Es geht um mehr als nur Buchstaben

Im gestandenen Alters schafften die Teilnehmerinnen mit viel Mut eine große Lebenshürde und absolvierten den Alphabetisierungskurs.

Beim Einkaufen mussten sie ihre Ratlosigkeit oft mit Ausreden überspielen. "Ich habe meine Brille vergessen, können Sie mir kurz vorlesen, was dort steht", war nur eine der vielen Notlügen, die von den acht Teilnehmerinnen des Alphabetisierungskurses der Flüchtlingsberatung der Diakonie Ruhr-Hellweg in Sundern häufig im Alltag hervorgeholt werden mussten.

Ohne Begleitung waren Arztbesuche, Behördengänge oder auch nur die Orientierung auf dem Busfahrplan echte Albträume.

Das hat sich jetzt geändert. Denn inzwischen können alle Teilnehmerinnen des Alpha-betisierungskurses lesen und schreiben. In ihrer Heimat in Italien, in der Türkei oder im Kosovo brauchten die Frauen keine Buchstaben, um im ganz normalen Alltag zurechtzukommen. Schon als Kinder arbeiteten viele von ihnen auf den Feldern oder im Haushalt. Traditionell wurde kein großer Wert auf die Kunst des Lesens und Schreibens gelegt. Viele von ihnen besuchten die Schule weniger als vier Jahre.

Das erschwerte den Frauen die Integration in Deutschland erheblich. Die meisten waren 50 Jahre alt, als sie ihr Herz in die Hand nahmen und eine großartige Leistung schafften: Unter der behutsamen Anleitung von Dr. Jutta Mürköster haben sie die bis dahin Angst einflößenden Buchstaben und Wörter erfolgreich bezwungen.

Seit über 20 Jahren leben die acht Frauen inzwischen in Deutschland. Erst jetzt können sie sich selbstständig in der schriftlichen Welt des Alltags zurecht finden. 1.200 Unterrichtsstunden absolvierten sie mit großem Mut und eisernem Willen. Täglich drückten sie seit Anfang Januar 2008 drei Stunden lang die Schulbank.

Auch wenn nicht alle die abschließende Prüfung bestanden haben: Lesen und schreiben können sie jetzt alle. Und sie haben ganz nebenbei eine große Portion Selbstbewusstsein mit nach Hause genommen.

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