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„Die Hände meiner Mutter“: Versehrte Welt

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Konfrontiert mit dem eigenen Leidensweg: Wenn Markus (Andreas Döhler) seinen Sohn anschaut, muss er auch an den Missbrauch denken, unter dem er als Kind gelitten hat – zugefügt von der Mutter. Für seine Frau Monika (Jessica Schwarz) unvorstellbar.

München - In „Die Hände meiner Mutter“ nimmt sich Florian Eichinger feinfühlig des Themas Missbrauch durch Frauen an.

Eine Familienfeier auf einem Ausflugsdampfer. Alle freuen sich über das Wiedersehen. Auch Markus (Andreas Döhler) erscheint mit Gattin Monika (Jessica Schwarz) und dem kleinen Sohn Adam zum Geburtstag seines Vaters. Binnen weniger Einstellungen macht der feinfühlig arbeitende Regisseur Florian Eichinger klar, dass sich für Markus mit den „Händen der Mutter“ keine warmen, freundlichen Erinnerungen verbinden. Vielmehr befördert eine nebensächliche, nur hingeworfene Bemerkung der Mutter den jahrelangen eigenen Missbrauch durch diese Frau wieder an die Oberfläche.

Der Film zeichnet den emotionalen Leidensweg, den Markus von diesem Moment an gehen muss, akribisch und wohldurchdacht nach, ohne in die ungute Nähe des Voyeurismus zu geraten. Wie er seiner Frau erstmals von damals erzählt. Wie er seine Mutter mit den Erinnerungen konfrontieren will, wie immer mehr Verdrängtes nach außen drückt, bis Markus schließlich therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen muss.

Florian Eichinger ist der erste Regisseur seit Rosa von Praunheim mit „Härte“ (2015), der sich des schwer erträglichen Themas der übergriffigen Mutter annimmt. Dabei bedient sich Eichinger in Rückblenden eines Kunstgriffs, der erschütternd und verstörend ist. In den Szenen des weit zurückliegenden Missbrauchs sieht man keinen Kinderdarsteller in der Rolle des jungen Markus, sondern den erwachsenen Darsteller Andreas Döhler. Anfangs ist das gewöhnungsbedürftig, doch wie clever dieser Kniff ist, spürt man bald. Schließlich sind die Erinnerungen, die den längst erwachsenen Markus peinigen, nicht mitgewachsen, und er trägt bis heute schwer an ihnen. Außerdem berühren die beklemmenden Szenen durch das zurückgenommene Spiel des großartigen Künstlers auf eine ganz andere, intensivere Weise, als es einem noch so versierten Kinderdarsteller möglich wäre.

Der seit 2009 am Deutschen Theater Berlin engagierte Döhler ist ohnehin die Entdeckung dieses Werks, das auf dem vergangenen Münchner Filmfest mit dem Förderpreis neues deutsches Kino prämiert wurde. Ohne Döhlers intelligentes, zurückhaltendes und doch forciertes Spiel wäre die Konstruktion von „Die Hände meiner Mutter“ überhaupt nicht tragfähig. Aufmerksame Kinogänger haben ihn bereits in einer kleinen Rolle in Andres Veiels viel zu schnell in der Versenkung verschwundenem RAF-Drama „Wer wenn nicht wir“ bemerken können. Auch im Fernsehen deutet sich an, dass man an dem 42-Jährigen bald kaum noch vorbeikommen wird.

„Die Hände meiner Mutter“

mit Andreas Döhler, Jessica Schwarz, Heiko Pinkowski

Regie: Florian Eichinger

Laufzeit: 106 Minuten

Hervorragend

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