Gemeinsam wieder zurück ins Leben

"Seelenbeben" begleitet Kinder und Jugendliche nach dem Verlust eines lieben Menschen

Die vier Damen der Gruppe "Seelenbeben": Daniela Janine Peetz, Marina Lenze und Helga Hermann aus Winterberg sowie Jutta Engel aus Bigge.

Winterberg/Hochsauerland - Emil ist anders geworden. Irgendwie komisch, sagen seine Klassenkameraden. Vor ein paar Wochen noch war er lustig, ein bisschen überdreht, immer freundlich. Seit einiger aber Zeit schlägt er um sich, außer sich vor Wut, bebend vor Zorn. Rasend macht ihn vieles. Wenn sein Freund ihn aus Versehen tritt unter dem Schultisch; wenn er seinen Müsliriegel daheim vergessen hat. Oder wenn jemand über seinen Papa redet. Denn Papa ist tot, plötzlich gestorben, unerwartet für alle. Emil weiß nicht, wohin mit seinen Gefühlen, der Trauer, der Angst, der Wut. Wie nur soll er umgehen damit, dass Papa nicht mehr da ist – und Mama so traurig?

Wut, Trauer, Hoffnung, Melancholie, Angst, Einsamkeit, Fröhlichkeit, Erschöpfung, Schuld wegen eines fröhlichen Moments oder einer ungeklärten Streitigkeit vor dem Tod einer geliebten Person – ein Mensch, der trauert, kann vieles empfinden, nacheinander, auf einmal. Das gilt für große ebenso wie für kleine Personen. Und doch gibt’s gravierende Unterschiede, denn Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene: Ihnen fehlen oft die Worte für ihre Gefühle und die Situation, manche von ihnen zeigen ungewöhnliche Verhaltensweisen. 

Für Kids wie Emil ist die neue Trauergruppe „Seelenbeben“ da: Vier Frauen – Daniela Janine Peetz, Marina Lenze und Helga Hermann aus Winterberg sowie Jutta Engel aus Bigge, selbst Mütter, teilweise Kinder- und Jugendtrauerbegleiterinnen, Trauerbegleiterinnen und Notfallseelsorgerinnen – begleiten und unterstützen trauernde Kinder und Jugendliche aus der Region und geben ihnen bei den monatlichen „Seelenbeben“-Treffen einen geschützten Raum, in dem sie all ihre Emotionen herauslassen können und einfach fühlen dürfen, was sie gerade fühlen, ganz ohne verurteilt, bewertet oder schräg angeschaut zu werden. Die vier Ehrenamtlichen sorgen für eine angenehme Atmosphäre, die Kids können spielen, basteln, sich in der Turnhalle des Winterberger Familienzentrums Edith Stein austoben und miteinander ins Gespräch kommen, wenn sie möchten – eben gemeinsam wieder „ins Leben kommen“.

"Sie merken, dass sie eben nicht ‘komisch’ sind"

„Hier merken sie: Ich bin ja gar nicht allein mit meinen Gefühlen, hier gibt es Gleichaltrige, die verstehen, wie es mir geht und mir vielleicht sogar helfen können“, erklärt das „Seelenbeben“-Quartett. „Die Kinder und Jugendlichen merken, dass sie nicht ‘komisch’ sind oder anders, sondern dass alles, was sie fühlen, richtig ist. Ihre Gefühle können sich von Minute zu Minute ändern, von Trauer zur Wut zum Fröhlichsein und wieder zurück. Und das ist in Ordnung so."

Dass großer Bedarf besteht an einer Trauergruppe speziell für Kinder und Jugendliche, haben die Damen von „Seelenbeben“ schnell gemerkt. Im Grunde genommen, so sagen die vier Freundinnen, habe sie schon die Resonanz im Vorfeld, die Wertschätzung und Unterstützung, überwältigt: „Wir sind aus vielen Ecken angesprochen worden – und werden es immer noch – wie toll und wichtig das Angebot doch sei. Uns wurde direkt zu Anfang berichtet, was geschehen kann, wenn Trauer nicht verarbeitet wird: Es gab Jugendliche, die mit hohen suizidalen Tendenzen in eine psychosomatische Klinik eingeliefert worden sind. Der Entwicklung, Trauer keinen Raum zu geben, sondern sie zu verdrängen und einfach wieder zu funktionieren, wollen wir entschieden entgegentreten“, so die vier. „Wir sind sehr froh, auf diesem Weg starke Partner im Rücken zu wissen.“ Das Team arbeitet mit Ärzten, Psychologen, den Kindergärten und Schulen zusammen: Wenn einer einmal nicht weiter weiß, hat ein anderer eine Idee. 

Kein derartiges Angebot in der Region vorhanden

„Es gibt die wichtigen Trauergruppen für Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche hingegen ist in unserer Region kein derartiges Angebot vorhanden. Uns wurde gesagt, wir müssten Geduld haben, bis sich das Angebot herumspricht und dass wir am Anfang wohl alleine am Tisch sitzen würden.“ Das Gegenteil war der Fall. Schon bei den ersten beiden Treffen waren drei Familien da, weitere haben sich für die kommenden Termine angekündigt. Es sind Kinder vor Ort, die einen lieben Menschen erst kürzlich gehen lassen mussten, und Kinder, bei denen der Verlust etwas länger her ist. „Man kann nach Monaten trauern, nach einem Jahr, nach fünf Jahren. Trauer verläuft nicht nach Plan, nicht linear, es kann vor und wieder zurück gehen, vor und wieder zurück.“

So geht es auch Emil: Mal ist er, nachdem er so richtig wütend gewesen ist, plötzlich richtig kichrig. Dann fühlt er Schuld, denn Papa ist ja tot. Was Emil belastet: So richtig verabschieden konnte er sich nicht von seinem Papa. Denn auch Mama war überfordert von der Situation, wusste selbst nicht, wohin mit ihren Emotionen, wie sie ihren Kindern, Emil und seiner Schwester, die sich anders als Emil viel mehr in sich zurückzieht, gar nicht mehr mit Mama kuschelt oder sich mit ihren Freundinnen trifft, den Tod von Papa erklären sollte. Für Mama das Wichtigste war, ihre Kinder zu beschützen vor dem Tod, vor Trauer, vor Kummer. Also hat sie versucht, die beiden vom toten Papa so gut es geht abzuschirmen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er zu Lebzeiten war: Der große Papa, der Beschützer, lustig wie Emil, lieb wie seine Schwester. Nicht eingefallen und schwach, ohne Scherz auf den Lippen.

Der Opa auf der Sternenreise

So wie Emils Mama geht es wahrscheinlich vielen Erwachsenen: Aus Angst etwas falsch, alles nur noch schlimmer zu machen, verwehren sie ihren Kindern eine Chance, auf ihre eigene Weise ‘tschüss’ zu sagen. Aber, und das sagt das „Seelenbeben“-Quartett mit Nachdruck: „Es ist für Kinder ganz, ganz wichtig, sich von einem lieben Menschen verabschieden zu können.“ Die Verabschiedung müsse nicht mit negativen Gefühlen verbunden sein, sondern könne mit etwas Positivem, gar Schönem, assoziiert werden. Einmal zum Beispiel haben zwei der Damen in ihrem Ehrenamt als Trauerbegleiterinnen gemeinsam mit einem kleinen Mädchen den Opa auf seine Sternenreise geschickt und Sternenstaub über ihn verteilt. 

Ein anderes Mal – der Papa der Kinder wurde eingeäschert und diese konnten ihn vorher nicht mehr sehen – haben sie im Vorfeld im Detail mit den Kindern darüber gesprochen, wie es in der Kapelle aussieht, wie es riecht, dass es kälter ist als draußen. „Damit die Kinder verstehen konnten, warum der Papa nun in einer Urne ist, haben wir ihnen im Vorfeld eine Urne mitgebracht, die sie anfassen konnten. Wir haben ihnen offen erklärt, was mit ihrem Papa passiert ist. In der Kapelle haben die Kinder dann die Urne mit dem Papa in den Händen gehabt, haben sie gestreichelt und ihr einen Kuss gegeben.“ Kinder könnten auch etwas für den geliebten Menschen basteln, ihm zum Beispiel ein Stofftier mit auf den Weg geben – kleine Dinge zur Verabschiedung, die für die Verarbeitung immens wichtig seien.

Das Logo von "Seelenbeben" (für Vollbild oben rechts klicken).

In einer der Gruppenstunden haben die vier Ehrenamtlichen zum Beispiel mit den Kindern Sterne gebastelt und dadurch, ganz spielerisch, mit ihnen über Tod und Trauer gesprochen. So werden Worte gewechselt über Dinge, für die es eigentlich keine Worte gibt. Das aber ist kein Muss: Die Kinder und Jugendlichen können immer gern, müssen aber nicht über diese Themen sprechen. Notwendig indes sei es, selbst offen gegenüber Kinder und Jugendlichen zu sein. Auf Fragen des Kindes, die der Erwachsene selbst nicht beantworten kann, könne dieser auch sagen: „Du, ganz ehrlich, das weiß ich nicht. Wie stellst du dir das denn vor?“ Die Gedanken und Ideen eines Kindes können, so die vier, auch einen Erwachsenen berühren und ebenso wie seine Worte kraftvoll wirken. 

"Trauer ist keine Krankheit, aber nicht trauern macht krank"

Emil hingegen fühlt sich ganz und gar nicht kraftvoll, sondern einsam, ganz oft hilflos. Darf er fröhlich sein, wenn seine Mama so traurig ist? Er würde Mama so gern helfen, weiß aber nicht wie. Und ihr seine Sorgen aufzubürden? Das möchte er nicht, schließlich weint sie so oft. Auch wenn sie versucht, es zu verstecken; Emil spürt, wenn es seiner Mama nicht gut geht. Ihre Augen sind dann so rot und das Lächeln wirkt so komisch. So viele Gefühle sind in ihm drin, dass er nicht weiß, wohin mit ihnen, die sich daher alle auf einmal entladen, wenn ihn eine Kleinigkeit richtig wütend macht.

Daniela Janine Peetz, Marina Lenze, Helga Hermann und Jutta Engel betonen: „Trauer ist keine Krankheit, aber nicht trauern macht krank. Trauer kann einen Menschen durch das ganze Leben begleiten: Beim Abiball, bei dem Mama nicht dabei ist, bei der Hochzeit, bei dem Papa die Braut nicht zum Altar begleitet.“ In so schwierigen Momenten helfen Erinnerungen, sind sich die vier sicher. Wie war Papa? Wie war Mama? Würden sie sich jetzt freuen? Wie würden sie reagieren? Erinnerungen zu sammeln, zum Beispiel mithilfe einer Erinnerungskiste, gefüllt mit Fotos oder dem Lieblingsparfum oder Texten von Angehörigen und Freunden, wie die Mama oder der Papa, die Oma oder der Opa, gewesen ist, sei eine gute Idee. Wichtig sei es auch, zu reden über den Verstorbenen, der durch die Worte weiterlebe. 

Erstmals Eltern-Café am 7. Dezember

Das betreffe nicht nur Kinder und Jugendliche: „Was uns überrascht und gefreut hat: Auch den Erwachsenen hat es bei den Gruppenstunden sichtlich gutgetan, miteinander zu reden. Über das, was ihnen passiert ist und wie sie damit umgehen, aber auch über andere Themen. Bei den Gruppenstunden sind sie ‘ganz normale’ Eltern, nicht die, die einen schweren Schicksalsschlag erlebt haben. Denn das wissen sie an jedem Tag, in jeder Stunde selbst.“ Aufgrund dieser Resonanz ist für die kommenden Treffen ein Erwachsenen-Café für die Eltern und Angehörigen, die die Kids begleiten, geplant. 

Auch Emil, seine Mama und seine Schwester treffen sich mittlerweile mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie sie. Emils Lehrerin hat sie darauf gebracht. Alle drei sind noch sehr traurig. Emil aber wird nicht mehr so oft böse, seine Schwester macht wieder viel mit ihren Freundinnen und Mama, die macht wieder Scherze und lacht darüber, wenn Emil so lustig ist, und sie freut sich, wenn seine Schwester zu ihr kommt zum Kuscheln. Es wird wieder gut, ganz langsam, Schritt für Schritt, vor und zurück, gemeinsam. Und Emil, er hat gelernt, dass er eben nicht anders ist oder komisch. Sondern ganz normal.

Das ist die Gruppe "Seelenbeben"

  • Die Gruppe trifft sich immer am ersten Samstag im Monat um 14 Uhr im Familienzentrum Edith Stein in Winterberg (Auf der Wallme 6). Kinder und Jugendliche jeden Alters, die um einen nahestehenden Menschen trauern, können kostenlos teilnehmen. Das nächste Treffen findet am 7. Dezember statt. Zu erreichen ist die Gruppe unter Tel. 0178/850793. 
  • Die vier Ehrenamtlichen würden sich über Spenden freuen – Gelder werden unter anderem benötigt für Ausbildungen, Materialkosten und einen Supervisor, der den Trauerbegleiterinnen Rückhalt für ihre Arbeit geben soll. 
  • Die Damen würden den Kindern und Jugendlichen mithilfe der Spenden gern Ausflüge, wie beispielsweise zum Klettern, Wasserski-Fahren oder Bogenschießen, ermöglichen – „um erlebnispädagogisch zu arbeiten und mit den Kindern und Jugendlichen ihre Grenzen zu überwinden“, sagen sie.  
  • Das Spendenkonto bei der Volksbank Bigge-Lenne lautet wie folgt: - IBAN DE96 4606 2817 0010 7449 00 - Verwendungszweck „Seelenbeben“.  
  • Zudem würde sich das „Seelenbeben“-Quartett freuen, wenn sich jemand melden würde, der für das Treffen einmal im Monat einen frischen Kuchen spendieren würde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare