"Rettet mir den Johnny Däpp"

Skisprungfans erleben Nervenkitzel pur beim Team-Weltcup-Finale

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Die Fans aus Castrop-Rauxel hatten "tierischen" Spaß beim Weltcup-Samstag.

Willingen."Wenn die Deutschen nicht gewinnen, mache ich nicht mehr den Johnny Däpp", drohte Schanzen-DJ Tony Kaufmann für den morgigen Weltcup-Sonntag an. Bis zum Finale beim heutigen Team-Weltcup hatte aber schon garantiert jeder der 21.000 Skisprungfans einen Ohrwurm von dem "Ich will Malle zurück"-Schlager. Gelegenheit, die auf "Ich will Willingen zurück" umgedichte Version mitzusingen, gab es reichtlich. 100 Mal wollte Tony Kaufmann den Hit am Weltcup-Samstag spielen. "Er rettet mir den Johhny Däpp", kommentierte er sodann auch die spitzen Sprünge, die Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe, Andreas Wellinger und Richard Freitag vor allem im ersten Durchgang raushauten, den sie vor den Verfolgern aus Österreich und Polen dominierten.

"Es ist Nervenkitzel pur", brachte es Moderator Jürgen Bangert auf den Punkt, während sich diese drei Skisprung-Nationen im zweiten Durchgang einen spannenden Dreikampf lieferten. Ein ganz persönliches Interesse an der Frage, wer beim letzten Sprung des Abends den Endspurt schafft - Stefan Kraft, Richard Freitag oder Kamil Stoch - hatte auch Fabian Müller. Der Düsseldorfer feierte seinen Junggesellenabschied an der Mühlenkopfschanze. Und zu seiner Bräutigam-To-do-Liste gehörte es nicht nur, auf Autogrammjagd zu gehen, eine Polonaise anzuzetteln und einen Vortrag zu halten, warum Skispringen besser als Fußball ist. Die letzte Aufgabe, die der Fußballtrainer des SC West II zu bewältigen hatte: die Hymne des Siegers singen. "Die Musik ist schon mal besser als beim Fußball", hatte die Truppe aber bereits festgestellt, die ihre persönliche Weltcup-Premiere in Willingen feierte. 

Musikalisch bewandert zeigten sich auch die Kreisligisten vom Tus Henrichenburg, die mit ihrem Kasai-Fan-Gesang lautstark untermalten, wem sie die Daumen drücken. "Wir unterstützen gerne Underdocks", sagte Martin Bertram. Wobei die Japan-Affinität der Castrop-Rauxeler noch ganz frisch war. Erst in einer Bierlaune am Abend zuvor hatte sich die "tierische Gruppe" - an der Schanze kostumiert als Papagei, Zebra, Pinguin, Bär, Wolf, Panda, Affe & Co. - entschieden, sich der Riege der Japanfans zuzuschlagen. 

"Dann wurden wir Plüschtiere"

"Den Kasai bewundert man", sagt auch die Gruppe aus Neuss und Düsseldorf, die auf der Tribüne mit ihrer Fanmontur von Weitem heraussticht. Nicht nur "Altmeister" Noriaki Kasai, der zum 17. Mal zum Weltcup ins Upland gereist war, hält Willingen unverwüstlich die Treue. Auch die Rheinländer kommen seit fast zehn Jahren an die Mühlenkopfschanze. Zeit genug, die Fankluft zu perfektionieren. "Im ersten Jahr waren wir noch zivil, dann wurden wir Plüschtiere", sagt Monika Zirkwas, die für sich und ihre Begleiter alles selbst gemacht hat - alles gehäkelt und dann geknüpft in den Deutschlandfarben. "Für eine Weste habe ich 14 Tage gebraucht", erzählt sie. Inzwischen besteht die Skisprung-Kollektion aus Muff, der auch gerne als Sitzkissen umfunktioniert wird, Kopfbedeckung, Mütze, Schal und Weste. Und als sich einer der Herren beschwerte, dass er beim Trinken kalte Finger bekomme, kamen auch die schwarz-rot-goldenen gehäkelten Wärmer für die Bierdose dazu. 

Viele deutsche Adler hat die Truppe schon bei ihren Weitenflügen angefeuert - von Martin Schmitt bis zu Severin Freund, der nach seinem grippalen Infekt bei der Vierschanzentournee seine Rückkehr in den Weltcup eigentlich für Willingen geplant hatte und jetzt wegen eines Kreuzband- und Miniskusrisses sein frühzeitiges Saisonaus hinnehmen musste. Jetzt ruhen besonders große Hoffnungen auf Andreas Wellinger. Wellinger hatte am Freitagabend vor 8.579 Zuschauern die Qualifikation für das Weltcup-Einzelspringen gewonnen, bei der 55 Skispringer aus elf Nationen auf Weitenjagd gegangen waren. Mit der Weite von 141,5 Metern und 135,9 Punkten verwies der Team-Olympiasieger den Slowenen Peter Prevc (140,0/133,3), dessen Bruder Cene (139,0/129,1) und Landsmann Jurji Tepes (139,0/129,1) auf die Plätze. 

"Ich bin persönlich ein bisschen enttäuscht"

Zwar enttäuschte Wellinger seine Fans mit 145 und 139 Metern beim Team-Weltcup heute nicht. Für das Siegerpodest hat es für das deutsche Quartett - anders als im polnischen Zapokane - nicht gereicht. Diesmal drehten die Polen den Spieß um. "Wir haben individuelle Fehler gemacht", sagte Markus Eisenbichler in der abschließenden Pressekonferenz. "Wir sind nicht am obersten Limit gesprungen. Ich bin persönlich schon ein bisschen enttäuscht, aber das gehört zum Leben", so Eisenbichler, der wie seine Teamkollegen extrem motiviert nach Willingen gereist ist, um sich vor heimischen Publikum noch um ein paar Prozent zu steigern. Für morgen sind alle sechs Adler - Markus Eisenbichler, Richard Freitag, Andreas Wellinger, Karl Geiger, Andreas Wank und Lokalmatador Stephan Leyhe - qualifiziert.

 Ob dann wieder "Ich will Malle zurück" durch den Anlauf der Schanze schallt? "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Da müssen wir morgen nochmal drüber reden", verabschiedete sich DJ Tony Kaufmann heute vom ausverkauften Weltcup-Samstag.

 Für Kurzentschlossene gibt es auch morgen noch Karten an der Tageskasse. Einlas ist um 10 Uhr. Um 14 Uhr beginnt der Probedurchgang, der erste Wertungsdurchgang ist um 15.05 Uhr, daran schließen sich das Finale und die Siegerehrung an.

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