverletzung auch als erwiesen an, forderte aber nur 45 Tagessätze à 15 Euro.

"Strafrechtlich ist ihm nichts vorzuwerfen"

„Die Vorwürfe haben sich allesamt bestätigt. Aufgrund seines Drogenkonsums war der Angeklagte nicht aufweckbar. Er ist mehrfach in Erscheinung getreten“, so die zuständige Staatsanwältin. Der Verteidiger des Angeklagten forderte hingegen einen Freispruch: „Ich will das nicht bagatellisieren. Es passieren Unfälle im Leben, auch aus Nachlässigkeit heraus. Der Angeklagte schilderte offen und ehrlich die Umstände, wies auf seine anstrengende Schichtarbeit hin. Strafrechtlich ist ihm nichts vorzuwerfen.“

Der zuständige Richter schloss sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an und verurteilte den Schmallenberger zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, zur ambulanten Drogentherapie, regelmäßigen Drogenscreenings als auch zur Mitarbeit mit dem Jugendamt sowie der Einhaltung der damit verbundenen Termine. Der Haftbefahl wurde aufgehoben. 

 "Beide Elternteile haben grob fahrlässig gehandelt"

„Der Sachverhalt ist einfach, aber unvorstellbar und ungeheuerlich. Eine Zeugin auf der anderen Straßenseite hat bei geschlossenem Fenster das Kind schreien hören. Das war eine lebensbedrohliche Situation die zum Tode hätte führen können, eine absolute Horrorvorstellung. Der Angeklagte hat massiv unter Drogen gestanden. Beide Elternteile haben grob fahrlässig gehandelt. Ich habe null Zweifel an dem Straftatbestand“, resultierte der Richter. „Wenn Sie weiter Drogen nehmen, ist das ein Widerrufsgrund“, gab er dem Verurteilten mit auf den Weg.

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