WLZ-Serie Straßen-Wissen: Erster Teil

Die Herkunft von Straßennamen in Willingen erklärt

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Ein Tiergarten in Neerdar? Die Erklärung von Straßennamen reicht oft Jahrhunderte zurück.

Willingen. Sie liegt direkt vor der Haustür, doch warum die eigene Straße heißt, wie sie heißt, ist oft ein Rätsel. In einer neuen Serie sucht die WLZ Erklärungen für Straßennamen. 

Warum wurde eigentlich in Willingen ein Weg nach einem gewissen Professor Amelung benannt? Und nach welchem? Auch bei der Gemeindeverwaltung wird kurz gerätselt, doch Oberamtsrätin Annette Pöttner hat eine Antwort parat: Beim Hotelbau an der Stelle lag der Fokus auf der Kur. Also wurde die eine Straße Kneippweg genannt, die andere nach Walther Amelung (1894-1988). Laut Webseite der Privatklinik Dr. Amelung etablierte er die Bäderheilkunde in der Inneren Medizin.

Meist werden bei neuen Straßen Flurbezeichnungen oder Bepflanzung herangezogen, erklärt Bürgermeister Thomas Trachte. Doch manchmal haben Ortsbeiräte oder andere Beteiligte auch einfach Ideen, die sie schön finden: Am Finkenbusch habe ein Architekt eingebracht.

Ortrud Thiel, Ehrenmitglied im Heimat- und Geschichtsverein Willingen

Es sind gerade die althergebrachten Straßennamen, die schwieriger zu erklären sind – doch Heimatkundler wie Ortrud Thiel können viel ergründen. Bei der Linde war etwa der Standort der Gerichtslinde. „Hier sollen die Grafen von Waldeck, denen das gesamte Upland gehörte, Recht gesprochen und zur Jagdzeit ihre Hunde angebunden haben“, erklärt sie.

„Hagen“, wie es sich Am Hagen findet, stammt vom germanischen Wort „hag“, das etwa schlagen bedeutete. Im ursprünglichen Sinne sei ein von einer Hecke eingehegtes Gelände gemeint – sie verweist auf die Heckenpflanzen Hagedorn, Hagerose oder Hagebutte. Zum Treis bezieht sich auf den Viehtrieb.

Aus germanischer Zeit stammt Am Doracker – der Name bedeute, dass dort ein Acker lag, der dem Gott Thor oder Donar geweiht war. Der Name Am Hirschsprung bezieht sich derweil auf eine Sage: Demnach soll dort ein kapitaler Hirsch während einer Treibjagd in Todesangst über den Felsen gesprungen sein.

Den Namen Am Tiasbusch kann sich Ortrud Thiel nicht völlig erklären. Denkbar sei eine Verbindung zum Namen Mathias, den es in Willingen früher aber nicht gab – es könnte ein zugezogener Köhler gewesen sein. Weil Förster dort im Saatkamp ihre Bäume hochzogen, ergebe immerhin der „Busch“ Sinn.

Woher der Name In der Kerbe kommt, lasse sich beim Blick auf die Landschaft erkennen. Als das Gebiet noch unbebaut und die Umgangssprache deftiger war, redeten die an die Form eines Hinterteils erinnerten Willinger noch von der „Eeskerbe“. „Zum Zeitpunkt der Bebauung, hat man den A… sinnvollerweise weggelassen und der Begriff wurde in Hochdeutsch zu ,In der Kerbe‘“, erklärt Ortrud Thiel.

Straßennamen in Usseln

Viele Namen lassen sich aus dem Plattdeutschen herleiten, weiß Renate Hill aus dem Ohl. So sei der Begriff Loh in Usseln wohl mit der „Laube“ verwandt, also einem Ort zum Schutzsuchen – passend, wo hier doch eine Straße verlief. Sie betont, oft nur Theorien aufstellen zu können – und Vorsicht sei geboten: So hat das Sieperloh wieder nichts mit dem Loh zu tun. Sie könne es als von altdeutsch sife-lo herleiten, also einem „Sicker-Sumpf“, oder von saiwa-lô, „Seelenweg“ – hier verlief ein Totenweg.

Renate Hill, Natur- und Geopark-Führerin aus dem Ohl

Der Unterstand vor dem Dorf zeigt es: Reisende kamen nicht immer leicht in den von einer Hecke umgebenen Ort. Etwa für die Hirten wurden Durchgänge geöffnet, so genannteSchladen. Verwandt sei das Wort mit dem (Fenster-)Laden.

Der Sonderweg führte laut Renate Hill wohl zu gräflichen Besitz: Eine „Sonder“ sei meist Königs- oder Staatsgut. Das „Born“ in Im Gottenborn weist auf eine Quelle hin, die „Gotte“ ist derweil sprachlich mit der „Gosse“ verwandt – hier führte eine alte Straße ins Dorf.

Nicht täuschen sollte der Name Richtsweg: Gericht wurde eher an der Linde am Stein am Heimberg gehalten. Tatsächlich bezog er sich wohl auf den Hausnamen „Alten Richts“ – das Gebäude sei um 1900 abgebrannt.

Straßennamen in Neerdar

Ganz ohne Zoo hat Neerdar die Straße Auf dem Tiergarten. Diese erinnert daran, dass Neerdar in früheren Zeiten für Fürsten ein beliebter Ort für die Jagd war. Damit dafür genug Tiere da waren, wurden sie an der Stelle im Ort gehalten und gefüttert, bevor sie rauslassen und gejagt wurden, so Renate Hill.

Zur Lobbecke verweist wie das Loh auf eine „Laube“; An der Sonder wohl wieder auf adligen Besitz. Die Begriffe Becke oder Bicke deuten auf Wasser hin – die Straße Zur Padbeck in Neerdar führte dementsprechend wohl zum Part am Wasser, schließt sie.

Straßennamen in Welleringhausen

Auf der Twere lässt sich mit dem Gehör schon einordnen: Da querten sich zwei Straßen, sagt Renate Hill.

Straßennamen in Eimelrod

An der Bicke und Zur Zweere erklären sich ebenso durch den Fluss und eine Kreuzung. Auf Wasser nahm wohl auch der Begriff Schmitteuwer Bezug – das Schmiedeufer.

Die Violinenstraße zeigt derweil, dass plattdeutsche Begriffe sich extrem wandeln können, erklärt Renate Hill in Abstimmung mit Werner Wilke. Statt um Geigenbau geht es dort nämlich um Landwirtschaft: In dem Bereich stand eine Wannemühle beziehungsweise Windfege, die Spreu und Getreide trennte – „Fegeline“ hieß sie im Sprachgebrauch, woraus dann die „Violine“ wurde.

Wilhelmshöhe ohne Herkules: Straßennamen haben teils erstaunlich naheliegende Erklärungen.

Die Wilhelmshöhe entstand hingegen wohl eher scherzhaft: „Da wohnten mal sehr viele Wilhelms“, sagt Renate Hill. Irgendwann habe der Name sich etabliert und sei offiziell geworden.

Straßennamen in Hemmighausen

An der Emde bezieht sich auf ein „erbärmliches Land“, also gemeinschaftlich nutzbare Flächen für die ärmeren Leute, sagt Renate Hill.

Straßennamen in Bömighausen

In der Baumschule wurden keine Bäume großgezogen – der Weg zur alten Schule war schlichtweg links und rechts mit Bäumen bepflanzt, erinnert sich Friedrich Koch. Der Ursprung von Auf dem Burlande ist älter: „Kleine Leute“, die bei Großbauern beschäftigt waren, bekamen von diesen Stückchen Land gestellt –also ein Bauernland.

Straßennamen in Rattlar

Auf dem Knappe liegt weit oben in Rattlar, nach einem kurzen steilen Anstieg – einem Knapp, wie Herbert und Paul Hellwig erklären. Der modern klingende Planweg hat derweil landwirtschaftliche Wurzeln: Pläne waren rechteckige Felder. Als der Ort noch kleiner war, befanden sich dort Ackerflächen. Wie die Heimatzeitung schon schrieb: Wegen der vielen dort wohnhaften Friedrichs gab es den Friedrichsplatz schon länger. Durch Verwendung in Geschäftsschreiben bürgerte er sich ein und wurde schließlich offiziell.

Straßennamen in Schwalefeld

Obererer und unterer Frankenpfadverweisen auf mittelalterliche Feldzüge des Stammes, berichtet Millie Vogel. Die Kalkreise beziehe sich auf eine Abbaustelle – wo die „Reise“ im Namen kommt ist nicht ganz klar. Für die Bergfreiheit vermutet sie weniger montane Ursprünge: Das steile Stück sei als Ziegenwiese freigehalten worden und könne so zu seinem Namen gekommen sein. 

Sie haben weitere Erkenntnisse zu Straßennamen, auch in anderen Städten und Gemeinden? Melden Sie sich unter E-Mail lokalredaktion@wlz-online.de oder Telefon 05631/560136.

Quelle: Waldeckische Landeszeitung

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