Skelette und Gemäuer

„Kleine archäologische Sensation“: Funde in Attendorn geben Archäologen Rätsel auf

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Bei den Bauarbeiten rund um die Pfarrkirche Attendorn fanden die Archäologen unter anderem alte Gräber.

Erneut sind bei Bauarbeiten im Rahmen des Attendorner Innenstadtentwicklungskonzepts bedeutende archäologische Funde zutage getreten. Doch die aktuellen Funde um den Sauerländer Dom im Herzen der Hansestadt stellen die Archäologen vor Rätsel. Dr. Eva Cichy von der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen spricht von einer „kleinen archäologischen Sensation“.

Attendorn - Rund um die Pfarrkirche „St. Johannes Baptist“ liegen Menschen in der Baustelle auf dem Boden. „Bewaffnet“ unter anderem mit Pinsel und Klemmbrett gehen sie penibel ihrer Arbeit nach. Denn die Archäologen haben in Attendorn erneut Bedeutendes gefunden. Nun wollen sie wissen, was genau sie gefunden haben. An einer Stelle ist das offensichtlich, an anderer Stelle tappen die Archäologen bislang im Dunklen.

Überall Skelette. Was zunächst aussieht wie eine Szene aus einem Horrorfilm, entpuppt sich relativ schnell als Überrest des früheren Attendorner Kommunalfriedhofs an der Pfarrkirche - jedoch mit außergewöhnlichen Dimensionen. „Dass wir rund um die Kirche Bestattungen finden, war von vornherein klar“, so Dr. Eva Cichy. Schließlich ist belegt, dass in Attendorn zur Zeit Karls des Großen eine Urpfarrei - ein frühes kirchliches Zentrum - entstand. Allerdings: „Wir waren überrascht von der Masse. Damit haben wir nicht gerechnet. Das kennen wir von anderen Friedhöfen nicht.“

Ausgrabungen in Attendorn: 5000 - 6000 Gräber rund um die Pfarrkirche

Sebastian Luke vom Büro „Archäologie am Hellweg“, das für die Ausgrabungen zuständig ist, rechnet hoch: „Nach dem, was wir beim ersten Sondierungsschnitt bis zu einer Tiefe von einem Meter gefunden haben, gehen wir davon aus, dass hier 5000 bis 6000 Menschen begraben sind.“ Doch die Skelettfunde sind nicht das spektakulärste Ausgrabungsergebnis rund um die Kirche in Attendorn.

„Am östlichen Chorende der Kirche haben wir Mauerreste gefunden. Die sind sehr alt. Allerdings wissen wir nicht, was genau wir da gefunden haben“, so Dr. Eva Cichy beim Ortstermin am Donnerstagmittag. Bei den Mauern handelt es sich jedoch nicht um einen Kniestock, wie es sie bei Fachwerkhäusern gab - die gefundenen Mauern sind deutlich dicker. Auch eine rund 1,35 Meter breite Treppe mit fünf Stufen und eine schmiedeeiserne Türangel mit zweieinhalb Zentimeter dickem Bolzen sind sichtbar geworden. Die Tür konnte offenbar nach Osten geöffnet werden. Sebastian Luke: „Wir gehen davon aus, dass das einmal ein stattliches Gebäude war.“

Auch alte Gebäudemauern und eine Treppe traten zutage.

Cichy ist sich sicher: „Was wir gefunden haben, ist für die Geschichte der Stadt außergewöhnlich.“ Denn: Zwischen den gefundenen Mauern liegen ebenfalls Skelette, die Gebäudereste sind aufgrund ihres Zustandes deutlich älter als die Bestattungen. Cichy: „Wir waren direkt völlig elektrisiert. Da ist etwas im Boden, das sehr alt ist.“ Wie alt? Da sind sich die Archäologen nicht sicher. Allerdings stammt der Chorraum der Kirche „St. Johannes Baptist“ aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Ausgrabungen in Attendorn: Friedhof existierte bis 1806

Auch Stadtarchivar Otto Höffer, in der Stadtgeschichte bewandert wie kein zweiter, kann nur Mutmaßungen anstellen, was am Ostende der Kirche sichtbar geworden ist. Er selbst hat 1974 als 18-Jähriger an Grabungen rund um die Kirche teilgenommen. Höffer: „Wir haben ja noch auf dem Tisch, was wissenschaftlich belegt ist. Bislang sind alles nur Befunde. Es könnte sich um ein altes Pfarrhaus handeln, aber das ist reine Spekulation. Ich bin auf jeden Fall höchst gespannt.“ Laut Höffer gab es den Friedhof in der Innenstadt bis 1806. Schätze liegen dort indes nicht: „Auch wenn das immer erwartet wird: Wir finden in solchen Fällen keinen Schmuck oder andere Grabbeigaben. Die waren bei katholischen Bestattungen zu der Zeit nicht üblich“, erklärt Sebastian Luke.

Im Bereich der gefundenen Treppe wollen die Archäologen weiter graben. „Bis ganz unten“, wie Luke erklärt. Bereits jetzt haben die Mitarbeiter eine Abfolge von Lehmböden gefunden, die darauf hinweisen, dass das Gebäude über einen längeren Zeitraum am Kirchplatz gestanden haben muss. Im nördlichen Bereich des Kirchplatzes haben die Archäologen zudem einen alten Brunnen entdeckt. Außerdem: „Hier gibt es eine Schicht, die auf ein Brandereignis hinweist“, so Luke. Das könnte möglicherweise ein Hinweis auf den ersten großen und historisch belegten Stadtbrand von 1256 sein.

Ausgrabungen in Attendorn: Kapellen-Überreste gefunden

Neben dem heutigen Westportal der Kirche sind die Überreste der früheren Kapelle „St. Michaelis et Crucis“ zutage getreten. Auch hier werden die Archäologen weiter graben. So weit es geht. Luke: „Der Innenraum der alten Kapelle liegt quasi in der heutigen Pfarrkirche.“

Skelette und Gemäuer gefunden: Fotos von den Ausgrabungen in Attendorn

Attendorn Ausgrabungen Pfarrkirche Skelette
Attendorn Ausgrabungen Pfarrkirche Skelette
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Attendorn Ausgrabungen Pfarrkirche Skelette
Skelette und Gemäuer gefunden: Fotos von den Ausgrabungen in Attendorn

Das Problem bei der Datierung der Funde: Die funktioniert in der Regel über Keramikfunde. Und solche gab es rund um die Pfarrkirche in Attendorn bislang nicht. Und selbst wenn: „Wir können am Ende im Grunde nur sagen, wann ein Gebäude aufgehört hat zu existieren. Nicht, wann es gebaut wurde“, erklärt Luke. Das Büro „Archäologie am Hellweg“ dokumentiert und archiviert alles. Anschließend wird überlegt, welche Funde zu einer weiteren Untersuchung geschickt werden. Und danach? „Die Funde gehen in den Besitz der LWL-Archäologie über. Vielleicht gibt es dann jemand, der beispielsweise in einer Doktorarbeit weiter dazu forschen will“, sagt Dr. Eva Cichy.

Ausgrabungen in Attendorn: „Alter Markt“ als nächster Schritt

Das, was nicht ausgegraben wird, wird am Ende wieder zugeschüttet. Cichy: „Es ist unsere Aufgabe, solche Bodendenkmäler für die Zukunft zu bewahren. Möglicherweise haben wir ja irgendwann bessere Methoden der Datierung oder Archivierung.“ Die Gebeine sollen umgebettet werden: „Wir gehen möglichst pietätvoll damit um“, so Sebastian Luke. Später eine Glasplatte über die Ausgrabungsstelle zu legen, damit jeder einen Blick ins Erdreich hat, hält er für sehr aufwändig: „Es geht ja nicht nur darum, Glas darüber zu legen. Der Bewuchs unter dem Glas muss zurückgehalten werden. Und was ist, wenn das Glas zerkratzt?“ Auf die Funde könnte nach Abschluss der Bauarbeiten aber eine Infoplatte hinweisen. Das halten zumindest Christopher Schulte und Michael Koch vom Attendorner Tiefbauamt für machbar. 

Sebastian Luke rechnet damit, dass die Archäologen im Bereich der Attendorner Pfarrkirche noch bis „Mitte, Ende Juni“ zu tun haben. Und dann geht es weiter. Der nächste Schritt des Innenstadtentwicklungskonzeptes beinhaltet den „Alter Markt“. Möglicherweise bekommen die Archäologen dann erneut bedeutsame Funde der Attendorner Stadtgeschichte zu Gesicht.

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