Ein verfilmtes Theaterstück

Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“

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Im religiösen Wahn: Petr Skvortsov als Benjamin.

München - Kirill Serebrennikov verfilmte mit „Der die Zeichen liest“ Marius von Mayenburgs Theaterstück „Märtyrer“. Hauptthema: Jugendliche und die Bibel.

Die Bibel kann ganz schön fies sein. Sie ist sexistisch, mitunter rachsüchtig und verabsolutierend. Selbst Jesus, der das Gebot der Liebe predigte, hat seine, sagen wir mal, Schattenseiten. Die Psychoanalytiker Bela Grunberger und Pierre Dessuant konnten ganz gut nachweisen, dass Jesus, neben vielen anderen Facetten, starke Anzeichen eines Narzissten aufweist. Auch Friedrich Nietzsche fiel das auf. In „Jenseits von Gut und Böse“ schreibt er von der „Geschichte eines armen Ungesättigten und Unersättlichen in der Liebe, der die Hölle erfinden musste, um die dorthin zu schicken, welche ihn nicht lieben wollten“. Aus dieser Warte betrachtet, enthält Marius von Mayenburgs Drama „Märtyrer“ keine neuen Informationen. Darin zitiert die Hauptfigur, der Schüler Benjamin, andauernd furchteinflößende Bibelstellen, um sein Umfeld – , die Mutter, die Lehrer und die Kameraden – auf ihr vermeintlich sündiges Leben hinzuweisen. Er wettert gegen Schwule, Bikinis, Scheidung und sexuelle Aufklärung.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov hat das Theaterstück nun verfilmt. Die Bilder sind klar und elegant, jede Kameraperspektive ist durchdacht, und Kammermusik erklingt nur an ausgewählten Passagen. Mit dieser Form wählt Serebrennikov einen angenehmen Mittelweg zwischen dem dick aufgetragenen Schmonzkino und dem ultrareduzierten Kunstfilm. Und so sind es auch die Bilder und die Ästhetik, die in „Der die Zeichen liest“ am meisten wirken. Wenn Benjamin (Petr Skvortsov) selbstgefällig auf dem Boden fläzt, nackt durchs Klassenzimmer tobt oder im Affenkostüm den Biologieunterricht stört, um die Evolutionstheorie anzuprangern, gibt uns das einen grotesken Einblick in die narzisstische Persönlichkeitsstruktur eines jeden radikalen Frömmlers. Als er noch dazu versucht, seinen körperlich gehandicapten Klassenkameraden Grischa (ganz wunderbar: Alexander Gorchilin) zu seinem Jünger zu machen, wird es pure Satire.

Richtig tiefsinnig wird der Film nicht. Schon das Theaterstück blieb oberflächlich wie ein Gleichnis oder Märchen. Über die Hintergründe der wahnhaften Frömmelei erfahren wir nichts. Ebenso wenig über die tiefere Psychologie des Fundamentalismus. Da muss man wohl doch zur Psychoanalyse greifen.

Kathrin Hildebrand

„Der die Zeichen liest“

mit Petr Skvortsov, Svetlana Bragarnik

Regie: Kirill Serebrennikov

Laufzeit: 118 Minuten

Sehenswert

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