Sozialarbeiter geben einen Einblick in ihre Aufgaben

Kleine Offene Türen ganz weit geöffnet

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Sind überzeugt vom Konzept der Kleinen Offenen Türen: Hatice Yanardag, Nadine Wagner, Kim Baumann mit Hündin Ella, Eva Volpert-Dünschede, Marius Riedel und Juliane Grooten. Es fehlen Viktoria Brüne und Svenja Beckmann.

Hallenberg/Eslohe/Medebach/Winterberg - Immer der Farbe nach! Die Kleinen Offenen Türen (K.O.T.) in Hallenberg, Eslohe und Winterberg sind vor allem eines: bunt. Gestaltet für Kinder und Jugendliche, mit Billardtisch, Kicker, Konsole und Co. Für die jungen Besucher allerdings sind sie mehr als nur bunte Räume. Sie sind Rückzugsmöglichkeit, Treffpunkt ganz für sie allein, Orte der Begegnung. Zum Abhängen, (neue) Freunde treffen, erholen, Freizeit gestalten – und reden. Zumindest, wenn sie reden möchten, denn erzwungen wir hier nichts

Komm, wann du willst; bleib, solange du willst, spontan, ohne Anmeldung, freiwillig, kostenlos: Das Konzept einer Kleinen Offenen Tür ist denkbar einfach – und scheint zu greifen bei Kindern und Jugendlichen. Vor Ort ist stets ein Sozialarbeiter, der bei Bedarf ein offenes Ohr für die Kids hat. In Winterberg, in Hallenberg und in Eslohe ist die Sozialwerk Sauerland GmbH Träger der K.O.T. Drei verschiedene Standorte bedeuten für die neun Mitarbeiter vor Ort viele verschiedene Kinder und Jugendliche mit ganz verschiedenen Ansprüchen und Wünschen, eine anspruchsvolle Aufgabe. 

- Winterberg: Seit Dezember 2018 ist, wie berichtet, wieder Leben in der K.O.T. Winterberg. „Anfangs lief es extrem gut, hauptsächlich wurde die K.O.T. von einer Truppe genutzt, die in Winterberg für Aufruhr gesorgt hat“, erklärt Marius Riedel, gemeinsam mit Hatice Yanardag und Viktoria Brüne Ansprechpartner in Winterberg. „Zwischendurch sind wir wegen der kleinen Räumlichkeiten sogar an unsere Grenzen gestoßen – wenn mehr als 15, 20 Kinder und Jugendliche dort sind, wird es laut und eng.“ Seit den Sommerferien sei dann eine kleine Flaute zu verzeichnen gewesen, weil die Kids viel unterwegs waren, das Wetter war gut, sie waren schlicht beschäftigt mit anderen Dingen. „Von uns angebotene Projekte wie Fußball oder Lasertag wurden nicht gut angenommen, da bin ich ehrlich. Die Kinder und Jugendlichen äußerten klar, dass sie den Raum zum Chillen und Freunde treffen haben möchten, was vollkommen okay ist.“ Ungewöhnlich, so Riedel: „Die Clique ist bunt gemischt, im Alter von 13 bis 21, 22 – ein spannendes Gefüge, weil sie sich trotz der hohen Altersspanne als Gruppe bezeichnen.“ 

- Eslohe: Die Sommerflaute sei normal, bestätigen Kim Burmann und Juliane Grooten, gemeinsam mit Svenja Beckmann zuständig für den Standort Eslohe: „Gerade in Eslohe greifen noch andere Systeme – die Kids fahren in den Urlaub, sind bei Oma und Opa, die Freizeit ist gut abgedeckt.“ Die Esloher K.O.T., wiedereröffnet vor etwa zwei Jahren, ziehe ein eher jüngeres Publikum an. Auch viele Kinder mit Migrationshintergrund besuchen den Treff. „Oft kommen Eltern mit, die Schwierigkeiten mit der Sprache haben“, erklären Baumann und Grooten. „Sie wissen: Dort ist jemand für mein Kind da, jemand, der ihm hilft und mir vielleicht auch.“ 

- Hallenberg: Die älteste K.O.T. unter der Trägerschaft der Sozialwerk Sauerland GmbH befindet sich seit 13 Jahren in Hallenberg, geleitet von Nadine Wagner. Mitarbeiterinnen sind zudem Daniela Kaiser und Lea Janson. Hier zieht es besonders die jüngeren Kinder hin, von 7 bis 13 Jahren. Teils kommen auch hier Mütter mit, die Fragen zu verschiedenen Themen äußern, weil sie nicht wissen, an wen sie sich sonst wenden können. Die Vernetzung ist also ebenfalls ein wichtiges Stichwort bei der Arbeit der Sozialarbeiter. „Wir sind auch dafür da, die richtigen Ansprechpartner zu vermitteln“, erklärt Nadine Wagner. „Und das sowohl bei den Kindern und Jugendlichen als auch den Erwachsenen.“

Freuten sich gemeinsam über die Wiedereröffnung der Kleinen Offenen Tür in Winterberg: Armin Hausmann als Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde, Hatice Yanardag, Eva Volpert-Dünschede, Sozialpädagoge Stefan Schröder, Kirsten Glasenapp, Christian Schulte Backhaus, Kreisjugendreferent im HSK, und Bürgermeister Werner Eickler.

So eindeutig wie einfach formuliert: „Die Kids von der Straße zu holen“, erklärt Eva Volpert-Dünschede, Regionalleitung HSK. Marius Riedel ergänzt: „Kinder haben ein Recht, sich Sozialräume anzueignen – gerade im urbanen Raum sind sie ständig konfrontiert mit Ärger, hören oft: ‘Hier dürft ihr nicht rumlungern’. Bei den Kleinen Offenen Türen haben sie einen Raum zum Selbstgestalten, Selbstbestimmen und im Sinne der Partizipation zum Aufbauen – zusammen kann aus einer K.O.T. ein toller Raum der Begegnung entstehen.“ Der Treff in Eslohe ist vor rund 20 Jahren eröffnet worden aufgrund der ‘Mauerkinder’, so Juliane Grooten: „Kids haben an einer Mauer rumgehangen, darüber haben sich viele Esloher beschwert. Ihnen sollte eine Alternative geboten werden.“ 

Die K.O.T. sei ein anforderungsloses Angebot, nur gebunden an lose Zeiten, anders als zum Beispiel in Vereinen. Die Sozialarbeiter drängen sich nicht auf, um mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen, sondern diese kommen auf sie zu. Die Kids hätten oft Redebedarf, seien in diesem geschützten Raum ehrlich und offen.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch im Sauerland Familien mit Problemen haben“, gibt Kim Baumann zu bedenken. „Oft ist es verpönt, schwierige Familienverhältnisse anzusprechen. Wir möchten die Kinder und Eltern darüber aufklären, dass es nicht schlimm ist, über Probleme zu sprechen und Hilfe anzunehmen.“ Die K.O.T. sei das niedrigschwelligste Angebot in der Kinder- und Jugendhilfe, offen für jedermann, Hautfarbe, Religion, sozialer Hintergrund seien unbedeutend. Anfangs ständen die Kinder und Jugendlichen den bis dato fremden Sozialarbeitern oftmals skeptisch gegenüber, doch würden sich nach und nach mehr und mehr öffnen, über schulische Probleme und die in der Familie sprechen und die Sozialarbeiter als Ansprechpartner wahrnehmen. „In einer K.O.T schauen auch viele Kids vorbei, die Einzelgänger sind oder nicht so viele Freunde haben. Bei uns ist es einfacher, Freundschaften zu schließen“, sagt Nadine Wagner. Und, so Marius Riedel: „Auch die größten ‘Prolls’ tragen viel mit sich herum, ihr Verhalten ist wie ein Spiegel. Beim Jugendtreff hat man Zugang zu ihnen – sie öffnen sich, was sie woanders nie machen würden.“

Kinder- und Jugendhilfe kann sehr herausfordernd sein, gerade bei vielen Teilnehmern in der K.O.T. Die Sozialarbeiter müssen spontan agieren, sich auf jeden Tag neu einstellen. Schließlich kann es sein, dass nur drei, vier Jugendliche dabei sind, oder 17, 18 – Flexibilität ist gefragt, gerade bei besonderen Angeboten wie Malen oder Backen. Manchmal, besonders in Hallenberg wegen der zentralen Lage, gehen alle gemeinsam zum Einkaufen los, in Eslohe bisweilen die Älteren. Dazu haben viele Kinder und Jugendliche durch veränderte Schulzeiten oder das verkürzte Abi sowieso ein „krasses Nachmittagsprogamm“, so Eva Volpert-Dünschede: „Die Struktur, die vor zehn Jahren noch gegriffen hat, verändert sich. Vor 16 Uhr braucht man selbst für die Jüngeren kaum etwas anzubieten.“ 

Gehe man jedoch zu weit in die Abendstunden hinein, sei die Erreichbarkeit für Kids zum Beispiel aus den Dörfern aufgrund fehlender Mobilität eingeschränkt. Auch die Mittel seien begrenzt: Jedes Jahr stelle der Bereich Jugendförderung vom Kreisjugendamt eine Pauschale zur Verfügung für Miete und Co, dazu können die Mitarbeiter jährlich Projektgelder beantragen, zum Beispiel für Neuanschaffungen. Einen Bulli gebe es indes nicht, die Mitarbeiter nutzen ihre Privat-Pkw.

Ein Blick in die K.O.T. Hallenberg.

- Juliane Grooten: „Manchmal wenden sich Kinder und Jugendliche an uns, die große Schwierigkeiten in der Familie oder der Einrichtung, in der sie untergebracht sind, haben. Falls möglich und erwünscht, können wir gern versuchen, zwischen den Kids und den Ansprechpartnern vor Ort zu schlichten. Der Vorteil: Wir Mitarbeiter beim Sozialwerk arbeiten je eine halbe Stelle in der K.O.T, dazu haben wir Stellenanteile im ambulanten Bereich und so einen kurzen Draht zum Jugendamt, wenn es Probleme gibt. Das geht andere Wege, als wenn es sofort hochoffiziell wird.“ 

- Kim Baumann: „Es ist immer schön zu sehen, dass unsere Hündin Ella das Talent hat zu vermitteln. Die Kids nutzen Ella als Medium, um in Kontakt zu kommen. Bei uns ist es Tradition, bei jedem Treffen eine halbe Stunde mit ihr spazieren zu gehen, dabei gibt es viele Situationen zum Schmunzeln. Was mich beeindruckt: Wir müssen nicht das neueste I-Phone präsentieren, keine Riesen-Events organisieren. Einfache Dinge wie der Spaziergang oder Malen reichen. Auch der Wunsch nach einem Besuch im Tierheim ist schon aufgekommen.“ 

- Nadine Wagner: „Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Kinder und Jugendlichen Vertrauen fassen und es weitertragen, dass es ihnen in der K.O.T. gefällt. Sie bringen Freunde mit, weil sie wissen: Das ist mein geschützter Rahmen. Sie möchten ihren Freunden dann selbst alles zeigen, ich bin erst einmal abgemeldet (lacht). Es gab zudem die Überlegungen, ob wir die Zeit zwischen den Jüngeren und Älteren teilen, doch dass wollten sie nicht, sondern lieber miteinander etwas machen.

Die anderen Sozialarbeiter bestätigen, dass sich auch zwischen den Besuchern Netzwerke bilden, zum Beispiel helfen die Älteren den Jüngeren bei den Hausaufgaben.

- Marius Riedel: „Es ist cool zu sehen, dass dieses kunterbunte Publikum, obwohl es natürlich Streitigkeiten gibt, sehr harmonisch zusammenlebt. Spannend ist, wie sich Regeln unter den Kids verbreiten. In Winterberg dürfen sie nicht direkt vor der Haustür rauchen. Anfangs musste ich sie immer wieder darauf ansprechen. Dann sagte ein Jüngerer zu den Älteren: ‘Ihr wisst genau, dass ihr hier nicht rauchen dürft!’ Sie reglementieren sich untereinander, es gibt eine Art Verhaltenskodex. Es ist zum Beispiel noch nie jemand alkoholisiert aufgetaucht, obwohl einige von ihnen draußen ständig betrunken sind.“

Ein wichtiger Punkt sei die (noch) bessere Vernetzung mit den Schulen: Gemeinsam mit den Schulen könnten die Sozialarbeiter Angebote entwickeln, das Know-how des jeweils anderen nutzen. Kim Baumann: „Die Gesellschaft wandelt sich. Schulen müssen sich diesem Wandel stellen, doch sie haben natürlich nur begrenzte Kapazität an Energie. Wir könnten Themen wie Mediennutzung oder Mobbing mit den Schülern aufbereiten.“ Des Weiteren haben die Mitarbeiter schon in Richtung Mobile Kinder- und Jugendhilfe gedacht, um auch direkt in die Dörfer fahren zu können – darüber werde, so Eva Volpert-Dünschede, aktuell „schwer diskutiert.“

Die K.O.T. der Sozialwerk Sauerland GmbH sind geöffnet für alle Kinder und Jugendlichen, auch Urlauber:

- Standort Winterberg: Die Ansprechpartner sind Hatice Yanardag, Marius Riedel und Viktoria Brüne, Öffnungszeiten: Montag und Mittwoch von 14 bis 20 Uhr, Adresse: Am Alten Garten 4 (im Evangelischen Gemeindehaus)

- Standort Hallenberg: Die Ansprechpartner sind Nadine Wagner, Daniela Kaiser und Lea Janson, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.30 bis 19 Uhr, Adresse: Bangenstraße 16 (in der Stadthalle)

- Standort Eslohe: Die Ansprechpartner sind Juliane Grooten, Kim Baumann und Svenja Beckmann, Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch von 14 bis 20 Uhr, Adresse: Dornseifferweg 19 (im Katholischen Pfarrheim)

Auch in Medebach wird eine K.O.T. für Kinder und Jugendliche angeboten, allerdings unter anderer Trägerschaft: der der Kolpingsfamilie. Finanziert wird der Treff vom Kreisjugendamt, Kolping Medebach und der Stadt Medebach. Leiterin Carolin Wahle sprach mit Kurier-Redakteurin Anna Sartorius über ihre Eindrücke und Erfahrungen – und über ihren Wunsch für die Zukunft. 

Carolin Wahle, Leiterin der K.O.T. Medebach.

Frau Wahle, wie wird die Kleine Offene Tür in Medebach angenommen? 

Der Treff wird gut angenommen. Gerade die jungen Besucher haben im vergangenen Jahr zugenommen. Wir bieten täglich ein Programm an, an denen die Kinder und Jugendlichen, wenn sie möchten, teilnehmen können. Sämtliche Aktionen sind bei uns kostenlos, damit wirklich alle daran teilnehmen können. Besonders beliebt sind unsere Ausflüge sowie Projekt- und Essensangebote. 

Aus welchem Grund ist eine K.O.T. in Medebach wichtig? 

Medebach hat ein tolles und vielseitiges Vereinsleben, aber nicht alle Kinder und Jugendliche möchten an den Angeboten der Vereine teilnehmen. Besonders für diese Kinder und Jugendlichen bietet die K.O.T. eine gute Möglichkeit ihre Freizeit zu gestalten. Bei uns können sie Billard und Kicker spielen, darten, das Wlan und den Computer nutzen, an der PS3 zocken, Musik hören, einfach nur abhängen und quatschen oder sich auf unserem Trampolin auspowern. Die Kinder und Jugendlichen bestimmen das Programm mit. 

"Neutraler Punkt zwischen Eltern und Lehrern"

Hat Sie persönlich ein Moment, ein Mensch, ein Gespräch besonders berührt? 

Als Mitarbeiterin in einer Kleinen offenen Tür bin ich ein besonderer Ansprechpartner für die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich bin ein neutraler Punkt zwischen Eltern und Lehrern und mir werden viele Dinge anvertraut, die sie mit anderen Erwachsenen nicht besprechen würden. Alle wichtigen Themen werden bei uns in unseren „Küchengesprächen“ geführt, so bin ich immer nah dran an den Themen, die die Kinder und Jugendlichen beschäftigen. Besonders schön ist es zu sehen, wie sich die Besucher weiterentwickeln. Ich leite die K.O.T nun schon seit zwölf Jahren und konnte so miterleben, wie Jugendliche, trotz schwieriger Phasen, ihren Weg gehen. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Kinder und Jugendliche die Kleine Offene Tür annehmen würden. In der Öffnungszeit von 18 bis 20.30 Uhr nutzen auch neue Medebacher Bürger die Chance, den Treff zu besuchen und durch Gespräche ihr Deutsch zu verbessern. Leider scheinen hier die Akzeptanz beziehungsweise die Ängste der Medebacher doch noch eine Rolle zu spielen. Alle Besucher sind ganz liebe und nette Leute, mit denen man viel Spaß haben kann. Also traut euch und kommt vorbei. Ich freue mich auf euch!

Der Jugendtreff ist montags und dienstags von 16 bis 20.30 Uhr, mittwochs von 18 bis 20.30 Uhr und freitags von 16 bis 21 Uhr geöffnet. Einmal im Monat findet auch am Wochenende ein Programm statt. Von 16 bis 18 Uhr kommen die „Kleinen“ ins Nest (der Treff für die Sechs- bis 12- Jährigen), danach ist für die Älteren das Jugendcafé geöffnet. Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kennen den Treff eher unter „Kolpinghaus“ – und dort findet er auch statt: im Kolpinghaus Medebach in der Niederstraße 11.

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