Streitthema Digitalisierung

„Sie haben keine Ahnung“: Bei Anne Will fliegen die Fetzen

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Bei Anne Will diskutierten die Gäste das Thema: „Schöne neue Arbeitswelt - Ist der Computer der bessere Mensch?“ Autor Sascha Lobo (Mitte) und Psychiater Manfred Spitzer (links) stichelten besonders gegeneinander.

Berlin - „Ist der Computer der bessere Mensch?“ - diese Frage diskutierte Anne Will am Sonntagabend. Dabei kämpfte ein Diskussionsteilnehmer gegen den Rest der Runde.

Maschinen, die einen an der Hotelrezeption empfangen, Supermarktkassen zur Selbstbedienung oder Roboterkellner - sieht so der Alltag der Zukunft aus? Das Thema der Diskussionsrunde bei Anne Will war am Sonntagabend: „Schöne neue Arbeitswelt - Ist der Computer der bessere Mensch?“. 

Zu Gast waren Psychiater Manfred Spitzer, SPD- und Verdi-Chefin in Baden-Würtemberg Leni Breymaier, Blogger und Autor Sascha Lobo, ehemaliger Internet-Unternehmer und FDP-Chef Christian Lindner und Bitkom-Chef (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) Bernhard Rohleder.

Psychiater bei Anne Will: „Wegen der ganzen Computer und Smartphones verblöden wir komplett“

In der Sendung zeichneten sich zwei Lager ab: Befürworter und Gegner der Digitalisierung. Besonders skeptisch stand der Psychiater Manfred Spitzer der Digitalisierung entgegen. 

„Wegen der ganzen Computer und Smartphones verblöden wir komplett“, war Spitzers Anfangsstatement bei Anne Will. Vor allem Kinder und Jugendlichen würden Opfer der Digitalisierung. Schlafstörungen, Schulprobleme, Suchtgefahr, Diabetes und Depressionen seien das Resultat: Eine 13-Jährige, die jeden Tag drei Stunden auf Facebook surfe, hätte mit 18 Jahren eine doppelte Wahrscheinlichkeit, depressiv zu sein, erklärte der Psychiater.

Lindner: Vor der Digitalisierung war auch nicht alles besser

Mit seiner kritischen Meinung stieß Manfred Spitzer jedoch auf Ablehnung bei seinen Sitznachbarn Christian Lindner und Sascha Lobo. Der FDP-Chef Lindner sagte: „Ich glaube nicht, dass als das Telefon noch eine Wählscheibe hatte, alles besser war.“ Lindner plädierte dafür einen Weg zu finden, mit den neuen technischen Möglichkeiten umzugehen: „Wir sind mitten in der zweiten industriellen Revolution“, sagte Lindner.

Auch Lobo schloss sich ihm an: Der technische Fortschritt sei eine Chance. Außerdem warnte der Blogger vor der Dämonisierung des Internets, wie der Psychiater sie seiner Meinung nach vornahm. 

Lobo: Nicht Technik, sondern Kapitalismus ist schuld

Ein Kurzbeitrag in der Sendung stellte Roboterhunde vor, welche in Japan zukünftig die Pflege in Altenheimen übernehmen - und weitere fahrende Maschinen, die sogar mit den Senioren sprechen können.

Diese Roboter könnten in Zukunft auch die Pflegekräfte in Deutschland ersetzen - und damit Arbeitsplätze wegrationalisieren. 

Das sei aber keine Folge des technischen Fortschritts, so Lobo. Denn das Problem in der deutschen Digitaldebatte sei: „Man meint eigentlich den Kapitalismus und schlägt auf das Internet oder die Technologie“, betonte Lobo. Denn nur durch osteuropäische Frauen funktioniere das deutsche Pflegesystem überhaupt noch.

Breymeyer: Mensch bleibt in bestimmten Bereichen unersetzbar

Mit dem technischen Fortschritt fallen Arbeitsplätze weg. Das war auch der SPD-Chefin Leni Breymaier klar: „Ich werde auch nicht jedem Arbeitsplatz hinterherheulen“, erklärte sie. Aber in der Pflege, dem Gesundheitswesen und in den meisten Bereichen der Bildung seien Menschen unersetzbar.

Auch der Bitkom-Chef Bernhard Rohleder sah dem Wandel positiv entgegen. Auf Nachfrage von Anne Will, was die 35-jährige Verkäuferin in Zukunft mache, wenn sie durch eine automatisierte Supermarktkasse ersetzt würde, sagte er: „Wir müssen die Leute eben so klug, schlau und kompetent machen, dass sie digitale Rendite erwirtschaften.“ Dadurch könnte jeder von der digitalen Welt profitieren.

Spitzer: „Lernen geht eben nicht am Rechner.“

Doch an der technischen Frühbildung fehle es offenbar noch in Deutschland. Nur 34 Prozent der Lehrer nutzen einmal pro Wochen einen PC für den Unterricht. Zum Vergleich: In Russland sind es 76 Prozent, in den Niederlanden 77 Prozent und in Australien sogar 90 Prozent.

Das sei aber nicht weiter schlimm, so sah es jedenfalls Psychiater Manfred Spitzer. Denn: „Lernen geht eben nicht am Rechner.“ Außerdem sei Google zum Beispiel die schlechteste Art des Wissenserwerbs. Mit diesen Aussagen schürte der aufgebrachte Psychiater auch die Wut seiner Diskussionspartner. Lobo zu Spitzer: „Wollen Sie die jungen Menschen etwa auf die 1950er Jahre vorbereiten“ 

Gegenseitig fielen sie sich immer wieder ins Wort. Spitzer erinnerte sogar ein wenig an den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump mit seinen Zwischenrufen: „Falsch“, „Nein das stimmt nicht“ oder „Nein das ist falsch“.

Streitigkeiten zwischen den Diskussionspartnern

Und Spitzer wetterte immer wieder gegen die Argumente vor allem von Lindner und Lobo. „Sie mögen schöne rote Haare haben“, griff Spitzer Sascha Lobo an: „Aber sie haben keine Ahnung.“

Lindner wiederum polterte dagegen: „Sie sind das lebende Beispiel dafür, dass der Verzicht auf digitale Medien nicht zu besseren Umgangsformen führt.“

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