Thema mit „ganz viel Sprengstoff“

Diskussion ohne Konsens: Einzelhändler machen ihrem Ärger über geplantes Wall-Center Luft

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Zahlreiche Händler in der Attendorner Innenstadt befürchten Konsequenzen durch die Ansiedlung des geplanten Wall-Centers.

Attendorn - Die Diskussion um den Bau des Wall-Centers in Attendorn schlägt mittlerweile hohe Wellen. Das geplante Einkaufscenter am Ostrand der Stadt war am Montag Inhalt eines Treffens zwischen Vertretern der Stadt und zahlreichen Attendorner Einzelhändlern.

Dazu gehörte Jörg Dornseifer, der bereits einen Lebensmittel- Markt im Allee-Center betreibt und ab 1. Juli den Markt „Auf der Tränke“ übernehmen wird. Es gibt große Pläne: die Übernahme der 80 Beschäftigten des bisherigen Rewe-Marktes. Mit einer Investition im höheren siebenstelligen Bereich sollte der Markt zu einem modernen Vollsortimenter umgebaut werden. „Als die Rewe-Gruppe den Markt 2019 aufgeben wollte, sind wir in die Bresche gesprungen, um den Standort zu halten, aber unter anderen Vorzeichen“, erklärt Jörg Dornseifer. „Ein dritter Vollsortimenter ist existenzgefährdend.“

Der Geschäftsführer der Dornseifer Unternehmensgruppe war bislang über andere Größenordnungen informiert. „Dass die Dimensionen ordentlich nach oben geschoben worden sind“, habe er erst aus der Sitzungsvorlage des Ausschusses für Planung und Umwelt Mitte Januar erfahren. 

Was passiert mit dem Markt „Auf der Tränke“?

Wie es mit dem Markt „Auf der Tränke“ weiter geht, ist ungewiss. „Wir können das jetzt nicht mal eben übers Knie brechen“, so Dornseifer. „Die Investition wird erst einmal nach hinten geschoben. Bei dieser Entwicklung ist es für uns nicht einfach, solche Entscheidungen zu treffen. Es hängt mehr dran, als nur das Wirtschaftliche. Da agieren wir ja anders als irgendwelche Großkonzerne.“ 

Seinen Unmut über die Planungen, die Größe und die Vorgehensweise hat Jörg Dornseifer bei dem Treffen am Montag kundgetan. Er versucht, die Zukunft des Marktes „aktiv zu gestalten“ zweifelt jedoch angesichts der Entwicklungen in der östlichen Innenstadt: „Im Moment ist nicht abschätzbar, ob da noch was passiert.“

Dornseifer kann nicht verstehen, warum die Stadtdie Entwicklung des Bahnhofsvorplatzes komplett in die Hände eines Investors (ITG) gegeben hat: „Den Einfluss auf die Stadtentwicklung muss die Kommune behalten. Attendorn als Stadt könnte doch viel selbstbewusster mit dem Thema umgehen. Man sollte versuchen, in großer Runde mit kreativen Ideen an die Sache heranzugehen.“

Auch auf Seiten der Werbegemeinschaft gab es während des Treffens zahlreiche Fragen an Bürgermeister Christian Pospischil und den Baudezernenten Carsten Graumann. Auf Nachfragen zum Thema europaweiter Ausschreibung und möglichen Konsequenzen, wenn dem Investor ITG jetzt noch abgesagt würde, habe es wenig Antworten gegeben.

Hingegen sei im Gespräch deutlich geworden, dass es für den Investor bezüglich der Bestückung der Ladenlokale keine Vorgaben gegeben habe. Die ITG habe hier offensichtlich völlig freie Hand gehabt. „Es war ein Meinungaustausch“, erklärt Christian Springob, Vorsitzender der Werbegemeinschaft, „einen Konsens gibt es aber nicht.“ 

Frage nach den Umsatzverteilungen

In der Diskussion sei klar geworden, dass „in dem Thema ganz viel Sprengstoff ist“. So zum Beispiel bei der Frage nach den Umsatzumverteilungen. Ein eigens erstelltes Gutachten, das durch den Investor in Auftrag gegeben worden war, verdeutlicht, dass mit Umsatzverteilungen in den Sortimenten in Höhe von bis zu 30 Prozent gerechnet werden muss – ein Wert, der alarmieren sollte. 

Umsatzverlagerungseffekte müssen nach Paragraph 11 Absatz 3 der Baunutzungsverordnung einer städtebaulichen Bewertung unterzogen werden. Konkret geht es um die Frage, ob zentrale Versorgungsbereiche durch das neue Vorhaben in ihrer Funktionalität beeinträchtigt werden, oder ob der Kampf um diesen Umsatz noch im Rahmen des Wettbewerbs zwischen den Anbietern zu tolerieren ist. In der Planungs- und Rechtsprechungspraxis hat sich hierzu eine quantitative Orientierungsgröße etabliert, die das GMA-Gutachten verschweigt. Bei zentren- und nahversorgungsrelevanten Sortimenten – und genau diese sollen im Wall-Center angesiedelt werden – wird ein Umsatzverlust von bereits zehn Prozent als „abwägungsrelevant“ angesehen. Wert überschritten 

Werbegemeinschaft lässt Gutachten prüfen

Das heißt, die Umsatzumverteilungen, die mit dem Wall-Center einhergehen können, liegen teilweise bei dem Dreifachen dieser zulässigen Werte. Deshalb sprechen auch die Gutachter von einer deutliche Verschärfung der Wettbewerbssituation, gegebenenfalls auftretenden Versorgungslücken (also Schließungen), Beeinträchtigungen kleinflächiger Anbieter, eintretenden Betriebsschwächungen und Schwerpunktverschiebung der Passantenfrequenzen in den östlichen Teil der Innenstadt, die zu Lasten der übrigen Innenstadt gehen. 

Ein hoher Preis, den die Stadt für das Wall-Center zahlen könnte. Wie konkret die im Gutachten geschilderten Risiken sind, zeigt der Investitionsstopp im Rewe-Markt „Auf der Tränke“ – und das schon bevor das Wall-Center überhaupt genehmigt ist. Deshalb sollten die Vor- und Nachteile des Planvorhabens sehr intensiv und ernsthaft geprüft werden. Eine Abwägung, an der es nach Meinung der Werbegemeinschaft eindeutig fehle – und deshalb will man das Vorhaben juristisch prüfen lassen.

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