Menschen auf der Flucht: Busse fahren für Asylanträge nach Bielefeld

Lage entspannt sich etwas

Integration gelingt in Sundern schon an vielen Stellen, auch dank der Sportvereine. Beim SuS Westenfeld trainieren beispielsweise viele Bewohner der ehemaligen Grundschule mit. Sei es bei den Fußballmannschaften oder – wie hier Hassan und Adnan rechts im Bild zu sehen – beim Volleyball.

Sundern. Bei seiner Monatspressekonferenz verkündete Bürgermeister Ralph Brodel neue Entwicklungen und Zahlen rund um das Thema „Menschen auf der Flucht“ in Sundern. Um kursierende, zum Teil „krude Spekulationen“ zu entkräften, nannte Brodel die Bezüge für einen Flüchtling. Außerdem vermeldete er einen kleinen Erfolg, was die Abgabe des Asylantrags bzw. die Anhörung beim BAMF in Bielefeld angeht.Weitere Zahlen und FaktenDie Menschen auf der Flucht sind aktuell in 83 Objekten im gesamten Stadtgebiet untergebracht. „Weiße Flecken“ seien noch einzelne, kleinere Ortsteile wie Linnepe oder Meinkenbracht. Langscheid gehöre wohl nur noch kurze Zeit dazu.Nachdem im Herbst/Winter 2015 noch über 100 Flüchtlinge pro Monat in Sundern angekommen sind, hat sich die Lage entspannt: Im Januar kamen 23, im Februar 12 und im März bislang noch kein neuer Flüchtling nach Sundern

Zusammen mit Fachbereichsleiter Stephan Urny berichtete Brodel von der mühsamen Arbeit, einen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bielefeld zu bekommen. Diese Außenstelle der Ministeriumszentrale in Nürnberg ist für den HSK zuständig. Bei beiden Behörden habe Brodel mehrmals angerufen und Druck gemacht; schließlich leben in Sundern mehrere Flüchtlinge, die seit sechs Monten und länger hier sind, aber noch immer keinen Antrag abgegeben haben. Wie im KURIER berichtet, haben diese bei friedlichen Protesten im Rathausfoyer ihrem Unmut darüber bereits Ausdruck verliehen. Brodels Anrufe waren zumindest von einem kleinen Erfolg gekrönt: Sunderns Verwaltung hat die Zusage bekommen, dass am 10. Mai rund 60 bis 70 Flüchtlinge nach Bielefeld kommen dürfen, um ihren Asylantrag abzugeben bzw. sich in einem rund einstündigen Interview zu erklären. Das ist immerhin ein Anfang, denn derzeit warten im Stadtgebiet noch insgesamt 499 Personen auf ihre Anhörung.

Brodel und Urny übten deutliche Kritik an der Behörde: „Ein System oder eine Struktur ist nicht erkennbar.“ Dabei sei es nicht nur für die Flüchtlinge wichtig, über ihren Status Klarheit zu haben. Auch die Stadt Sundern hat Interesse daran, denn sobald das Jobcenter für die Menschen zuständig werde, müsse nicht mehr die Stadt, sondern der Bund für den Unterhalt aufkommen.

Apropos Unterhalt: Am Beispiel eines alleinstehenden, männlichen, erwachsenen Menschen auf der Flucht (diese Personengruppe macht deutlich den Großteil der in Sundern lebenden Flüchtlinge aus) machte Urny klar, welche Bezüge ausgezahlt werden. 364 Euro im Monat stehen ihm demnach zu, davon wird allerdings noch ein Kostenanteil für Strom abgezogen.

Rund 330 Euro im Monat zum Leben

So wird eine Barauszahlung von rund 330 Euro monatlich ausgehändigt; bei Familien staffelt sich die Summe. Mit diesem Geld muss jeder sein Leben bestreiten – darunter: Nahrung, Bekleidung, Verkehr oder Freizeitaktivitäten. Nicht selbst aufkommen muss ein Mensch auf der Flucht für Miete, Heizung und medizinische Kosten. Dank der zahlreichen Hilfsangebote wie der Tafel oder der Kleiderkammer reiche das Geld dann zum Überleben.

Wichtig war dem Bürgermeister auch zu sagen, dass die Menschen auf der Flucht in puncto Kriminalität nicht auffälliger als Deutsche seien. Nach einem intensiven Austausch mit Sunderns Polizei-Wachleiter Olaf Wiesenberg zitierte Bürgermeister Brodel diesen mit den Worten: „Ich kann die aufgeregten Diskussionen nicht verstehen. In Sundern kann man sich nach wie vor absolut sicher fühlen.“ Die Vorkommnisse wollte Brodel dennoch nicht unterschlagen. Zwei Anzeigen wegen sexueller Übergriffe seien bei der Polizei bis jetzt eingegangen. In einem Fall handelte es sich um ein Betatschen durch einen Asylbewerber, in dem anderen Fall lebte der Angezeigte schon über 25 Jahre in Sundern und habe – ebenso wie die Geschädigte – über zwei Promille gehabt. Dazu kommen sechs Fälle von Körperverletzung durch Schlägereien, immer unter Asylbewerbern. Negativer Höhepunkt war dabei die Messerstecherei in Westenfeld.

Brodel wolle „nichts schönreden“, äußerte in einem gewissen Maße aber Verständnis dafür, dass es zu Auseinandersetzungen komme. Wenn junge Männer sechs Monate und länger gezwungenermaßen „rumsitzen“, könne sich der Frust schonmal auf diese Weise Bahnen brechen.

„Nicht auffälliger als Deutsche“

Um hier zu intervenieren, ist die Stadt weiterhin stark bemüht, den Flüchtligen etwas Sinnvolles zu tun zu geben. Gespräche mit Sportvereinen oder Arbeitgebern liefen hier stetig.

Zusätzlich hatte die Stadtverwaltung zuletzt auch wieder mehr Zeit, die Zusammensetzung der Nationalitäten in den Unterkünften noch stärker zu berücksichtigen. Grund dafür ist eine deutliche Beruhigung der neuen Zuweisungszahlen (siehe Infokasten). Da fünf Großstädte in NRW ihr Soll noch nicht erfüllt hätten, sind Städte wie Sundern, die ihre Quote übererfüllt haben, aktuell entlastet. Hinzu komme die aktuelle Entwicklung der Europa- und Grenzpolitik. Das solle aber nicht darüber hinweg täuschen, dass nach wie vor Wohnraum gesucht wird. Schließlich rechne man in der Verwaltung nicht damit, dass es so bleibt. Eine Prognose für das laufende Jahr sei allerdings „ein Blick in eine trübe Glaskugel“, so Urny. Selbst die prognostizierten Zahlen von Land und Bund seien konträr. Irgendwo zwischen 1000 und 402 Neuankömmlingen in Sundern liege wohl die Wahrheit, so Urny.

Er berichtete abschließend, dass die erste betreute Wohngemeinschaft mit sieben Jugendlichen an der Hachener Straße bezogen sei. Auch das Haus Richter am Kreisverkehr in Hachen sei fertig saniert und stehe ab sofort zur Verfügung. Hier soll eine zweite WG für Jugendliche ohne Eltern entstehen, außerdem Wohnraum für Familien. Im Erdgeschoss wird ein sozialer Treff eingerichtet, zudem Schulungsräume.

Neue Info-Rubrik auf Homepage der Stadt

In dieser Woche wurde auf der Homepage der Stadt Sundern übrigens ein neuer Bereich freigeschaltet, der häufig gestellte Fragen rund um Menschen auf der Flucht beantwortet. Bis jetzt nur auf Deutsch zugänglich, sollen die Infos in den kommenden Wochen mit Hilfe des Bürgernetzwerks ins Arabische, Englische und Französische übersetzt werden.

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