Schwere Vorwürfe gegen Verein

Wisent-Projekt bleibt ein Streitfall

Um die „sanften Riesen“ ist ein Streit entbrannt. Der Verein Wisent-Welt-Wittgenstein sieht sich massiven Vorwürfen ausgesetzt.
+
Um die „sanften Riesen“ ist ein Streit entbrannt. Der Verein Wisent-Welt-Wittgenstein sieht sich massiven Vorwürfen ausgesetzt.

Hochsauerland/Bad Berleburg – Die Fronten bleiben verhärtet: Nachdem der ursprüngliche Projektleiter und ein Sachverständiger schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen des Wisent-Wiederansiedlungsprojektes in Bad Berleburg erhoben haben und der Verein ihnen mit juristischen Konsequenzen drohte, bleiben die Ankläger bei ihren Anschuldigungen. Eine Bestandsaufnahme.

„Das Wisent-Projekt ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Verantwortlichen haben die eigentlichen Ziele des Artenschutzprojektes lange aus den Augen verloren und verfolgen eigene Ziele auf Kosten der Steuerzahler und gutmütiger Spender “, fasst Uwe Lindner, Wildbiologe und ursprünglicher Projektleiter des Wiederansiedlungsvorhabens, seine Vorwürfe in drastischen Worten zusammen. 

In seiner Stellungnahme, welche Lindner auch dem Bundesamt für Naturschutz und dem Landwirtschaftsministeriums von NRW hat zukommen lassen, gibt der Wildbiologe zu verstehen, dass das Wisent-Wiederansiedlungsvorhaben im Rothaargebirge aus seiner Sicht aufgrund eines unprofessionellen Projektmanagements kurz vor dem Scheitern stehe. Unzureichende Betreuung seitens der Verantwortlichen vor Ort sei für den beklagenswerten Zustand verantwortlich zu machen.

„Wenn die Öffentlichkeit wüsste, was hinter den Kulissen des Vereins abgeht, würde kein Naturfreund diesen mehr unterstützen“, so Lindner vielsagend. Der ursprüngliche Naturschutzverein, in dem verschiedene Experten vertreten waren, sei als Träger des Projektes abgelöst worden, nachdem einige lokale Größen das enorme mediale, touristische und auch jagdliche Potenzial des Vorhabens erkannt hätten und daraufhin einen neuen Trägerverein gründeten, „um das Projekt an sich zu reißen“, so Lindner. Mögliche Sicherheitsbedenken seien bereits bei Ankunft der Tiere zugunsten einer positiven Öffentlichkeitswirksamkeit bei Seite gewischt worden.

"Mit Artenschutz hat das Projekt rein gar nichts mehr zu tun"

„Mit Artenschutz hat das Projekt rein gar nichts mehr zu tun“, davon ist auch Alfons Schmidt, Diplom-Ökologe, Landschaftsplaner und Sachverständiger, überzeugt, der die erfolgreiche Fortführung des Projektes, vor allem vor dem Hintergrund der öffentlichen Sicherheit, in Frage gestellt sieht. Die oben erwähnten Briefe könnten viele massive Managementfehler des Trägervereins aufdecken, so Schmidt. Bisher öffentlich nicht bekannt sei aber beispielsweise, dass der Verein eine Kuh mit Hormonen behandelt habe, um sie fruchtbar zu machen. In den folgenden Jahren habe die Kuh drei Kälber bekommen, die medienwirksam mit der Flasche aufgezogen worden seien, da die Kuh selbst keine Milch habe geben können. Nach dem Ausscheiden Lindners sei wohl niemand der Verantwortlichen auf die Idee gekommen, dass die Kuh einen Gendefekt haben könnte und somit für das Artenschutzprojekt unbrauchbar sei, mutmaßt der Diplom-Ökologe.

In den Medien und auf der Internetseite brüste sich der Verein damit, dass diese Kuh und zwei ihrer männlichen Kälber zur Unterstützung eines anderen Artenschutzprojektes nach Lettland gegangen seien. Lindner hält dies wortwörtlich für „Wahnsinn“. Seiner Recherche nach seien die Tiere von jemanden übernommen worden, der auf seiner Internetseite Abschüsse von Wisenten auf Anfrage anbietet. Auch die fehlende natürliche Fluchtdistanz der Tiere sei anerzogen worden und habe maßgeblichen Anteil an den jüngsten tödlichen Vorfällen mit Hunden sowie am Sturz einer Radfahrerin und dem Verkehrsunfall mit einer Wisentkuh am 15. November 2019 gehabt. Ein ursprünglich vorgesehenes GPS-gestütztes Warnsystem an besonderen Gefahrenstellen etwa hätte diesen Zusammenstoß nach seiner Ansicht verhindern können.

Streit um Umgang mit Leitbulle Egnar

Daher werfen sowohl Uwe Lindner, der 2010 auch die Machbarkeitsstudie für das Artenschutzprojekt erstellt hat, als auch Alfons Schmidt den Verantwortlichen vor, sich nicht genügend um die Sicherheit von Mensch und Tier zu kümmern. Zudem sei die Inzuchtproblematik „schwerstens vernachlässigt“ worden. „Es war geplant den Leitbullen Egnar nach fünf Jahren durch einen anderen Zuchtbullen zu ersetzen, um Inzucht und genetische Defekte vermeiden zu können. Dies wurde bis zu seiner Tötung im Dezember 2019 nicht getan; er wurde erschossen, weil er blind war“, so der ehemalige Projektleiter. Egnar habe nicht nur seine Töchter gedeckt, sondern mindestens sieben seiner Söhne als Rivalen attackiert und getötet. Der Vorschlag Lindners, eines dieser Tiere aus wissenschaftlichen Gründen obduzieren zu lassen, um so viel wie möglich über den Verletzungs- bzw. Gesundheits- und Ernährungszustand sowie die Parasitenbelastung zu erfahren, sei ignoriert worden. Stattdessen habe der Trägerverein das Tier ohne Untersuchung zur Wildbret-Vermarktung freigegeben. In den Augen von Lindner und Schmidt, der nach eigenen Angaben ebenfalls Kenntnis von diesen Ereignissen hat und darin Verstöße gegen die Tierschutz sieht, ein „unglaubliches Vorgehen“, das möglicherweise strafrechtliche Relevanz haben könnte, da es sich um eine streng geschützte Tierart handele. 

Der Ökologe und der Biologe werfen dem Verein Wisent-Welt-Wittgenstein Fahrlässigkeit im Umgang mit der Herde vor und sehen das Wisent-Projekt als „gescheitert“ an, sofern sich nicht gravierend etwas an der Trägerschaft und am Projektmanagement ändere. Auch die Kosten würden aus dem Ruder laufen. So habe das Artenschutzprojekt laut dem Berliner Wildbiologen in den ersten Jahren 1,4 Millionen Euro gekostet, heute dürften, so heißt es, die Ausgaben bei weit über zwei Millionen Euro liegen. Sollten die Wisente wie geplant in den nächsten Jahren in ein rund 500 Hektar großes Gatter kommen, würde das noch einmal 1,2 Millionen Euro in Anspruch nehmen. Schmidt und Lindner sind davon überzeugt, dass die Tiere dieses Gatter nie mehr verlassen werden, sodass nach einigen Jahren vom Wald nicht mehr viel übrig sein werde. 

"Wir haben einen Anwalt beauftragt und werden jetzt die weiteren Schritte abwarten"

In der Öffentlichkeit sei das Wisent-Wiederansiedlungsvorhaben im Rothaargebirge als Vorzeige-Projekt und als einmalig in Westeuropa deklariert worden. Von diesen Zielen sei nicht mehr viel übrig, so der Wildbiologe. Das Projekt werde unter dem „Artenschutzdeckmäntelchen“ zu Lasten des Steuerzahlers für kommunalpolitische, touristische und möglicherweise jagdliche Interessen zweckentfremdet. Daher sei es besser, dieses Projekt zu beenden. Derzeit würde den Erhaltungsbemühungen für eine bedrohte Tierart weit mehr Schaden als Nutzen zugefügt. 

Konfrontiert mit den Vorwürfen sprach der Verein Wisent-Welt-Wittgenstein von „nicht auf der wissenschaftlichen Höhe befindlichen und weitgehend kenntnisfreien Aussagen“. Zudem drohte er damit, „wegen der teilweise strafrechtlich relevanten Behauptungen und Unterstellungen“ seinen Rechtbeistand mit der Sache zu befassen, „sollten die Behauptungen nicht binnen 72 Stunden zurückgenommen werden.“ Dies sei mittlerweile geschehen, teilte Dr. Michael Emmrich als Vertreter des Vereins auf Kurier-Anfrage mit. „ Wir haben einen Anwalt beauftragt und werden jetzt die weiteren Schritte abwarten.“ 

Uwe Lindner betonte wiederum, sich davon nicht abschrecken lassen zu wollen und die Vorwürfe zu erneuern: „Die 72 Stunden sind schon lange rum. Warum sollte ich strafrechtliche Konsequenzen fürchten? Da müssen sich wohl eher andere Sorgen machen. Es ist höchste Zeit, dass sich Leute mit Fachkompetenz um die Wisente kümmern.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare