Kleiner Stützpunkt, große Geschichten

Die wohl kleinste Kaserne Deutschlands gibt's im Sauerland

Vor der wohl kleinsten Kaserne Deutschlands in Winterberg: Oberstabsgefreite Marie Freier und Stützpunktleiter Stabsfeldwebel Martin Krömer sind seit 2018 ein Team. Kompaniefeldwebel Bernd Robering, eigentlich ansässig am Standort Düsseldorf, war in Winterberg bei einem Lehrgang zum Thema Ladungssicherheit.
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Vor der wohl kleinsten Kaserne Deutschlands in Winterberg: Oberstabsgefreite Marie Freier und Stützpunktleiter Stabsfeldwebel Martin Krömer sind seit 2018 ein Team. Kompaniefeldwebel Bernd Robering, eigentlich ansässig am Standort Düsseldorf, war in Winterberg bei einem Lehrgang zum Thema Ladungssicherheit.

Winterberg - Hier, in der wohl kleinsten Kaserne Deutschlands, führt das Landeskommando Nordrhein-Westfalen Lehrgänge aus, schult Soldaten und Reservisten für ihre Aufgaben, plant ihre Einsätze. Unscheinbar ist der Stützpunkt, weiß-graue Fassade, dunkles Dach, große Fenster. Unscheinbar zumindest von außen: Im Inneren bei den Menschen beherbergt der Stützpunkt größere Geschichten.

Stabsfeldwebel Martin Krömer, Stützpunktleiter, sitzt im Büro mit der zweiten festen Mitarbeiterin, Oberstabsgefreite Marie Freier. An der Wand hinter ihm Bilder und Zeitungsausschnitte von Einsätzen und Hilfsprojekten, in der Vitrine Erinnerungsstücke, eine Kugel, die bei einem Auslandseinsatz knapp hinter ihm eingeschlagen ist. Hier in Winterberg, die Einsätze sind teilweise viele Jahre her, die Einsatzorte wie Kroatien, Mazedonien, Bosnien weit weg, denkt Krömer nicht täglich an das Erlebte, ab und an wochenlang nicht. 

Manchmal aber, wenn er zum Beispiel im Wald spazieren geht und sich vorstellt, wie es wäre, wenn er jetzt beschossen werden würde, wie er sich dann verhalten würde, erinnert er sich an Momente, die nicht nur den Soldaten Krömer beschäftigen und viele Jahre beschäftigt haben, sondern auch den Menschen Krömer – und seine Familie. Krömer selbst ist in der Ausbildung so gut wie eben möglich auf das Kommende vorbereitet worden, seine Vorgesetzten haben nichts beschönigt, er wusste, dass er wahrscheinlich stark verletzte und verstümmelte Personen sehen würde, auch verstorbene, und Kinder, die im Kriegsgebiet aufwachsen und leben. 

Worauf er so gut es eben geht vorbereitet war, war für seine Familie schwer zu ertragen. Sie wussten, dass Krömer irgendwann ins Ausland geht. Bei den Einsätzen selbst erfuhren sie als Außenstehende viel nur aus den Medien. „Besonders meine damalige Frau hat sich natürlich viele Gedanken gemacht: Wo bin ich genau, was mache ich, was passiert gerade? Am Anfang der Einsätze gab es keine Handys. Mit öffentlichen Apparaten haben wir uns einmal die Woche für ein paar Minuten zuhause gemeldet“, erklärt Krömer.

Kalender mit Tageszahlen für die Kids

An eine Situation erinnert er sich genau: 2000/2001, Mazedonien, die Gefechte gehen los, die Truppe liegt unter Beschuss, die Ehefrau ruft auf dem Handy an, möchte wissen, was passiert ist, was da durch die Presse ging – Krömer sagt ihr, dass die Situation halb so wild und er schließlich „nur“ Logistiker sei, will sie beruhigen und schnell abwürgen. In dem Moment, als er sich verabschiedet: Gewehrschüsse. Krömer legt schnell auf, sucht Schutz vor den Kugeln. Ein ausschlaggebender Moment für ihn, reinen Tisch zu machen und seiner Frau zu erzählen, was all die Jahre wirklich passiert ist. Mit gleichzeitig diesem Wissen und der Ungewissheit der künftigen Einsätze zu leben, war für Krömers Frau unmöglich, die Ehe scheiterte. Auch seine zwei Kinder, eine Tochter und ein Sohn, hatten daran zu knabbern, dass ihr Papa viele Monate von ihnen getrennt war. „Wenn Papa geht, denken sie, er kommt morgen oder übermorgen wieder. Also bastelt man Kalender mit Tageszahlen, bis der Papa nach Hause kommt.“ 

Vor Jahren, vor einem Einsatz, kuschelt Martin Krömer mit seinen Kids im Bett, nachts steht er auf, schleicht aus dem Schlafzimmer, wie im Film, eine Bewegung nach der anderen, beim Hinuntergehen die knarzende Stufe auslassen, Stiefel anziehen, Rucksack schultern. Plötzlich ein leises Geräusch. Die kleine Tochter steht oben an der Treppe, weint, sagt „Papa geh nicht!“. Doch Papa muss nach einem letzten Blick weg, zieht die Haustür zu, Mama tröstet die Tochter. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle“, sagt Krömer heute. 

"Wenn man Menschen helfen möchte, sie dann aber auf einen schießen, ist das ein nicht zu beschreibendes Gefühl"

Wenn er dann soweit weg ist von seinen Lieben, fragt er sich oft, aus welchem Grund er dort ist, wo er gerade ist, aus welchem Grund er macht, was er macht, ob das alles überhaupt Sinn ergibt. Die Gedanken schiebt Martin Krömer schnell beiseite, funktioniert, macht, was ihm aufgetragen worden ist. „Doch wenn man Menschen eigentlich helfen möchte, sie dann aber auf einen schießen, ist das ein nicht zu beschreibendes Gefühl. Aber klar: Es gibt immer zwei Parteien.“ Kritik an den Tätigkeiten der Bundeswehr nimmt er an, damals und auch heute, wenn er Negativschlagzeilen mit einzelnen Soldaten oder der Bundeswehr im Gesamten liest. „Dann wünschte ich mir, ich könnte mir vor Ort selbst ein Bild machen. Die Bundeswehr ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Wir stehen natürlich im Fokus, damit müssen wir leben und umgehen können und an Verbesserungen arbeiten.“

Umso wichtiger ist für Martin Krömer, den Sauerländern bei seiner jetzigen Tätigkeit in Winterberg zu zeigen, dass er als Stellvertreter der Bundeswehr aktiv helfen möchte. In Winterberg organisiert er unter anderem Typisierungsaktionen – eine große erst im Januar dieses Jahres, als Schicksalsschläge zweier Familien das Sauerland bewegten – geht initiativ auf Menschen zu, plant Spendenaktionen oder bietet Betroffenen und Angehörigen Gespräche an, damit sie ihre Sorgen und Nöte loswerden. Morgens beim werktäglichen Kaffee besprechen die Mitarbeiter am Stützpunkt auch, was in der Umgebung passiert, wo sie vielleicht eingreifen können. Helfen zu wollen liegt in seinem Blut, sagte Krömer, auch früher schon. 

In der ersten von drei Liegenschaften in Winterberg - der Feldstraße - wir auch der Meldekopf betrieben.

Bosnien-Herzegowina. Etwa eine Stunde Autofahrt von Sarajevo entfernt. Eine Schule in einem Bergdorf. Die nicht viel hat: keine Heizung, mangelhafte Sanitäranlagen. Martin Krömer, Oberfeldwebel, hat die Betreuung der Schule von seinem Vorgänger übernommen, dessen Team unter anderem die Sanitäranlagen verbessert hatte. Auf dem trostlosen Schulhof indes fehlen Spielgeräte. Krömer nimmt Verbindung zu seiner Schwester in Deutschland auf, die eine Spendenaktion auf die Beine stellt – Kleidung, Medikamente, Stifte, Schaukelgerüste. 

Problem: Wie sollen die Spenden ins Land kommen? An Flugzeugtransport – reserviert unter anderem für Ausrüstung der Bundeswehr – ist nicht zu denken. Krömers Bataillonskommandeur im Inland kommt ins Spiel, holt die Spenden ab, bringt sie an einen Stützpunkt bei Berchtesgarden. Soldaten aus Österreich übernehmen, stocken die Spenden auf, bringen den Transport mit Glück über die Grenze ins Bergdorf. Krömer und seine Truppe verteilen die Spenden, bauen Spielgeräte auf, knüpfen enge Kontakte. Die Freundschaft mit dem Sprachmittler besteht bis heute. 

Krömer möchte aktiv helfen

Auch Einsätze in Deutschland waren prägend für Krömer, wie die Schneekatastrophe in Ochtrup sowie das Elbe-Hochwasser in Magdeburg. „Im Inland war die Dankbarkeit der Bürger eine besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte, ebenso die Zusammenarbeit mit Feuerwehr, THW usw. Man spürte deutlich die Zusprache der Bürger, weil wir vor Ort mit ihnen zusammen gegen die Naturkatastrophen gekämpft haben. Man hatte deutlicher das Gefühl anerkannt zu sein.“ Dieses Gefühl sei heute nicht mehr so stark – „weil die Distanz groß ist, wenn man keine Angehörigen bei der Bundeswehr hat. Ähnlich sieht es wohl bei den Kameraden der Polizei aus“. 

Nun als Stützpunktleiter in Winterberg haben sich seine Aufgaben verändert. Hier plant und organisiert er Lehrgänge und Übungen für die Bundeswehr sowie Aufenthalte für Sportler, hat dabei alles im Blick. Krömer mag den Standort, seine Aufgaben und Kollegen sehr. „Es kam der Punkt, an dem ich mich verändern wollte. Weit weg von zuhause wollte ich nicht mehr sein, also sah mich in der Nähe meines Wohnortes Warstein um. Und hatte Glück in Winterberg.“ 

Mit fast 50 hat Martin Krömer abgeschlossen mit seinen Einsätzen, auch wenn er ab und an an das Erlebte denkt. Wenn er im Wald spazieren geht oder sich umdreht zur Wand mit den Bildern und Zeitungsausschnitten oder der Vitrine. Kurz lässt er seinen Blick über sie schweifen, wendet sich dann dem PC zu, um sich seiner jetzigen Aufgabe zu widmen: die wohl kleinste Kaserne Deutschlands in Winterberg zu leiten.

Das Landeskommando NRW betreibt die Außendienststelle in Winterberg. Der Stützpunkt besteht aus drei Liegenschaften. Die erste befindet sich in der Feldstraße, wo auch der Meldekopf betrieben wird, mit einer Grundstücksgröße von 4.834 Quadratmeter. Die Nettogrundfläche der Gebäude beträgt 1704,44 Quadratmeter. Die beiden zweigeschossigen unterkellerten Gebäude dienen als Unterkunft. In ihnen befinden sich zwei Lehrsäle, zwei Betreuungsräume. In beiden Gebäuden befinden sich 21 Doppelstuben mit Dusche, WC und TV. Die zweite Liegenschaft ist am Kapperundweg und hat eine Grundstücksgröße von 7.553 Quadratmeter. Das Gelände ist mit einem Zaun umschlossen. Die dritte Liegenschaft befindet sich auf dem Kahlen Asten. Die Grundstücksgröße beträgt 890 Quadratmeter. Das Gelände ist umschlossen. Auf dem Grundstück befinden sich drei Gebäude. Die Liegenschaft wird sehr viel von Lotsen genutzt, die mit ihren einsatzgeschädigten Soldaten in der Abgeschiedenheit in Ruhe reden können. Quelle: Landeskommando NRW

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