Rückkehr nach Attendorn - erstes Familientreffen

42 Nachkommen der Familie Ursell werden Einweihung einer Stele beiwohnen

Im September 1930 traf sich die Familie Ursell zu einem Familienfest im Garten der Villa am Waldenburger Weg: Nana Kahn, Erich Ursell, Otto Kahn, Julius Ursell, Günther Ursell (hinten v. l.), Julia Kahn, Martha Ursell, geb. Kahn (mittlere Reihe v. l.) und Lisa Ursell, Grete Kahn, Margret Ursell (vorne v. l.). Foto: Bildarchiv Hosenfeld/Nachlass Ursell
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Im September 1930 traf sich die Familie Ursell zu einem Familienfest im Garten der Villa am Waldenburger Weg: Nana Kahn, Erich Ursell, Otto Kahn, Julius Ursell, Günther Ursell (hinten v. l.), Julia Kahn, Martha Ursell, geb. Kahn (mittlere Reihe v. l.) und Lisa Ursell, Grete Kahn, Margret Ursell (vorne v. l.).

Attendorn. „Das ist die höchste Form der Anerkennung für unsere Arbeit“, erklärt Tom Kleine, der sich mit Hartmut Hosenfeld um die Aufarbeitung der Geschichte jüdischen Lebens in Attendorn kümmert. Sie haben eine Veranstaltungsreihe zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome ins Leben gerufen, deren Highlight die Errichtung einer Stele auf dem jüdischen Friedhof sein wird. Zur Einweihung am 7. November haben sich sage und schreibe 42 Nachkommen der Familie Ursell angemeldet. Sie kommen aus vielen Teilen der Welt.

Die Familie Ursell hat schon im 19. Jahrhundert das Leben in Attendorn geprägt. Sie betrieb unter anderem die Fabrik A. A. Ursell. „Zum Familienbesitz gehörten im Jahr 1884 neben der Fabrik an der Kölner Straße das neu erbaute Geschäftslokal Niederste Straße 5, heute Konditorei Harnischmacher“, heißt es im Buch „Jüdisch in Attendorn, Band IV, von Hartmut Hosenfeld. Die Mitglieder der Familie Ursell waren fest im gesellschaftlichen Leben der Hansestadt integriert, waren aktiv in zahlreichen Vereinen und galten als wohlhabend. Mit den Novemberpogromen änderte sich alles.

„Mir gehen diese Bilder nicht aus dem Kopf, wie die Menschen hier in unserer Stadt, in der Wasserstraße, abgeholt und deportiert wurden“, erklärt Tom Kleine. „Das war hier bei uns, das waren ganz normale Menschen.“ Der Attendorner ist entsetzt, kann sich auch 80 Jahre nach den Geschehnissen in die Situation hineindenken. Gemeinsam mit Hartmut Hosenfeld arbeitet er seit rund vier Jahren zusammen. Sie haben die Errichtung der Stele initiiert (der SauerlandKurier berichtete), die nun derer gedenken soll, die bislang keinen Grabstein, keine Gedenkstätte hatten. 17 Namen von jüdischen Attendorner Bürgern sind dort vermerkt, die deportiert, ermordet oder während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten verschollen sind. Allein acht Mitglieder der Familie Ursell gehören dazu.

Eines der Opfer ist Johanna Ursell (Tochter von Joseph Ursell), die im Februar 1914 Isaak Rogozinski (später Roger) geheiratet hat und mit ihrer Familie Anfang der 1930er Jahre in die Tschechoslowakei floh. Im Jahr 1943 deportierten die Nazis Johanna Roger nach Theresienstadt, wo sich ihre Spur verliert. Ihr Mann Isaak und die beiden Kinder Heinz und Trude sind in den Wirren des Krieges nach Chile emigriert, wo noch heute Teile der Nachkommen leben.

Besuch auf dem jüdischen Friedhof

Heinz Rogers Sohn Daniel war am Himmelfahrtstag 2016 gemeinsam mit seinem Cousin Dr. Manuel Krauskopf in Attendorn und besuchte dort den jüdischen Friedhof. „Wir waren erstaunt, wie viele Steine mit dem Namen Ursell dort standen“, erklärt der Londoner im Gespräch mit dem SauerlandKurier. Der Besuch hat den heute 72-Jährigen so beeindruckt, dass er im Anschluss Bürgermeister Christian Pospischil einen Brief geschrieben hat. „Besonders bewegend war für uns, den kleinen jüdischen Friedhof zu besuchen, wo wir viele Grabsteine der Familie Ursell gefunden haben. Wir waren sehr beeindruckt, wie gepflegt der Friedhof ist und möchten uns bei dieser Gelegenheit sehr bedanken, dass man die Ruhe der vor sehr langer Zeit Verstorbenen respektiert“, heißt es in dem Schreiben.

Als nun die Feierlichkeiten zur Einweihung der Stele geplant wurden, erhielt Daniel Roger ebenfalls eine Einladung. Der hatte mittlerweile durch die Lektüre des Buches „Jüdisch in Attendorn“ von unzähligen Verwandten erfahren, die ihm unbekannt waren. „Meine Eltern haben nie etwas über den Krieg erzählt“, erinnert sich Daniel Roger. „Ohne das Buch hätten wir nie erfahren, wer alles zu unserer Familie gehört.“ 

Doch damit nicht genug. Er stellte Kontakte her, suchte und fand viele der Nachkommen der Familie Ursell. „Das ist ja die dritte oder vierte Generation“, gibt er zu bedenken. Und eben diese Nachkommen haben Interesse an der Geschichte ihrer Vorfahren. „Vor ein paar Wochen habe ich dann Kontakt gehabt mit Daniel Roger und er sagte mir, dass 25 Familienmitglieder nach Attendorn kommen, um bei der Einweihung der Stele auf dem jüdischen Friedhof dabei zu sein“, ist Tom Kleine glücklich, dass seine und die Arbeit von Hartmut Hosenfeld dadurch eine unbeschreibliche Wertschätzung erhält. Mittlerweile sind es sogar 42 Nachfahren der Attendorner Familie Ursell, die aus vielen Teilen der Welt am 7. November nach Attendorn kommen. Dazu gehören neben England und den USA auch Chile, Israel, Kanada und Costa Rica.

Erstes großes Familientreffen

„Das wird das erste Familientreffen für uns“ freut sich ein hörbar gerührter Daniel Roger, dessen Oma Johanna mit der neuen Stele nun endlich eine Art Ruhestätte bekommt – nach 75 Jahren.

Und auch Tom Kleine ist ergriffen: „Das ist die höchste Form der Anerkennung für unsere Arbeit.“

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