Viel Diskussion - kaum Ergebnisse

Maischberger: Was ist dran am „Lügenpresse“-Vorwurf?

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Sandra Maischberger bei "Maischberger"

Berlin - Sandra Maischberger hat ihre Talksendung am Mittwochabend diesmal der eigenen Branche gewidmet. Berichten Journalisten nur, was in ihr eigenes Weltbild passt und kungeln mit den Mächtigen?

Joachim Radke, Busfahrer aus Berlin und AfD-Mitglied, kritisierte, die Berichterstattung in den Medien wirke gesteuert. Die Presse lüge nicht komplett, aber es gebe Halbwahrheiten und Unwahrheiten, es werde tendenziell berichtet. Auf eine genaue Defintion des Wortes „Lügenpresse“ konnte er sich allerdings nicht festlegen.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld (Ex-CDU) ergänzte, es sei ein offenes Geheimnis, dass Journalisten sich inzwischen mehrheitlich grün-links verordneten und es an professioneller Distanz vermissen ließen. Dass sie selbst vor kurzem auf sogenannte Fake-News reingefallen ist und diese in einem Blogeintrag zitiert hat, hätte sie wohl lieber verschwiegen, doch „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo schmierte ihr den Fauxpas genüsslich aufs Brot. 

Positive Berichterstattung über Flüchtlinge

Maischberger zitierte während der Sendung eine Studie der Hamburg Media School zur Berichterstattung über die Flüchtlinge in Deutschland, die zu dem Ergebnis kommt, dass diese zu einem großen Teil positiv gewesen sei. Der Medienwissenschaftler Gerhard Vowe von der Uni Düsseldorf bestätigte, das sei auch nach seiner Wahrnehmung bis September 2015 so gewesen. Es habe einen Konsens der Medien in dieser Frage gegeben. Die Vorstellung, da habe jemand im Hintergrund die Fäden gezogen und die Medien wie Marionetten gesteuert, sei aber abstrus.

Der Journalist und ehemalige „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert erklärte, in Deutschland sei darüber ganz anders berichtet worden als in vielen übrigen Ländern, etwa in Frankreich. Wickert glaubt aber nicht daran, dass die Medien gesteuert seien.

Diskussion ohne greifbare Ergebnisse

Bei Maischbergers Frage an Ulrich Wickert, ob er in seiner Karriere jemals einen Anruf aus der Politik bekommen habe, der seine Berichterstattung zu lenken versuchte, wurde natürlich verneint. Auch die ehemalige CDU-Abgeordnete Lengsfeld verneinte die Frage, ob sie je versucht hätte Einfluss auf Journalisten zu nehmen. Aber mal ehrlich, welcher Politiker würde so etwas in einer bundesweiten Fernsehsendung zugeben?

Insgesamt wurde viel diskutiert, die üblichen Standpunkte wurden ausgetauscht, doch wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht. Kolumnist und Social-Media-Experte Sascha Lobo ging zwar immer wieder auf Konfrontationskurs mit AfD-Mitglied und Pegida-Anhänger Joachim Radke, doch dieser konterte stets und ließ Lobo zeitweise wie einen Möchtegern-Intellektuellen dastehen. Beide sahen den jeweils anderen immer wieder in der Opferrolle. Ein Hin und Her, das die gesamte Sendung dominierte. Auch die Definition des Wortes „Gleichschaltung“ schien Lobo zu beschäftigen. So fragte er provozierend in Richtung Radke: „Wer schaltet denn die Medien gleich?“ Darauf konnte Radke nur antworten: „Wenn ich das wüsste ...“ 

Welche Rolle haben soziale Netzwerke?

Journalist Ulrich Wickert fixierte sich ebenfalls auf Radke, gab aber auch Vera Lengsfeld Kante. Mit intensiven Nachfragen brachte er sie nicht nur einmal aus dem Konzept, sodass sie gar einige ihrer Vorwürfe zurückzog und umformulieren musste. So beispielsweise den Vorwurf, Justizminister Heiko Mass habe vorab den Gesetzentwurf zum Verbot von Kinderehen an „Spiegel Online“ gegeben mit der angeblichen Bitte um eine geneigte Berichterstattung. Als Maischberger dem Vorwurf auf den Grund gehen will, rudert Lengsfeld zurück. Der „Spiegel“ habe immerhin sehr unkritisch über den Entwurf berichtet. 

Gegen Ende der Sendung wollte Maischberger noch auf die Rolle der sozialen Medien eingehen. Wickert sieht vor allem Twitter kritisch. Die Auswirkungen durch gesteuerte Algorithmen seien höchst beunruhigend. Auch Lobo kritisierte, dass solche Algorithmen die Nutzer in eine sogenannte Filterblase versetzen und sie lediglich Inhalte gezeigt bekommen, die ihre eigenen Ansichten bestätigen.

Fazit

Die Diskussion ist längst überfällig, doch ein richtiges Ergebnis konnte der Maischberger-Talk am Ende nicht vorweisen. Eine höfliche Gesprächsrunde war aufgrund ständiger Wortunterbrechungen kaum möglich und am Ende fragte sich der Zuschauer, warum Vera Lengsfeld eigentlich jemals in die CDU eingetreten ist und nicht schon längst zur AfD gewechselt ist.

Busfahrer Radke kann sich nicht auf eine genaue Definition des Wortes „Lügenpresse“ festlegen und Sascha Lobo versuchte wie gewohnt Pegida-Anhänger und AfD-Mitglieder automatisch in der rechten Ecke zu verordnen. Ulrich Wickert, der erfahrene, reife Journalist sorgte für Seriösität und Medienwissenschaftler Prof. Gerhard Vowe hat sich kaum zu Wort gemeldet. Lediglich: "Der Vertrauensverlust der Medien hat sich neuerdings sogar auf Qualitätsmedien ausgeweitet."

dpa/mt

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