"Wie viele Tote und Verletzte wollen wir noch akzeptieren?"

Besorgnis um Motorrad-"Rennpisten" im Sauerland: Strafrechtliche Verfolgung gefordert

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Die erhöhte Zahl an Motorradunfällen in diesem Jahr beschäftigt sowohl die Polizei als auch die Bürger in der Region.

Sundern. Alarmierend sind die Schlagzeilen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres: Sechs Motorradfahrer verloren schon auf den Straßen im HSK ihr Leben – in den kompletten Jahren 2018 und 2017 waren es jeweils zwei. Zuletzt hatte der Tod eines 20-jährigen Motorradfahrers auf der Hellefelder Höhe die Menschen erschüttert. Der Wunsch nach geeigneten Maßnahmen in der Bevölkerung wächst weiter.

Den Auftakt der traurigen Bilanz machte ein tödlicher Verkehrsunfall am 27. Februar in Siedlinghausen, am 5. April verstarb ein Kradfahrer in Bracht, zwei Tage später gefolgt von einem Unglück in Wiemeringhausen. Auch in Schmallenberg hatte man am 26. Mai und am 5. Juni jeweils einen Verkehrstoten zu beklagen. Ursachen und Gründe, warum die Zahl in diesem Jahr deutlich höher ist, seien schwer zu finden, hatte Holger Glaremin, Pressesprecher der HSK-Kreispolizei, jüngst erklärt. „Geschwindigkeit entscheidet über Leben und Tod“, sagt er aber auch.

Mit Besorgnis beobachtet unter anderem auch die IG Motorradlärm und Raserei aus Sundern die Geschehnisse auf den heimischen Straßen. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist der „Raser-Hotspot“ an der Hellefelder Höhe in Sundern. Seit Monaten weist die Initiative auf einen akuten Handlungsbedarf hin. „Diese Saison zeichnet sich an dem Hotspot ein negativer Rekord bereits jetzt ab“, warnt IG-Sprecher Jens Kunen. Vor dem tragischen Unfall am vergangenen Wochenende war die Hellefelder Höhe nicht zuletzt bereits Ende Mai in die Schlagzeilen geraten, als sich ein Kradfahrer bei einem Sturz schwer verletzt hatte.

"Seit Monaten fordere ich die Sperrung der Strecke"

„Es wird auch definitiv nicht das letzte traurige Geschehen bleiben, wenn nicht endlich zum Schutz aller Beteiligten und Unbeteiligten eine drastische Maßnahme erfolgt“, betont Jens Kunen. „Seit Monaten fordere ich verstärkt die Sperrung der Strecke, da sich in diesem Jahr mit großer Vehemenz ein Anstieg der Rasergäste verzeichnen lässt“, bekräftigt Kunen, der aber selber auch inzwischen kritisch hinterfragt: „Ich habe da kein Allheilmittel. Auch eine Streckensperrung verlagert das Problem nur.“ 

Daher wirbt der IG-Sprecher dafür, die Diskussion auf Aufrufe zu illegalen Rennen zu verlegen und mit drastischen Maßnahmen dagegen vorzugehen. „Es wird dringend Zeit, mit Vehemenz und Nachdruck weitergehende Maßnahmen zu fordern, da offenbar die Strecke als Rennstrecke in der Szene aufgenommen wurde“, sagt der IG-Sprecher, der im Internet auf eine Einladung aus der Biker-Szene zu einem „Bikemeet“ am 22. Juni, unter anderem in Richtung Hellefelder Höhe, gestoßen war. „In der Wortwahl ist zu erkennen, dass es nicht um Ringelpiez mit Anpacken ging“, so Kunen, der auf die Formulierungen „Eskalation“ und „die Sau rauslassen“ verweist.

Auch der Polizei ist dieser Hinweis bekannt und man ermittele auch in dieser Sache, sagte Polizeisprecher Holger Glaremin auf Anfrage des KURIER. Fakt sei: „Manche Motorradfahrer nutzen die Strecken im Sauerland als Rennpiste.“ Es sei nichts Neues und komme häufig vor, dass man sich in der Szene verabrede. Häufig bekomme die Polizei entsprechende Hinweise von Anwohnern und Autofahrern. 

Exemplarisch nennt Glaremin neben der Hellefelder Höhe auch den Hirschberger Weg und den Albrechtsplatz als einige der bekannten „Hotspots“. Es müssten nicht zwingend 1:1-Rennen sein, vielmehr würden Zeiten genommen. „Wir gehen rigoros dagegen vor“, so Glaremin und verweist aus repressive Maßnahmen wie Fahrverbote und Sicherstellung von Maschinen, wenn diese technisch verändert wurden. „Mit unserer Prävention erreichen wir die Auswärtigen zum Teil nicht. Leider erreichen wir bei manchen auch die Köpfe nicht“, unterstrich Glamerin erneut.

"Prävention hat sich nicht bewährt"

„Das ist eine willentliche und wissentliche Inkaufnahme, dass man sich und andere gefährdet. Das muss bestraft werden – ganz drastisch“, findet IG-Sprecher Jens Kunen deutliche Worte zu den illegalen Rennen. Hier sei der Gesetzgeber gefordert, vor allem den Betreiber der Seite in die Haftung zu nehmen. Aber auch die Mitfahrer des Rennes würden zu Mittätern. „Wo ist bitte der Unterschied zu dem Raserprozess zum Unfall zwischen Hövel und Balve Beckum? Warum werden illegale Motorradrennen stillschweigend hingenommen? Wenn einer so offiziell zu einem Rennen auffordert, was ist die Konsequenz daraus?“

„Irgendwann muss man sich die Frage stellen: Wie viele Tote und Verletzte wollen wir noch akzeptieren?“, fragt Kunen, der darauf hinweist, dass die Gegend an der Hellefelder Höhe als „Wanderparadies“ gilt, wo Wanderer und Fahrradfahrer unterwegs sind, die unfreiwillig in das Geschehen mit hinein gezogen würden.

Frühere Maßnahmen auf der Strecke – ein Rüttelstreifen, präventive Maßnahmen der IG Motorradlärm wie „Kaffee statt Knöllchen“ und eine stärkere Polizeipräsenz – hätten sich allesamt nicht bewährt. „Wenn man drastisch gegen den Betreiber der Internetseite vorgeht, ihn beispielsweise zu drei Jahren Haft verurteilt, vielleicht ruft das mehr Einsicht hervor?“, hat Jens Kunen die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass tragische Unfälle vermieden werden können.

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