Spektakulärer Fall aus Italien

ARD-Tatort spielt echten Fall nach - das Finale wird die Zuschauer erschüttern

Gibt es das "perfekte Verbrechen"? Der "Tatort" aus Berlin näherte sich einer ungeheuerlichen Frage auf den Spuren eines realen Mordess. 1997 erschütterte der Tod der Studentin Marta Russo die Menschen in Italien.

  • Im neuen "Tatort" aus Berlin stehen Elite-Studenten im Verdacht, das "perfekte Verbrechen" geplant zu haben.
  • Der Mord, den die Kriminalhauptkommissare Robert Karow und Nina Rubin untersuchten, hat einreales Vorbild aus Italien.
  •  Die Studentin aus Rom wurde wie die Berliner Studentin im ARD-"Tatort" aus dem Hinterhalt auf dem Campus erschossen.

München - "Per aspera ad astra" - "Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen". Das war in der Tat kein unpassendes Motto für den neuen "Tatort" mit dem Berliner Kriminalhauptkommissar Robert Karow (Schauspieler Mark Waschke, 48) und seiner Kollegin Kriminalhauptkommissarin Nina Rubin (Schauspielerin Meret Becker, 51). 

Ohne Großes Latinum war man doch ziemlich verratzt zwischen "Probatio", "Conclusio" und anderen altphilologischen Preziosen. Was allerdings auch ohne humanistische Gymnasialausbildung erkennbar war: Ein Mord ist ein Mord und als solcher erschreckend banal. Auch dann, wenn ihn übergeschnappte Elite-Studenten des Nervenkitzels wegen begehen.

Horror am helllichten Tag: Die Studentin Mina Jiang wird mitten auf dem Gendarmenmarkt aus dem Hinterhalt erschossen.

„Tatort“ aus Berlin (ARD): Mord als Mutprobe von Elite-Studenten

Seit Dostojewski ("Schuld und Sühne", 1866) ist die Erkenntnis im Literaturkanon angekommen, seit Hitchcock ("Cocktail für eine Leiche", 1948) auch in der Populärkultur. Der Reiz des "perfekten Verbrechens", wie der neue ARD-Krimi umschweiflos titelt, scheint aber unsterblich zu sein.

Hier und heute also stand ein Jungmänner-Geheimbund aus Jura-Studenten im Verdacht, eine willkürlich ausgewählte Kommilitonin aus dem Hinterhalt erschossen zu haben, nur um sich selbst die eigene Überlegenheit vor der Strafverfolgung zu demonstrieren. Ein Mord als intellektuelles Gesellschaftsspiel. Als Mutprobe. Ein ungeheuerliches Szenario (Drehort war unter anderem in der Löwenvilla in Potsdam). Doch ist es nicht allein der Fantasie des Drehbuchautors Michael Comtesse entsprungen.

Indessen überrascht der „Tatort“ in Saarbrücken mit einem neuen Ermittler-Duo: Zwei Jungspunde übernehmen und machen etwas anders als ihr Vorgänger.

"Tatort" aus Berlin am Sonntag: Dieser Fall aus Italien war das Vorbild

Als sich das Ermittlerteam Robert Karow und Noma Rubin auf dem Berliner Gendarmenmarkt zur Sicherung der Tatspuren einfinden, klingt im "Tatort"-Krimi der Regisseurin Brigitte Maria Bertele der Name Marta Russo an. Es ist ein authentischer Fall, der in Italien hohe Wellen schlug, und vielleicht das berühmteste Beispiel jüngeren Datums für ein"perfektes Verbrechen". Zumindest für ein versuchtes.

Am 14. Mai 1997 erschütterte der Tod der italienischen Jurastudentin Italien. Der damalige Tathergang erinnert frappant an das Szenario des neuen Hauptstadt-"Tatort"-Falls der ARD: Die 22-jährige Marta Russo überquerte um 11.34 Uhr mit einer Freundin den Hof der juristischen Fakultät der Universität Rom, als sie urplötzlich zusammensackte. Ein Projektil vom Kaliber 22 hatte die junge Frau in die Schläfe getroffen, sie fiel ins Koma und verstarb vier Tage später.

„Tatort: Das perfekte Verbrechen“ orientierte sich an einem realen Fall, der Italien jahrelang beschäftigte

ARD-„Tatort“ aus Berlin: Der Fall konnte nie aufgeklärt werden

Eine weitere Parallele zum Berlin-"Tatort", den die ARD ausstrahlte: Die Hochschule in Rom verhielt sich verschwiegen und wenig kooperativ, so kamen die Ermittlungen nur zäh voran. Dann aber eröffneten zwei römische Studenten den Behörden, die beiden Dozenten Giovanni Scattone und Salvatore Ferraro, damals 30 und 31 Jahre jung, hätten in den Wochen vor der Tat in einem Seminar über die Möglichkeit eines perfekten Verbrechens philosophiert. Die beiden hätten die These vertreten, dass ein Mord nicht aufzuklären sei, wenn es kein Tatmotiv gebe und die Tatwaffe nicht gefunden werde. Fast sollten sie Recht behalten. 

Die Waffe, mit der auf Marta Russo geschossen wurde, konnte nie sichergestellt werden, auch kannten Scattone und Ferraro das mutmaßliche Zufallsopfer nachweislich nicht. Eine Sekretärin belastete die Dozenten der Rechtsphilosophie schwer, verstrickte sich aber später in Widersprüche und verweigerte fortan jede Aussage. So entwickelte sich noch ab demselben Jahr ein komplizierter Indizienprozess gegen die beiden mutmaßlichen Mörder, der für internationales Aufsehen sorgte. Auch, weil Ministerpräsident Silvio Berlusconi den Angeklagten öffentlich den Rücken stärkte.

Der wahre Tatort-Fall erschütterte Italien noch Jahre nach der Tat

Erst 2003, nach sechs Jahren Prozessdauer, folgte der Schuldspruch für die Angeklagten. Allerdings lautete er nicht auf Mord, sondern auf fahrlässige Tötung. Scattone und Ferraro, die stets ihre Unschuld beteuerten, wurden zu siebeneinhalb respektive fünf Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Nach Marta Russo wurden Schulen, Parks und Straßen benannt. War der Gerechtigkeit Genüge getan?

Wie sehr der Fall die italienische Öffentlichkeit nachhaltig aufgewühlt hat, zeigte sich zuletzt im Jahre 2015. Giovanni Scattone, der seine Haftstrafe verbüßt hatte, war im Begriff an einem römischen Gymnasium als Lehrer in Festanstellung anzufangen - der Oberste Gerichtshof in Rom hatte zuvor sein Berufsverbot aufgehoben.

"Tatort" Berlin (ARD): Ein unbefriedigendes Ende

"Einer wie er darf arbeiten, wenn er seine Strafe verbüßt. Aber er darf doch keine jungen Menschen mehr unterrichten. Es ist ein Unrecht, was hier geschieht!", empörte sich die Mutter der getöteten Marta Russo, und mit der Meinung stand sie nicht allein. Nach landesweiten Protesten verzichtete Scattone darauf, die Stelle anzutreten.

Ein ambivalenter Ausgang eines Aufsehen erregenden Falls. Für einen unbefriedigenden Schluss entschieden sich auch die Macher des "Tatorts" aus Berlin mit den Kriminalhauptkommissaren Robert Karow und Nina Rubin.

Den "Tatort: Das perfekte Verbrechen" stellt die ARD als Wiederholung wie üblich bis 30 Tage nach Ausstrahlung in ihrer Mediathek zur Verfügung.

Mau, so wie dieser Tatort aus Ludwigshafen*, wird der „Tatort“ Berlin nach dem realen Fall mit Sicherheit nicht sein. Ein anderer Tatort irritierte das Publikum sichtlich. „Ist das noch ein Krimi?“, fragten sich viele.

teleschau

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