„Ihre Seelen seien eingebündelt“

Eine Gedenkstele für den jüdischen Friedhof in Attendorn – 80 Jahre nach den Novemberpogromen

Hartmut Hosenfeld und Tom Kleine von „Shalom Attendorn 2018“, Steinmetz Joachim Esslinger und Jan Christoph Tump (v.l.) vom Tiefbauamt der Stadt Attendorn mit der Stele, die am 7. November auf dem jüdischen Friedhof enthüllt wird. Foto: Andrea Vollmert
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Hartmut Hosenfeld und Tom Kleine von „Shalom Attendorn 2018“, Steinmetz Joachim Esslinger und Jan Christoph Tump (v.l.) vom Tiefbauamt der Stadt Attendorn mit der Stele, die am 7. November auf dem jüdischen Friedhof enthüllt wird.

Attendorn. Am 9. auf den 10. November 1938 brannten Synagogen in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei. Der 9. November ist der Tag, an dem jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand gesetzt wurden. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens in dieser Nacht begann einer der größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

Hedwig Feibes, Erna Irene Falk, Josef Lothar Guthmann, Helene Taitel, Max Lenneberg, Johanna Roger, Karl Ursell, Paula Ursell, Hella Ingeborg Ursell, Martha Ursell, Elsa Kaufmann, Günther Ursell, Jakob Josef Herbert Ursell, Hermann Stern, Emilie Stern, Betty Stern und Selma Steinberger haben alle etwas gemeinsam: Sie haben in Attendorn gelebt. Sie waren Juden. Sie sind von Nationalsozialisten ermordet worden. Und sie sind nicht bestattet worden.

Daher ist bei Hartmut Hosenfeld und Tom Kleine, die sich seit langer Zeit um die Geschichte der Juden in Attendorn und um die Aktion „Shalom Attendorn 2018“ kümmern, der Plan gereift, eine Stele auf dem jüdischen Friedhof zu errichten, die an diese ehemaligen Attendorner erinnern soll. Nach vielen Gesprächen und Planungen hat die Attendorner Politik dann im März 2017 einstimmig beschlossen, eine solche Stele in Auftrag zu geben.

Mit dem Attendorner Steinmetz Joachim Esslinger war schnell ein Fachmann gefunden, der sich seither um die Realisierung kümmert. „Wir wollten einen einheimischen Naturstein verwenden“, erklärt Joachim Esslinger. „Die Entscheidung fiel auf Anröchter Grünsandstein.“ Und nun steht der 2,40 Meter große Koloss in der Werkstatt in der Wasserstraße in Attendorn und ist bereits vorbereitet für die weitere Verarbeitung. Die Namen und Geburtsdaten der 17 Opfer haben bereits ihren Platz gefunden. Oberhalb steht die Inschrift „Den unbestatteten jüdischen Attendorner Bürgern, deportiert, ermordet, verschollen während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten". Im unteren Bereich des rund eine Tonne schweren Gedenksteins steht „Ihre Seelen seien eingebündelt in das Bündel des Lebens" – einmal auf Deutsch und zum Abschluss auf Hebräisch.

Zwei Sterne als zentrales Element

Bislang sind die Buchstaben aus Papier aufgeklebt und exakt ausgerichtet. Nun wird Joachim Esslinger in den kommenden Wochen Buchstabe für Buchstabe die Schrift eingravieren und tönen. Als zentrales Element sind zwei Sterne geplant. Zum einen soll die Form des Davidsterns „ausgeschnitten“ werden und dieser Stern in die passende Form gebracht als 3D-Element eben neben die Aussparung angebracht werden. Schon die Bearbeitung wird eine logistische Herausforderung, denn der Fels hat sicher ungewöhnliche Dimensionen. „Ich werde ihn auf jeden Fall hinlegen müssen, um ihn bearbeiten zu können“, erklärt Joachim Esslinger.

Richtig spannend wird es aber sicher, bis der Gedenkstein an Ort und Stelle auf dem jüdischen Friedhof steht. „Da müssen wir bestimmt noch eine Menge improvisieren“, lächelt der erfahrene Steinmetz. Bis das Rondell erreicht sein wird, muss die Stele über Treppen hinweg transportiert werden und auch eine provisorische Brücke ist geplant, da der Gedenkstein sogar über zwei oder drei Gräber „gehoben“ werden muss. Aber Joachim Esslinger ist bei der gesamten Herausforderung zuversichtlich: „Die alten Römer haben auch immer alles hingekriegt.“ Wenn der Gedenkstein dann ausgerichtet ist, kann man durch den ausgeschnittenen Stern genau in das frühere jüdische Viertel in Attendorn sehen, dorthin, wo das Gebetshaus gestanden hat. Die Einweihung der Stele ist für Mittwoch, 7. November, um 14 Uhr auf dem jüdischen Friedhof geplant.

„Shalom Attendorn 2018“

„Das waren Menschen wie du und ich“, steht Tom Kleine andächtig vor dem Gedenkstein. „Und jeder Einzelne hat sein eigenes Schicksal.“

Für ihn und Hartmut Hosenfeld ist das jüdische Leben in Attendorn schon seit vielen Jahren ein zentrales Thema. Sie kümmern sich mit viel Hingabe um die Aktion „Shalom Attendorn 2018“, einer ganzen Veranstaltungsreihe im schulischen, kulturellen, sportlichen und kirchlichen Bereich. Mehr Infos dazu unter www.juedisch-in-attendorn.org.

Auf die Frage, ob sie stolz seien, ein solches Projekt, wie den Gedenkstein initiiert zu haben, erklären Tom Kleine und Hartmut Hosenfeld: „Stolz ist der falsche Begriff. Wir sind glücklich, wenn er an Ort und Stelle steht und damit der Menschen gedacht wird, die nicht mal ein Grab haben.“

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