„Noch viel Luft nach oben“

Diskussion in Sundern zur Inneren Sicherheit zeigt Verbesserungspotenzial auf

+
Gerhard Hafner (vorn), Stefan Lange, Dr. Patrick Sensburg und André Schulz (v. l.)´diskutierten in Sundern über die Innere Sicherheit.

Sundern/Hochsauerland. Internationaler Terrorismus, Einbruchskriminalität, Übergriffe auf offener Straße oder Kriminalität im Internet: Das Thema „Innere Sicherheit“ bewegt die Menschen und ist ein Kernthema im Bundestagswahlkampf. Aber ist es wirklich so schlimm um die Sicherheit bestellt? Der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, sagte am Montag in Sundern: „Trotz Terror und anderer Verbrechen leben wir statistisch gesehen so sicher wie nie zuvor. Die Internetkriminalität steigt, aber insgesamt sind die Straftaten zurückgegangen. Trotzdem ist es nicht akzeptabel, wir müssen alles tun, um die Sicherheit weiter zu gewährleisten und zu verbessern. Wir stehen vor neuen Herausforderungen.“

Schulz war Teilnehmer einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion des CDU-Stadtverbandes Sundern, an der auch der heimische Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg, Polizeihauptkommissar a. D. Gerhard Hafner und Stefan Lange, der Vorsitzende des Stadtverbandes, als Moderator teilnahmen. „Das Sicherheitsgefühl ist subjektiv und damit individuell“, meinte Schulz und überraschte die über 50 Teilnehmer der Veranstaltung im Tagwerk mit der – erneut statistischen – Feststellung: „Der unsicherste Ort ist das Wohnzimmer. Die meisten Verbrechen passieren im Umfeld der Menschen. Aber auf der anderen Seite: Wo fühlen sich die Menschen sicherer? Daheim im Wohnzimmer oder nachts draußen vor dem Bahnhof?“ Wer einmal Opfer von Kriminalität geworden sei oder im nahen Umfeld davon gehört habe, fühle sich unsicherer als andere, die davon nicht berührt sind.  

Statistik hin, Statistik her: „Das Thema innere Sicherheit hat in den letzten Jahren unheimlich an Gewicht gewonnen“, meinte CDU-Politiker Sensburg. „Beim G20-Gipfel in Hamburg beispielsweise ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Eine ganze Stadt war in der Haft von Chaoten. Da stellt man sich die Frage, ob die Polizei das so nicht mehr im Griff hat.“ Gleichzeitig verwies Sensburg auf „Gefühle“ in der Bevölkerung, dass „man bei einer Fahrt mit einem kaputten Blinker die Härte des Gesetzes spürt“, dass auf der anderen Seite aber Straftaten passieren, die nicht verfolgt würden: „Da passiert Kriminalität und da passiert nichts.“ Schulz verwies auf die hohe Aufklärungsquote bei Mord oder Totschlag, bezifferte diese aber bei Einbrüchen auf nur rund 15 Prozent. „Die Verurteilungsquote bei der Einbruchskriminalität liegt sogar nur zwischen einem und drei Prozent.“ Ein Besucher meinte: „Der ungefährlichste Beruf ist der des Einbrechers.“ 

Beim Blick auf die Sicherheitslage im Hochsauerlandkreis sagte Gerhard Hafner: „Wir sind hier im Vergleich zum Ruhrgebiet relativ sicher. Im Sauerland ticken die Uhren anders.“ Gleichzeitig verwies er auf die Tatsache, dass die Anzahl der Polizeikräfte im HSK in den vergangenen Jahren deutlich reduziert worden sei, obwohl durch die Öffnung der Grenzen vor über 20 Jahren die Kriminalität gestiegen sei. Auch Polizei-Fahrzeuge seien eingespart worden. „Wir leisten hier gute Arbeit, ein Teil der Polizeikräfte wurde ins Ruhrgebiet abgezogen.“ Schulz meinte: „Je besser ich arbeite, desto weniger Personal bekomme ich.“

"Da hat man die Faust in der Tasche" 

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass im Hinblick auf die Bekämpfung der Kriminalität an vielen Stellschrauben gedreht werden müsse. „Da hat man schon die Faust in der Tasche, wenn man wie beim G20-Gipfel in Hamburg blöd dasteht. Wir konnten es nicht verhindern“, erklärte Schulz. „Wichtig wird daher in Zukunft sein, dass wir vor die Lage kommen.“ Der BDK-Chef nannte eine verstärkte nationale und internationale Kooperation, die Videoüberwachung oder Vorratsdatenspeicherung. „Bei der Sicherheitsarchitektur haben wir noch viel Luft nach oben.“ 

Die Podiumsteilnehmer hielten in diesem Zusammenhang ein Plädoyer für den Bezirkspolizisten. „Egal, wie wir ihn nennen, wichtig ist der direkte Kontakt vor Ort zwischen Bürger und Polizei“, sagte Hafner. „Der Bezirkspolizist findet nicht nur Ganoven-Ede, sondern er vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Das ist ganz entscheidend“, betonte Sensburg. „Der Bezirkspolizist ist ein wesentlicher Baustein“, so Schulz. Was die Rekrutierung der Polizeikräfte betrifft, so stellte das Podium fest, dass der Bewerberpool „sowohl quantitativ als auch qualitativ begrenzt“ sei. „Wir bilden den Einheitspolizisten aus, alle müssen Abitur haben“, sagte Schulz. „In rund fünf Jahren brauchen wir jeden zehnten Abiturienten. Ich sehe da ein bisschen schwarz. Müssen es nur Abiturienten oder können es auch andere Bewerber sein, die gut auf Menschen zugehen können?“ Die Menschen seien heute aufgeklärter als früher. „Sie hinterfragen, die Polizisten müssen es erklären können.“ 

Beim Blick in die Zukunft wurde deutlich, dass die Polizei angesichts der Digitalisierung vor großen, neuen Herausforderungen steht. „Auf diese neue Zeit mit Internet, Cyber oder Darknet muss sich die Polizei einstellen“, meinte Sensburg. Schulz brachte es auf diesen Nenner: „Was früher die Fußspur war, ist heute die digitale Spur.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare