Wälder für die Zukunft rüsten

Klimaresistente Pflanzen sollen Wald nachhaltig und zukunftssicher aufstellen

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Der Jahrhundert-Sturm Kyrill hinterließ auch im Schmallenberger Sauerland einen „Flickenteppich“ in den Wäldern und veranlasste Dipl.-Forstwirt Elmar Gilsbach zum Umdenken.

Oberkirchen - Ein Thema mit Brisanz, das laut Heino Pachschwöll „unter den Nägeln brennt“, während in Brasilien derweil die Wälder brennen – ein Bewusstsein um deren unschätzbaren Wert, auch im Sinne des Klimaschutzes, wollen heimische Waldbauern und Forstleute wiederherstellen und Zeichen setzen. Mittels moderner Forstverfahren wie klimaresistenter Pflanzen wollen sie den Wald nachhaltig und zukunftssicher aufstellen. Wie dies aussehen soll, berichten Experten und Aktive im Gespräch mit dem SauerlandKurier auf einer Fahrt durch das Land der tausend Berge.

So wichtig wie die Luft zum Atmen ist auch die Baumvielfalt und dessen Erhalt für die Wälder. Extreme Hitzewellen, lange Trockenperioden und Jahrhundert-Stürme in Folge des Klimawandels stellen Waldbauern jedoch vor neue Herausforderungen. Orkantief „Kyrill“ brachte Bäume wie Streichhölzer zu Fall, sodass ganze Waldstücke im Sauerland bis heute einem Flickenteppich gleichen – so auch in den Schmallenberger Höhen Oberkirchens, wo sich Familie Gilsbach in Besitz von rund 200 Hektar Kulturfläche befindet.

Dipl.-Forstwirt Elmar Gilsbach wusste schnell, dass die Zeit für Veränderung gekommen war: „Nach Kyrill fand bei mir ein Umdenken statt. Unzählige Bäume waren aus ihren Wurzeln gerissen. Ich musste überlegen und Lösungen suchen, wie es weitergeht. Ich reiste unter anderem nach Rumänien und widmete mich Forstpflanzen wie der Weiß- oder Küstentanne, die völlig klimaresistent sind. Dank eines besseren Wurzelsystems können sie längeren Trockenperioden standhalten und benötigen weniger Wasser als beispielsweise die heimische Fichte, die diesiges Sauerlandwetter bevorzugt“, so die ersten Schlüsse, an die sich zahlreiche Versuche anschließen. Gilsbach entwickelte fortan ein System mit Zukunft: Er fokussierte sich auf die Anzucht klimaresistenter Forstpflanzen im „Quick Pot Container“. Vorteile sieht Unterstützer und Dipl.-Physiker Heino Pachschwöll in der hohen Widerstandsfähigkeit und schnellen Anwuchserfolgen: „Die Containerpflanze behält ihr Milieu bei und kann sich besser in ihr Umfeld einsiedeln. Wir konnten beobachten, dass Pflanzen, die im Wurzelballen im Wald ankommen und vorab bereits höher gezüchtet wurden, weniger Verbissschäden erleiden. Wenn Pflanzen ungeschützt sehr jung gesetzt werden, verbeißt das Wild die Triebspitzen und oft den Haupttrieb. Das führt zur Verbuschung oder gar zum Absterben des Bäumchens“, weiß Pachschwöll um eines der Probleme in den Wäldern.

„Wir leben in einem menschengemachten Zeitalter"

Das hiesige Klima macht den Bäumen und damit den Waldbauern ebenfalls zu schaffen: „Wir leben in einem menschengemachten Zeitalter und haben eine andere, fast schon mediterrane Vegetation geschaffen. Wir müssen nun versuchen, im Voraus auf die nächsten Jahrzehnte zu rechnen und weiter Richtung Süden blicken. Jede Baumart hat ein Gebiet und dieses hat sich eben verschoben“, resümiert Gilsbach. „Die Douglasie ist ein Baum, der aufgrund seiner Beschaffenheit wieder im Kommen ist. Er wächst doppelt so schnell wie die Fichte, weist eine hohe Hitzebeständigkeit und eine effiziente CO²-Speicherung auf. Als Waldbauer ist auch der wirtschaftliche Aspekt, der dabei zum Tragen kommt, äußert wichtig“, ergänzt der Forstwirt und Waldbesitzer aus Leidenschaft.

Wie wichtig dieser Aspekt ist, betont auch Pachschwöll: „Jeder will sein Holz haben. Holz begleitet uns das ganze Leben, vom Babybettchen bis zum Sarg. Die Waldbauern sind die Wurzel, aus der 181 Milliarden Euro Wirtschaftskraft in 2018, also mehr als aus der Autoindustrie, resultieren – und wenn es der Wurzel schlecht geht, geht es dem ganzen Baum schlecht“, lautet das Fazit des Physikers. Uwe Steuber, Bürgermeister im hessischen Lichtenfels und Vorsitzender der Kreisgruppe Waldeck-Frankenberg im Hessischen Waldbesitzerverband, fordert mehr Unterstützung von Bund und Ländern: „Wir kämpfen als Kommunalwaldbesitzer mit dem Rücken zur Wand und sind ziemlich schlecht dran. Die hessische Landesregierung zahlt alle drei Jahre für Holz. In Zahlen sind das für 2148 Hektar Wald 180.000 Euro. Wir benötigen mehr Hilfe vom Land und der Bundesregierung, sonst wird das mit Klimaschutz nichts“, plädiert Steuber in seinen einleitenden Worten zu Beginn dieses Aktionstags – der schließlich ganz im Zeichen von „Networking“ stehe, erzählt Pachschwöll: „Wir wollen, dass Waldbauern zusammenfinden, um über den Waldbau der Zukunft einig zu werden und Waldkalamitäten so schnell wie möglich aufzuheben. Dazu müssen neue Anzucht- und Pflanzmethoden zum Einsatz kommen und die Baumartenauswahl angepasst werden“, so die Intention, die alle Beteiligten vereint. Sich vernetzen, gemeinsam überlegen, wie beschädigter Wald wieder aufgebaut werden kann und neue Erkenntnisse aus der Pflanzentechnik zur Anwendung bringen – dazu sind an diesem Tag zahlreiche Menschen aus Forst oder reinem Interesse, aus nah und der Ferne zusammengekommen. Sie verbindet nicht nur die Sorge um die Zukunft der Wälder, sondern auch ihr Tatendrang, nicht zuzusehen, sondern aktiv zu werden und den Lebensraum Wald für die Zukunft zu wappnen.

Weitere Informationen erteilt der Forstpflanzenbetrieb Gilsbach-Figgen, Alte Poststraße 23 in Oberkirchen, unter www.gilsbach-holz.de oder Tel. 01 70/7 61 94 45.

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