Nach jahrelanger, schweißtreibender Arbeit

Ein Stück Geschichte lebt wieder auf: Linneper Mühle erstrahlt in neuem Gewand

Wiederaufbau Linneper Mühle Sundern
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Stolz präsentiert Rolf Wälter die wieder errichtete Mühle mit dem Relief eines Eseltreibers in der Fassade.

Hörbar, sehbar, greifbar, spürbar: Mit der originalgetreuen Rekonstruktion des ehemaligen Mühlengebäudes – mit einem Relief eines Eseltreibers in der Fassade – hat der 50-jährige Rolf Wälter einem beträchtlichen Stück Geschichte im Herzen des idyllischen Örtchens Linnepe, neues Leben eingehaucht.

Linnepe – Es ist das Jahr 1650. Nach den immensen Regenmengen der vergangenen Tage schlängelt sich der sonst eher beschauliche Linnepebach mit großer Wucht durch das Tal. Im kleinen 60-Seelen-Ort angekommen, schiebt sich ein abgeleiteter Teil des Nasses durch den Triebwerksgraben in Richtung eines vor Generationen errichteten Fachwerkgebäudes. Ein lautes Rauschen und Plätschern durchtränkt die kühle Morgenluft, während sich die ersten Sonnenstrahlen durch die weißgrauen Schwaden des Herbstnebels kämpfen. Hier treibt die Kraft des Wassers nun zwei große, hölzerne Räder an, die diesen Schwung im Inneren des Gebäudes in eine knirschende Rotation der Mühlsteine verwandeln.

„Der Alltag in Linnepe ist über viele Jahrhunderte durch seine vier Mühlen geprägt worden. So hatte die Kraft des Wassers bei uns stets eine ganz besondere und äußerst wichtige Bedeutung“, blickt der Besitzer der ehemaligen Getreidemühle, dessen vollständiges Gebäude erstmals in 1546 urkundlich erwähnt wird, auf eine über 700 Jahre alte Familientradition zurück, die durch die technischen Weiterentwicklungen im 20. Jahrhundert dem Untergang geweiht war.

Rückblick auf vergangene Zeiten

„Die meisten Räder drehen sich nicht mehr, die meisten Gebäude sind längst aus dem Ortsbild verschwunden“, erzählt der Müllerssohn mit reichlich Wehmut. Wasserbetriebene Mühlen wurden schlichtweg nicht mehr gebraucht. Unbenutzt verfielen fast alle im Laufe der Zeit zu Ruinen, die dann dem Abrissbagger zum Opfer fielen. So auch die Mühle in Linnepe: „Dabei hat sie über die vielen Jahre alles überlebt, selbst die beiden Weltkriege. Unser Wohnhaus mit Gasthof ‘Zur Mühle’, bei den Linnepern auch ‘Hölle’ genannt, direkt nebenan, ist immer noch ein zentraler Mittelpunkt unseres Dorfes. Doch etwas Entscheidendes fehlte für lange Zeit.“

Das Wasserrad dreht sich wieder: Die neu aufgebaute Linneper Mühle bereichert das Erscheinungsbild des Dorfes.

Gerne stellte er sich vor, wie es damals in der Mühle zugegangen ist: Während sich die Strahlen der Sonne auf dem Wasser des malerischen Mühlenteiches in Tausend kleinen Sternchen widerspiegeln, taucht sie die unzähligen Staubpartikel des Mahlvorganges im Mühleninneren in ein trüb-mystisches Licht. Hier nimmt der Müller die nächsten Säcke Getreide in Empfang, um dieses Korn in wertvolles Mehl zu verwandeln. Auch sein Freund und Bauer, der mit seinem Esel als Lastenträger aus der Nachbarschaft erschienen ist, benötigt neues Mahlgut, um es zum Brotbacken weiter zu verkaufen.

„Was sich so idyllisch anhört, war damals harter Arbeitsalltag. Stundenlang schwere Säcke schleppen, in staubiger Luft und teils bei Eiseskälte. Eine Heizung gab es noch nicht. Ein offenes Feuer wäre zu gefährlich gewesen. Die Bauern selbst waren verpflichtet, ihr Korn in unserer Mühle mahlen zu lassen“, erklärt der Vater von drei Kindern.

Leidenschaft ist im Laufe der Zeit entstanden

„Doch die Leidenschaft für die Mühle ist erst im Laufe der Zeit entstanden.“ Ein entscheidender Tag sei das große Jubiläumsfest zum 700-jährigen Bestehen der Mühle am 3. Oktober 2013 gewesen. Spätestens an diesem Tag sei die große Liebe entflammt: „Meine Ausstellung zum Wasserradbau kam sehr gut an. Viele Linneper und auswärtige Gäste haben mich dazu bewegt, zu überlegen, wie man das Ganze wieder mit Leben füllen und die Geschichte ein Stück weit wieder erlebbar machen kann.“

So sei die Idee gereift, an der Stelle, an der zu dieser Zeit lediglich das kleine „Eselshäuschen“, als Trafohäuschen mit einem maroden Holzwasserrad, stand, das einstige, im Jahre 1953 abgerissene, Mühlengebäude, nach nur wenigen existierenden Zeichnungen wieder aufzubauen – so originalgetreu wie möglich. „Du bist ja total bekloppt“ – „Boah, das ist super“: Das Vorhaben hinterließ zunächst ein zweigeteiltes Echo bei den Linnepern.

Auf dem alten Bruchsteinfundament erbaut, strahlt heute das mit Liebe zum Detail neu errichtete, schwarze Holzfachwerk mit den rotbraunen Ziegelmauern den Charme der Vergangenheit aus. Auf der rechten Seite treibt das Wasser der Linnepe wieder – wie eh und je – ein Wasserrad an, das nun, in langlebigen Metall konstruiert, eine Runde nach der anderen dreht. Jetzt erscheint das Gebäude – nach jahrelanger, schweißtreibender Arbeit – in neuem Glanz und bereichert wieder das Erscheinungsbild des Dorfes.

Früheren Zustand möglichst naturgetreu hergestellt

„Ob Bruchsteine, Bodenpflaster oder alte Mühlsteine, wir haben beim Bau so viele, noch vorhandene Materialien wieder benutzt. Das Fachwerk und die Mauerziegel sind zwar neu, aber mit handwerklicher Perfektion so verarbeitet, dass es möglichst naturgetreu den früheren Zustand widerspiegelt. Das Wasserrad wird bald wieder einen Stromgenerator antreiben. Wie das Gebäude selbst genutzt wird, ist noch etwas ungewiss. Jedenfalls macht es jetzt wieder die geschichtsträchtige Bedeutung für den Mühlenort Linnepe deutlich. Mit der Wertschätzung, die dem traditionellen Berufsstand gebührt.“

Und auch der alte Fassadenteil mit dem Bild des Esel des damaligen Freundes der Familie grüßt die Besucher heute wieder aus längst vergangenen Tagen.

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