„Tatort: Krieg im Kopf“, ARD

Die große Verschwörung im Lindholm-Tatort

Sie wird doch nicht? Lindholm beim Selbsttest. Manju Sawhney/NDR
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Sie wird doch nicht? Lindholm beim Selbsttest. Manju Sawhney/NDR

„Krieg in meinem Kopf“ erzählt eine böse Geschichte über hochtechnisierte Bewusstseinskontrolle beim Militär. Nicht zu fassen, aber keine reine Fantasie.

Zur notorischen Unzuverlässigkeit des Gehirns kommt die Frage, womit ein noch so verlässliches Gehirn eigentlich richtig läge. Die Frage nach der Abgrenzung von Realität und Fantasie wischt im neuen Tatort ein altgedienter Forscher (Joachim Bißmeier!) mit der lapidaren Wendung weg: „Wenn’s passt, glauben wir daran.“

Er wird die Sendung nicht überleben, Opfer auch er einer aufwendigen Verschwörung, in deren Zentrum ein geschmeidiger, aber gefühlsneutraler Geselle des Militärischen Abschirmdienstes steht. Natürlich widerstrebt es einem, Verschwörungen von einem bestimmten Ausmaß an überhaupt Beachtung zu schenken. Andererseits: Wenn’s nicht passt, glauben wir nicht daran.

„Krieg im Kopf“ beginnt, als wäre es ein Tschiller, ein schreiender Mann hält der NDR-Ermittlerin Lindholm – mittlerweile im an sich beschaulichen Göttingen tätig – ein Messer an die Kehle, Kollegin Schmitz steht mit der Waffe nah dran. Trotzdem gilt es jetzt, gut zu zielen. „Die in meinem Kopf, die müsst ihr kriegen, die sind Schuld“, kann der Mann noch sagen, und Matthias Lier sagt es auch schon so, dass klar ist: Da ist etwas dran. Denn wir glauben nicht nur dran, wenn’s passt, sondern auch, wenn es so oder so gesagt wird. Der Mann verhält sich wie ein Verrückter, aber seine Worte sind informativ.

Tatort „Krieg im Kopf“ baut ein enormes bundesdeutsches Szenario zusammen

Auch Lindholm und Schmitz, Maria Furtwängler und Florence Kasumba, kommt das rasch verdächtig vor. Zumal der Mann im Bundeswehreinsatz in Mali war, wo bei einem sogenannten Zwischenfall mehrere Mitsoldaten ums Leben gekommen sind. Zumal sich zwei der damals ebenfalls Überlebenden bereits das Leben genommen haben. Zumal der Militärische Abschirmdienst schon den erwähnten Vertreter entsandt hat, gespielt von Steven Scharf als aalglatten und knallharten Berufsteilnehmer, der sich wirklich auf seinen Job konzentriert.

Was Lindholm und Schmitz zutage fördern, hat Drehbuchautor Christian Jeltsch seinerseits durchaus mit Elementen aus der Realität zusammengebaut. „Transkranielle Magnetstimulation“ beispielsweise als eine Möglichkeit, über einen entsprechend ausgestatteten Helm „verbesserte Krieger“ zu bekommen: darüber hat nicht nur der „Spiegel“ schon vor Jahren berichtet. Und wer hofft, wenigstens die schaurige US-Nachkriegs-„Operation Artischocke“ (nicht weit weg im Taunus angesiedelt) sei zumindest bloß so eine Idee, der muss auch nur bis zu Wikipedia vordringen.

„Krieg im Kopf“ baut daraus ein enormes bundesdeutsches Szenario zusammen, Verschwörungstheorie pur. Wer seine Sinne beieinander hat, wird sich das aber mit Interesse anschauen, zumal Jeltsch und Regisseur Jobst Christian Oetzmann sich bemühen, die nichtverschworenen Figuren, die beiden Ermittlerinnen, die braven Kollegen, den wohltuend staubtrockenen Chef (Luc Feit), nüchtern auf die Dinge schauen zu lassen. Lindholm probiert selbst einen aufgerüsteten Helm und ist erschrocken über die Wirkung. Man glaubt beim Zusehen keineswegs daran, obwohl Maria Furtwängler so überzeugend spielt, aber natürlich passt es einem auch nicht.

Tatort „Krieg im Kopf“: Zeit für Gereiztheiten

„Tatort: Krieg im Kopf“, ARD, Sonntag, 29.03.2020, 20.15 Uhr.

Lindholm und Schmitz im Thriller-Modus finden im Übrigen noch Zeit für Gereiztheiten. Ob die Hahnenkämpfe bloß durch den Autor hier hineingeraten sind: Es ist zu bezweifeln. Den Schauspielerinnen jedenfalls gelingt es doch bei allen Aufgemotztheiten des Geschehens, eine ziemlich glaubwürdige Atmosphäre unter Frauen schaffen. Frauen sind auch nicht unbedingt besonders angenehm. Sie verstehen einander gelegentlich zu gut, das macht es anstrengend auf seine Weise.

Die markerschütternde Szene des Abends betrifft aber ein kleines Kind im Schrank – von der Mutter dort versteckt, aber die Mutter liegt mit durchschnittener Kehle im Bad. Das Kind gibt sich Mühe, tapfer zu sein, und ist auch tapfer. Die Erwachsenen sind in großer Verlegenheit und versuchen, es zu schützen und gehen über die Frage, wo die Mutter ist, erst einmal hinweg. Schon wird nach dem Jugendamt telefoniert. Draußen tragen Männer den Sarg vorbei. Man sieht vor sich, wie dem Kind viele Jahre später aufgehen wird, was es da gesehen und erlebt hat. TV-Krimi-Routine, kann man sagen. Aber obwohl „Krieg im Kopf“ am großen Rad dreht, lässt sich der Tatort dafür ein bisschen Zeit.

Von Judith von Sternburg

Große Fragen, unaufgeregt verpackt: Der Frankfurt-Tatort „Die Guten und die Bösen“ mit Hannelore Elsner.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler über ihre Serie „Ausgebremst“, die am Sonntagabend im Ersten* startet – und über die Expertinnen, die während der Corona-Krise nicht zu Wort kommen.

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