Facebook live am Montag

Fall Freiburg: „Tagesschau“-Chefredakteur erläutert Verzicht

Hamburg - Für ihre Entscheidung, die Festnahme eines Flüchtlings im Fall der getöteten Studentin in Freiburg nicht zu melden, erntet die „Tagesschau“ Kritik. Chefredakteur Kai Gniffke geht deshalb in die Offensive.

Der Verzicht der ARD-„Tagesschau“ als Deutschlands meistgesehene Nachrichtensendung auf eine Berichterstattung über die Festnahme im Fall der getöteten Freiburger Studentin schlägt weiter Wellen.

In einem Blog-Eintrag am späten Sonntagabend erläuterte ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke erneut das Vorgehen seiner Redaktion: Die „Tagesschau“ berichte nur „sehr selten über einzelne Kriminalfälle“, sondern über „gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse“. Der Freiburger Fall hebe sich von anderen Mordfällen nach diesen Kriterien nicht ab. Deshalb habe man bei der Verhaftung des Tatverdächtigen den Maßstab beibehalten.

„Die Herkunft des mutmaßlichen Täters hat also mit dieser Entscheidung nichts zu tun“, betonte Gniffke. „Im Gegenteil, dass wir kein Problem damit haben, gegebenenfalls auch die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen, konnte man bei unserer Kölner Silvester-Berichterstattung sehen, bei der wir von Anfang an die Herkunft der mutmaßlichen Täter genannt haben.“

ARD-Aktuell-Chefredakteur stellt sich den Fragen der Facebook-Gemeinde

Bei Freiburg als einem einzelnen Mordfall reiche der Gesprächswert allein nicht als Kriterium aus, erläuterte Gniffke am Montagnachmittag auch in einem Facebook-Live-Videostream, bei dem ihm Fragen gestellt werden konnten. Angesichts der andauernden Diskussion habe sich seine Redaktion aber entschlossen, das Thema im Magazinformat „Tagesthemen“ am Montagabend aufzugreifen.

Auf den Einwand, dass die „Tagesschau“ darüber berichte, wenn in den USA Polizisten schwarze Bürger erschießen, ob das nicht auch Einzelfälle seien, sagte Gniffke: Dies sei etwas anderes, weil es das gesellschaftliche Phänomen der Rassendiskriminierung berühre und auch in den USA breit diskutiert werde. Und beim Fall Tugce? Damals sei es um das wichtige Phänomen der Einmischung und Zivilcourage gegangen.

Gniffke widersprach Einwänden, dass seine Redaktion bei einem deutschen Täter sehr wohl berichtet hätte: „Wenn ein Deutscher ein Flüchtlingsmädchen umgebracht hätte, hätte das unseren Relevanzkriterien auch nicht entsprochen.“

Warum über Anschläge auf Flüchtlingsheime berichtet werde? „Weil sich dahinter ein gesellschaftlich breites Phänomen verbirgt, nämlich dass es Fremdenfeindlichkeit in diesem Land gibt.“

Er versicherte Kritikern, dass wenn es eines Tages verlässliche Erkenntnisse geben sollte, dass „Flüchtlinge überproportional an Gewaltdelikten“ beteiligt seien, dass die „Tagesschau“ darüber berichten werde.

Auch auf den allgemeinen Vorwurf, die „Tagesschau“ sei Propagandamedium und zensiere, antwortete Gniffke: „Ich versichere Ihnen, dass ich nicht jeden Tag aus dem Bundeskanzleramt oder Nato-Hauptquartier einen Anruf bekomme.“

Auch ZDF-Moderator Claus Kleber wehrte sich online gegen Kritik, das „heute-journal“ habe die Festnahme verschwiegen. Am Samstag habe die Sendung „vollumfänglich“ dazu berichtet, schrieb Kleber auf Twitter. Am Sonntag sei es aber keine Neuigkeit mehr gewesen: „Daher HEUTE-journal, got it?“

Bereits am Sonntag hatte die „Tagesschau“ auf Facebook erklärt, warum die Nachricht in der 20-Uhr-Ausgabe vom Samstag nicht vorkam („regionale Bedeutung“, „der besondere Schutz von Jugendlichen“). Auf diesen Eintrag reagierten zahlreiche Nutzer mit Kritik und die Diskussion kochte hoch. Auf Facebook und Twitter hatte die „Tagesschau“-Redaktion über den Fall berichtet.

Der 17 Jahre alte Verdächtige war am Freitag festgenommen worden. Es handelt sich um einen unbegleiteten Flüchtling, der 2015 aus Afghanistan eingereist war und bei einer Familie in Freiburg lebte.

Die 19 Jahre alte Studentin war Mitte Oktober vergewaltigt worden, ihre Leiche wurde im Fluss Dreisam gefunden. Sie ertrank. Die Medizinstudentin war mit ihrem Fahrrad auf dem Heimweg von einer Uni-Party gewesen, als sie Opfer des Verbrechens wurde.

dpa

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