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"Käfigpranger" in Köln

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Ein Tourist 'solidarisierte' sich mit den Gefangenen, indem er etwa 20 Minuten im Schneidersitz neben dem Käfig Platz nahm.
Ein Tourist 'solidarisierte' sich mit den Gefangenen, indem er etwa 20 Minuten im Schneidersitz neben dem Käfig Platz nahm.

Vor drei Monaten stand er im Schulforum, vor zwei Monaten auf dem Attendorner Wochenmarkt — und jetzt auch in der Kölner Innenstadt: Der zweieinhalb Quadratmeter große Käfig, den Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 12 des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums für ein sozialwissenschaftliches Experiment gebaut hatten.

Im Stundentakt hockten darin kürzlich jeweils zwei verschüchtert wirkende Jugendliche vor einem Kaufhaus auf der gut besuchten Breite Straße. Wenn sie gefragt wurden, warum sie eingesperrt worden seien, erklärten sie knapp, sie hätten etwas ausgefressen, wollten aber lieber nicht darüber reden; sonst würde die ganze Sache nur noch schlimmer.

Ausgedacht hatten sich den Versuch die Klasse 10a und ihr Politiklehrer Frank Kugelmeier. Der hatte eines Tages angesichts zahlreicher "vergessener" Hausaufgaben geseufzt, die Schüler könnten von Glück sagen: Im Mittelalter wären sie dafür an den Pranger gestellt worden. Die Jugendlichen waren daraufhin von der Idee der öffentlichen Zurschau- und Bloßstellung so fasziniert, dass sie den "Pranger" am eigenen Leib erfahren und zugleich die Reaktionen der Vorübergehenden testen wollten. Dazu bot sich der 20-köpfigen Attendorner Schülercrew in Köln reichlich Gelegenheit.

Hatte der Käfig in Attendorn bereits Aufmerksamkeit erregt, war diese in der Domstadt umso größer. Teils im Minutentakt erkundigten sich die Passanten nach dem Schicksal der Gefangenen. Allerdings setzten die meisten ihren Weg danach unbekümmert fort. Einige nutzten die Gelegenheit sogar, ihren kleinen Kindern zu drohen, wenn sie sich nicht benähmen, kämen sie genauso hinter Gitter.

Doch gab es auch deutliche Zeichen von Zivilcourage: In Attendorn hatte es drei Stunden gedauert, bis die ersten Passanten das Käfigschloss aufschneiden wollten, in Köln wurde es von einer Frau bereits nach einer halben Stunde geknackt. "Ich kann nicht dulden, dass da jemand eingesperrt ist. Die Insassen können jetzt selbst entscheiden, ob sie herauskommen wollen oder nicht", erklärte sie anschließend und ging dann weiter. Kurze Zeit später "solidarisierte" sich ein Tourist mit den Gefangenen, indem er etwa 20 Minuten im Schneidersitz neben dem Käfig Platz nahm. Am Mittag riefen zwei Passantinnen, die sich das Szenario eine Weile angeschaut hatten, schließlich die Polizei. Zum Entsetzen aller Umstehenden rückten die Beamten jedoch, nachdem sie die vorher beim Kölner Ordnungsamt eingeholte Genehmigung des "Käfigprangers" überprüft hatten, unverrichteter Dinge wieder ab. Ein Straßenkünstler instrumentalisierte den Käfig daraufhin für seine politische Botschaft, indem er ihm ein Schild mit der Aufschrift "USA — Guantanamo" anheftete.

Am Nachmittag ging es rund um den vermeintlichen Pranger dann noch einmal heiß her. Ein Radfahrer versuchte das Gitter aufzubrechen, um zwei gerade einsitzende Mädchen zu befreien. Auch durch das intervenierende Attendorner Beobachterteam ließ er sich davon kaum abhalten. Dass hier ein Mann einschritt, war allerdings die Ausnahme. Die meisten Vorübergehenden, die sich aktiv für die Gefangenen einsetzten, waren Frauen.

Mit dem Ausflug nach Köln ist das Käfig-Experiment nun definitiv beendet. Das Gittergerüst haben die Schüler bereits zerlegt, die Auswertungen werden sich allerdings bis in den Herbst hinziehen.

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