Für mehr Transparenz, Gerechtigkeit und Verständnis

Schmallenbergerin Lisa Dünnebacke engagiert sich im Irak

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Die Schmallenbergerin Lisa Dünnebacke führte bereits zahlreiche Projekte im Irak durch, um so den internationalen Austausch zu fördern.

Schmallenberg - Ein bisschen die Welt verbessern, für mehr Transparenz, Gerechtigkeit und Verständnis sorgen, das sind nur einige der Gründe, die Lisa Dünnebacke aus Schmallenberg-Rellmecke veranlasst haben, einen ganz besonderen Weg zu gehen.

Die junge Frau kann mit ihren gerade mal 29 Jahren schon jetzt auf ein außergewöhnliches Leben zurückblicken. Bereits mit 18 Jahren ging sie für ein Jahr als Au-Pair nach Atlanta/ Georgia, um dort schon nach kurzer Zeit festzustellen, dass sie Lehrerin werden wollte. „Ich habe mich in Bochum an der Ruhr-Universität beworben, wurde angenommen und studierte dann erstmal Erziehungswissenschaften und Deutsch auf Lehramt“, berichtet Lisa Dünnebacke von ihren Anfängen.

Schnell stellte die junge Frau im Studium jedoch fest: „Das ist nicht das Wahre für mich“, legte ihren Fokus auf Pädagogik. Während ihrer Zeit an der Uni arbeitete sie nachts in der ersten Fachstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bochum, studierte tagsüber mit dem Ziel, praxisorientiert etwas zu bewegen. Nach der Bachelor-Arbeit bewarb sich die Schmallenbergerin an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, um dort ihren Master „Soziale Inklusion“ zu machen.

„Die Themen Migration, Flucht, geschlechtliche Identitäten und verschiedene Kulturen haben mich schon immer interessiert. Darum habe ich mich im zweiten Semester als studentische Hilfskraft für ein Projekt in Sulaimaniyya, einer Stadt in der kurdischen Region des Iraks, beworben. Den Beruf der sozialen Arbeit gab es im kurdischen Gebiet noch nicht, wir wollten dabei unterstützen, den Beruf in einer von Krisen und Kriegen geprägten Region praxisorientiert aufzubauen. Durch Kontakte in die Region konnte so das länderübergreifende Projekt in die Wege geleitet werden“, erzählt die Weltenbummlerin. Mitte 2016 reiste Lisa Dünnebacke dann das erste Mal in den Irak, „schnupperte“ zwischen zwei Welten, lernte als wissenschaftliche Mitarbeiterin die verschiedenen kulturellen Begebenheiten in der 1,6 Millionen-Stadt kennen und schrieb darüber. Zusammen mit sechs Dozenten aus Kurdistan-Irak war das Anliegen, den Fachbereich Soziale Arbeit auszubauen.

„Mithilfe von Workshops über internationale Soziale Arbeit, Ethik, Geschlecht und Beratung, Ästhetische Bildung, Interviews, Praxisbesuche und Seminare haben wir vor Ort versucht, für mehr Transparenz zu sorgen, soziale Fragen auch für die internationale Gemeinschaft sichtbar zu machen, ohne dabei die eigenen kulturellen Normen und Werte ‘überzustülpen’. Beide Kulturen haben entsprechend profitiert“, berichtet die Sozialarbeiterin, die derzeit ihre Doktorarbeit über Männlichkeitsstrukturen in Kurdistan-Irak schreibt.

Lisa Dünnebacke erforscht die Auswirkungen auf die Männlichkeitsstrukturen durch Traditionen, Politik, Recht und Familie, aber ebenso die Veränderungen, die durch eine Flucht nach Deutschland entstehen können. Dabei baut sie auf ihr schon veröffentlichtes Buch „Soziale Arbeit in Kurdistan-Irak und Deutschland – ein Vergleich am Beispiel von Genderstrukturen“ auf. „Zu Beginn unseres Projekts war der Studiengang Soziale Arbeit nur theoretisch in Kurdistan-Irak ausgebaut, wir haben die Dozenten vor Ort praxisnah sensibilisiert, so zum Beispiel auch Möglichkeiten und Grenzen geschlechtersensibler Beratung aufgezeigt und selbst erlernt – immer aber mit Blick auf die dortigen Gegebenheiten und kulturellen Zusammenhänge“, so die engagierte junge Frau. 

"Ich möchte aufklären"

Regelmäßige Reisen, viele Seminare, das Training auf kommunikativer Ebene und Workshops in Sulaimaniyya haben nach nur drei Jahren dazu beigetragen, dass nun Sozialarbeiter innerhalb der Praxis in Kurdistan-Irak arbeiten und der Beruf sichtbar ist. Zwei der damals beteiligten Studentinnen arbeiten beispielsweise in einem Frauenzentrum – einer Nichtregierungsorganisation. In einer Region, in der aufgrund des Unabhängigkeitsreferendums 2017 und den damit verbundenen politischen Unruhen Geschlechterbilder noch immer verfestigt waren, sei es gerade in den Bereichen wichtig, sich mithilfe von Sozialer Arbeit Gehör zu verschaffen. „Während der Zeit des Referendums, in der es kaum einen Verdienst gab, wurde die Verfestigung der Rollen besonders deutlich. Frauen bewegten sich aufgrund der Unruhen kaum noch in öffentlichen Räumen, Männer wurden in die Position gedrängt, die Familien ernähren und beschützen zu müssen. Erst nach dem Referendum wurde das Leben auf der Straße offener und zufriedener. Mit dem Nachlassen des politischen Drucks und dem langsamen Aufschwung der Zahlungen lockerten sich die Strukturen und Erwartungen wieder“, erklärt Lisa Dünnebacke, die zudem berichtet, dass der Verdienst eines Sozialarbeiters in Kurdistan umgerechnet etwa 1000 Euro beträgt. 

Inzwischen schreibt die Irak-Expertin als Mitherausgeberin an einem englischsprachigen Buch „Soziale Arbeit im Vergleich“. In diesem Buch geht sie – neben Themen ihrer Kollegen wie professionelle Identität, Arbeit in Geflüchtetencamps – explizit auf die Geschlechterforschung und Männlichkeiten in Kurdistan-Irak ein. „Ich möchte aufklären, den transkulturellen Austausch fördern und so Grenzen durchdringen, um Machtstrukturen abzubauen und Vorurteile erklärbar zu gestalten“, so Lisa Dünnebacke, die es nach neun Irakaufenthalten zurück nach Schmallenberg verschlagen hat, immer aber mit dem langfristigen Ziel, Diskriminierungen aufzuarbeiten und Soziale Arbeit auch in anderen Ländern zu erforschen und sichtbarer zu machen.

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