„Auch hier keine heile Welt“

Bündnis für Vielfalt und Toleranz in Sundern hat viele weitere Pläne

Anke Oelmann, Roland Köberlein, Beate Feische, Alexandra Nitschke, Irmgard Harmann-Schütz und Mike Feische stehen neben vielen anderen für „Vielfalt und Toleranz“.

Sundern. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit hat durch die Ereignisse in Chemnitz deutschlandweit wieder einmal eine neue, besorgniserregende Aktualität erhalten. „Auch im Sauerland haben wir keine heile Welt“, sagt Irmgard Harmann-Schütz, Mitglied des neuen Bündnisses für Vielfalt und Toleranz in Sundern. Auch in der Röhrstadt stoße man auf Rassismus. Das brennt den Mitgliedern des neuen Bündnisses schon eine Weile – und nicht erst seit der Eskalation in Chemnitz – auf der Seele. Ein erstes Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzten sie mit einer Malaktion beim Stadtfest, viele weitere Pläne befinden sich in der Vorbereitung.

Und dabei erhalten sie eine Finanzspritze von 5.000 Euro aus dem Aktionsfonds Viral – eine Kooperation von Citizens For Europe, der Bertelsmann Stiftung und dem europäischen Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen www.citizensforeurope.eu. Von 180 Bewerbern wurden zehn Projekte nominiert. Zum Kick-off fahren die Sunderner vom 21. bis 23. September nach Berlin. Dass ihr Vorhaben die Jury überzeugte, führt Irmgard Harmann-Schütz darauf zurück, dass ihr Projekt eine Bandbreite verschiedener Dinge abdeckt. Und das ist nicht zuletzt auch einem Zufall geschuldet.

In dem Bündnis laufen die Ideen zweier ursprünglich separater Gruppen zusammen, deren Fäden Bürgermeister Ralph Brodel zusammenführte, als er von der Existenz der beiden Initiativen erfuhr.

Anfeindungen gegen 14-Jährigen

Die Initialzündung für das Engagement von Beate Feische war ein Facebookeintrag, in dem eine Mutter auf das Schicksal ihres Sohnes aufmerksam machte: ein dunkelhäutiger 14-Jähriger, der in Sundern aufgewachsen war und unter den ständigen rassistischen Anfeindungen litt. „Da habe ich große Klappe gehabt und über Facebook Mitstreiter gesucht“, berichtet Feische. Und Bürgermeister Brodel sei einer ihrer ersten Unterstützer gewesen, inzwischen greift Serhat Sarikaya, Vorsitzender der SPD, unter anderem mit ins Rad.

Ein Buch über jüdische Familien in Sundern hatte Irmgard Harmann-Schütz zusammen mit Franz Blome-Drees 1988 geschrieben. Da sich die Reichspogromnacht in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, planten die beiden Gedenk-Veranstaltungen.

Die Demokratie stärken und dabei die Zivilgesellschaft mitnehmen – das einte die beiden Gruppierungen und man schloss sich zu einem Bündnis zusammen. Fremdenfeindlichkeit jeglicher Art, nicht nur gegen Flüchtlinge, ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie möchten an das Gestern erinnern und das Heute bunt gestalten, so lautet die Symbiose aus beiden Gruppen.

Angst und Hass auf Facebook verbreitet

Anlass gebe es auch in Sundern. „Ich kann nicht sagen, dass Sundern braun ist“, sagt Feische, „aber es gibt hier Tendenzen von einigen, die bei Facebook hetzen und Hass und Angst verbreiten“. Es gebe teilweise auch Menschen, die Angst vor Gewalt hätten, wenn sie sich für Flüchtlinge engagieren. Und auch die ehrenamtlichen Helfer hätten Beleidigungen auf Facebook einstecken müssen – Beate Feische wünschte man online: „Hoffentlich wirst du bald vergewaltigt.“

Das Bündnis für Vielfalt und Toleranz in Sundern möchte all seine Veranstaltungen bald in einem Flyer bündeln. Schon jetzt steht das Grundgerüst für das Projekt.

Am 9. November wird es in Gedenken an die Pogromnacht eine Lesung in der Stadtgalerie geben. Irmgard Harmann-Schütz, Franz Blome-Drees und Christian Wenzel erinnern an das Schicksal der Familie Klein. Es schließen zwei Lesungen mit der Großnichte Heinrich Himmlers an – eine für die Öffentlichkeit, eine für Schüler (Das Datum wird noch bekanntgegeben). Am 28. Oktober kommt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Hagen zu einer Diskussionsrunde in die Stadtgalerie.

Die bunten Toleranz-Gemälde stehen derzeit in der Stadtgalerie. Die Besucher des Stadtfestes haben ihre Ideen für eine Vielfalt in Sundern kreativ umgesetzt.

„Das Projekt ist aber auch nachhaltig angelegt“, so Harmann-Schütz. So soll das Bürgernetzwerk Flüchtlingshilfe gestärkt werden. Man plant, Zugewanderte als Beispiele gelungener Integration, aber auch die Arbeit der Ehrenamtlichen vorzustellen. Man hofft, weitere Helfer zu gewinnen und die Kontakte zwischen Zugewanderten und Einheimischen auszubauen. Zudem führe man Gespräche mit der Verwaltung und mit Betrieben, um sie für die „Charta der Vielfalt“ – für eine Vielfalt in der Arbeitswelt – zu gewinnen. Zudem habe das Gymnasium Interesse signalisiert, am Programm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teilzunehmen.

Auf die Schulen konzentriert sich auch eine geplante zweite Malaktion – im Kunstunterricht von weiterführenden Schulen sollen Schüler Leinwände mit ihren Erfahrungen zum Thema Rassismus bemalen. Entweder als einmalige Aktion oder eingebunden in das Programm „Schule ohne Rassismus“. „Wir nehmen noch Kontakt zu den Schulen auf“, so Feische. Alle Leinwände zusammen sollen die Fußgängerzone zu einer Toleranzmeile machen. „Wir möchten die Geschäftsleute ansprechen, ob sie die Werke in den Schaufenstern ausstellen“, so Feische. Die ersten drei Leinwände wurden beim Stadtfest verziert.

Erste Malaktion ist gelungen

Als einen gelungenen Auftakt bezeichnet Feische diese Malaktion. Einen Ausschnitt des bunten Toleranz-Gemäldes – Gibt es bei euch im Kiga Ausländer? Nein, nur Kinder – lud die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus sogar als ihr Profilbild hoch. Die Stiftung hatte die Aktion mit 300 Euro unterstützt. Großen Anklang fanden die Werke auch bei den Organisatoren der Werkstattgespräche Integration. Bei der nächste Veranstaltung am Dienstag, 11. September, werden die Leinwände in der Stadtgalerie ausgestellt.

Auch über die sehr guten Gespräche beim Stadtfest freut sich Feische. „Wir haben auch diskutieren können“, berichtet sie, die Skeptikern sagt: „Die Menschenwürde ist unantastbar. So lange ein Mensch hier ist, behandele ich ihn mit Würde. Aber im Einzelfall bin ich auch nicht böse, wenn jemand gehen muss“, so Feische, die manche Einwände nachvollziehen kann, aber nur auf sachlicher Ebene diskutiert. „Man darf nicht nur drauf treten, sonst kocht es irgendwann über, sondern man muss ein Feld schaffen, auf dem man neutral diskutieren kann.“ Und die Ereignisse in Chemnitz bestätigen die Bündnismitglieder nur, dass ihre Arbeit noch wichtiger ist. „Und wir sind mehr. Ich weiß, dass es in Sundern viel mehr gibt, die helfen wollen oder neutral sind, als die Lauten, die nur Hass verbreiten“, so Feische.

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