Amy Adams & Jake Gyllenhaal

Kinofilm „Nocturnal Animals“: Eindeutig uneindeutig

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Ihr Gesicht spricht Bände: Amy Adams spielt Susan, die ein ihr gewidmetes Roman-Manuskript liest.

München - „Nocturnal Animals“, die zweite Regiearbeit des Modeschöpfers Tom Ford, ist ein Film über Gegensätze.

Kunst ist nie eindeutig. Auch in „Nocturnal Animals“ – der von Kunst und vom Lesen handelt – leben mehrere Filme. Es eint sie die Grunderzählung: Galeristin Susan (Amy Adams) erhält nach fast 20 kontaktlosen Jahren von ihrem Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) ein ihr gewidmetes Roman-Manuskript. Sie kennt Edward als eher schwächlichen Mann. Und so ist auch Tony (ebenfalls: Gyllenhaal), Protagonist des Buchs. Doch dessen Geschichte nimmt schnell eine Wendung ins Gewalttätige. Bei einer nächtlichen Fahrt durch Texas geraten Tony, Frau und Tochter mit drei jungen Einheimischen aneinander. Spielerische Bedrohung eskaliert zur Entführung der Frauen – und zu einem hilflosen Rachefeldzug Tonys.

Diese wüste Lektüre reißt Susan aus ihrer durchdesignten, leeren Welt und lässt verdrängte Vergangenheit zurückrauschen. „Nocturnal Animals“ macht daraus auf einer Ebene einen ziemlich meisterlichen Film, verständlich preisgekrönt: ein Konzentrat seiner oft bemüht literarischen Buchvorlage „Tony & Susan“ von Austin Wright – fokussierter, fast bedrückend intensiv. Das Handwerk so exquisit, wie man es bei der zweiten Regiearbeit des Modedesigners Tom Ford („A Single Man“) erwarten darf – allein über die Palette an Schwarztönen könnte man Hymnen schreiben.

Großartig die Schauspieler: Adams als Leserin, deren Gesicht Bände spricht; Gyllenhaal als Beta-Männchen ein Dampfkochtopf der Frustration; Michael Shannons Polizist furchteinflößender denn alle Verbrecher.

Es ist ein Film über Gegensätze: Kühle, Hochkultur, Design, zivilisierte Metropolen, Sublimierung versus Hitze, Genre, Landschaft, Testosteron, Gewalt. Eine Parabel über eine Frau, die zugunsten von Geld und Komfort ihre Ideale einer Kunst verraten hat, die nur Muse und Wahrheit verpflichtet ist.

Freilich: Für einen Film über das Urpersönliche als Antrieb aller Kreativität ist Fords Regie ein bisserl sehr kontrolliert, jedes Detail arg bewusst gesetzt, sodass es einem leicht den Blick verstellt auf den anderen „Nocturnal Animals“. Auf jenen Film, in dem leidende Männer Kunst machen, während Frauen unkreativ und berechnend sind. Wo schlicht ein verklemmter Mann nach Jahrzehnten des Schweigens als Rache für den Trennungsschmerz einer Frau ohne Warnung eine bestialische Fantasie hinknallt, in der sie und ihre Tochter vergewaltigt und getötet werden. Und sie sogleich einsieht, wie Unrecht sie ihm tat, wie sehr sie seine Sensibilität, sein Genie unterschätzte! Der Film inszeniert das als Susans gerechte Strafe – sehr gezielt die Ambiguität, Befreiung von Wrights Romanvorlage überschreibend. Kunst soll nicht unproblematisch sein – „Nocturnal Animals“ lohnt daher allemal die Auseinandersetzung. Aber man muss nicht alles, was er in sich trägt, widerspruchslos annehmen.

„Nocturnal Animals“

mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal Regie: Tom Ford Laufzeit: 116 Minuten

Sehenswert

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „The Door in the Floor“oder „Deliverance“mochten.

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