Journalist bei Maischberger Talk

„Populismus ist das Viagra für erschlaffte Demokratie“

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Claus Strunz, ehemaliger „BamS“-Chefredakteur, ist über die Streitkultur erfreut.

Hamburg - Am Mittwoch diskutierte Sandra Maischberger mit ihren Gästen über die Diskussionskultur und die schwerwiegenden Folgen für die Demokratie. Einer findet den Populismus belebend.

Ist es bloß ein Gefühl oder doch schon Realität? Die Fronten zwischen sogenannten „Wutbürgern“ und „Gutmenschen“ sind unverrückbar verhärtet. Sagt jemand, er sehe die Zuwanderung kritisch - zack, wird man als Rassist und Nationalsozialist beschimpft. Betont jemand die Vorteile der Zuwanderung - zack, wird man als Gutmensch verunglimpft.

Sandra Maischberger fragte deshalb in ihrer Sendung am Mittwoch: „Wutbürger gegen Gutmenschen - verliert die Demokratie?“ Es diskutierten drei Journalisten, ein Philosoph und ein Politiker über den Populismus und deren Folgen: Brexit, AfD und Trump.

Von Lojewski über Trump: „Der Mann ist ein Kotzbrocken“

Zu letzterem hat der ehemalige USA-Korrespondent Wolf von Lojewski eine klare Meinung: „Dieser Trump ist mir schon vor 25 Jahren aufgefallen, als Prototyp des hässlichen Amerikaners. Der Mann ist ein Kotzbrocken.“ Auch der scheidende CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist vom künftigen US-Präsidenten wenig überzeugt. „Traditionell hofft man darauf, dass Wahlversprechen eingehalten werden“, sagt er. „Bei Trump hofft man auf das Gegenteil.“

Apropos Gegenteil: Während die meisten die aktuelle, verhärtete Diskussionskultur ablehnen, ist der ehemalige „BamS“-Chefredakteur und TV-Kommentator Claus Strunz anderer Ansicht. „Ich finde es klasse, dass wir uns jetzt endlich wieder streiten. Der Populismus ist das Viagra für eine erschlaffte Demokratie“, sagte er. Es war „völlig wumpe“, welche Partei man gewählt habe, es ging immer so schön weiter. „Wir sind Schönwetterdemokraten“, sagt er. Durch den Populismus könnte die „großkoalitionäre Kuschelei“ vorbei sein. Auch die taz-Journalistin Bettina Gaus erkennt eine „politische Soße“ in Europa. „Es wird behauptet, dass jeder von Globalisierung und Digitalisierung profitiert. Das stimmt aber nicht“, sagt sie.

Hass: Familie von Kommunalpolitiker wird bedroht

Dabei machen auch die Journalisten Fehler. Von Lojewski kritisiert sich und seine Kollegen, dass sie zu viele Fragen stellen, deren Antworten man bereits kenne. „Der Diskurs wird immer floskelhafter“, so sein Fazit.

Anders sieht das in der Kommunalpolitik aus. Dort erleben zu viele Politiker, die die Flüchtlingspolitik umsetzen, die hässliche Fratze der politischen Auseinandersetzung. Thomas Purwin, Bocholter SPD-Kommunalpolitiker, wird in die Sendung geschaltet. Er trat nach mehreren Hass-Mails zurück. „Man hat mir gesagt, dass man mir, ich zitiere, meinen verfickten Judenschädel abschlagen würde“, berichtet er. „Ich habe erst gesagt, ich mache weiter, aber dann kriegte ich eine neue Mail, in der hat man meiner Lebensgefährtin und meiner kleinen Tochter das Übelste gewünscht. Es ging dort um sexuelle Praktiken bis hin zum Tode.“ Das war dann zu viel.

Genau diese „Idioten“ gehen Strunz zu weit. Und auch Gaus pflichtet ihm bei: „Man kann ja vieles falsch finden, ohne ins große Fass der Emotionen zu greifen.“ Die Hass-Mail-Verfasser seien aber, anders als die konstruktiven Kritiker, nur eine Minderheit, da ist sich die Runde einig. Philosoph Precht bemerkt: Diese Leute gab es früher auch schon, nur das Internet mache sie sichtbar und sie verstärken sich gegenseitig. „Insgesamt ist die Toleranz in der Gesellschaft sehr viel größer als in früheren Jahrzehnten.“ In den 1950er Jahren wäre ein schwarzer Schwiegersohn noch für 95 Prozent der Eltern indiskutabel gewesen, heute wäre das vielleicht für 50 Prozent noch schlimm.

Precht: Politik liefert keine Antworten

Precht analysiert, dass die derzeitige Wut auf die Politik daher kommt, dass die führenden Parteien keine positiven Zukunftsvisionen anbieten. Auf die Digitalisierung und Globalisierung werden strukturelle Veränderungen folgen. „Wo führt das hin?“, fragt er. Die Volksparteien wüssten keine Antworten darauf, und das Volk hat auch nicht das Gefühl, dass wirklich danach gesucht werde. Gaus pflichtet ihm bei: „Nicht nur Abgehängte wählen die Populisten. Viele haben die Sorge, dass die Globalisierung bedrohlich ist und man konkrete Nachteile erleidet. Das zieht sich durch alle Bevölkerungsgeschichten.“

Am Ende der Sendung wird über den Islam in Deutschland gesprochen. Strunz hat dazu eine plausible Erklärung: „Der Islam gehört zu Deutschland, solange sich Muslime zum Grundgesetz bekennen.“ Das schließe allerdings gefährliche Tendenzen wie Scharia und Salafismus aus.

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