Tonne der Firma A.A. Ursell in Polen aufgetaucht

Erinnerung an jüdische Familie: Fund mit besonderer Bedeutung für Attendorn

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Das historische Fundstück hat den Weg von Polen nach Deutschland gemeistert: Benedikt Finger, Sabina Hennen, Tom Kleine und Magdalena Kaczmarek (v.l.) freuen sich über ihr „Gemeinschaftswerk“.

Attendorn - Es ist eine alte Blechtonne, die nach Benzin stinkt. An einigen Stellen ist sie rostig und Dreck klebt an den Außenwänden. Trotzdem ist eben diese Tonne ein Fundstück, das nicht nur für Attendorn, sondern auch für einige Menschen, die in der ganzen Welt zerstreut leben, von großer Bedeutung.

Es ist schon einige Wochen her, dass der Attendorner Postkartensammler Benedikt Finger über eine Anzeige im Internet gestolpert ist und sofort an Tom Kleine, einen der beiden Initiatoren von „Jüdisch in Attendorn“ gedacht hat. Es handelte sich um eine Blechtonne mit der Aufschrift „Ursell Attendorn“. Nach einem Anruf vom Finder war Tom Kleine begeistert, fast nervös. „Erstmal ging es darum, das zu sichern.“ Dem Attendorner war sofort klar, dass es sich um ein historisches Fundstück handelt. 

Die Firma A.A. Ursell galt Ende des 19. Jahrhunderts als eine der führenden Blechwarenfabriken Deutschlands. „In den Preislisten von 1927 bis 1930 gibt die Firma als Gründungsjahr beziehungsweise als Stammhausgründung das Jahr 1764 an“, heißt es in einem Buch zur Attendorner Stadtgeschichte von 1958 (Brunabend, Pickert, Boos: Attendorn, Schnellenberg, Waldenburg und Ewig. Münster 1958, 2. Aufl.). „Für das Jahr 1910 werden verzinkte Haus- und Küchengeräte als Produktionsprogramm der Firma A.A. Ursell genannt. Später wurde dieses Programm auf Transportgefäße aller Art erweitert.“ 

Die Aufschrift „Ursell Attendorn“ macht das Fundstück so wertvoll. Rechts oben klicken für Vollbild.

Und eben so ein Gefäß war in der Anzeige aufgetaucht. Der Anbieter kam aus Polen. Tom Kleine nahm Kontakt zu Sabina Hennen auf, die aufgrund ihrer Polnisch-Sprachkenntnisse die Verhandlungen führen konnte. Schnell war man sich einig. „Es wird wahrscheinlich auch nicht so ganz viele Interessenten für das Fass gegeben haben“, scherzt Tom Kleine. Der Preis sollte bei etwa 150 polnische Zloty liegen, umgerechnet rund 30 Euro. 

Unterstützung durch Stadt Rawicz

Dann die nächste Hürde: Das Fass konnte nur innerhalb von Polen verschickt werden. Auch da hatte Tom Kleine eine gute Lösung parat. „Dank der guten Kontakte zu unserer Partnerstadt Rawicz war das zügig organisiert.“ 

Tom Kleines polnische Amtskollegin Magdalena Kaczmarek erhielt kurze Zeit später ein Paket mit der wertvollen Fracht. Beim Auspacken muss es im Rawiczer Rathaus wohl ungläubige Blicke gegeben haben.

„Es war uns allen nicht klar, dass diese Tonne eine so große Bedeutung für Attendorn hat“, erklärte Magdalena Kaczmarek, die zusammen mit sechs weiteren Kollegen aus Rawicz in der vergangenen Woche zum Attendorner Weihnachtsmarkt gekommen war und in dem Rahmen die Tonne an Tom Kleine übergeben konnte. „Ich wäre zur Not auch selbst nach Polen gefahren und hätte das Paket in Lubuskie, Gorzów Wielkopolski abgeholt“, versichert Tom Kleine, dem das Glück über diesen Fund ins Gesicht geschrieben steht.

Bedeutung für die Nachfahren der Familie Ursell 

Zusammen mit Hartmut Hosenfeld kümmert er sich um „Jüdisch in Attendorn“ und hat im vergangenen Jahr ein umfangreiches Programm rund um jüdisches Leben in Attendorn auf die Beine gestellt. Damals hatten die beiden Attendorner es geschafft, rund 50 Nachkommen der Familie Ursell nach Attendorn einzuladen, um eine Gedenkstele einzuweihen.

Für die in der ganzen Welt verstreut lebenden Nachfahren der damaligen Attendorner Firmenbesitzer wird die Tonne sicher eine ebenfalls große Bedeutung haben. „Wir müssen mal sehen, was wir mit der Tonne jetzt machen“, ist man sich in Attendorn noch nicht sicher, wie das Fundstück der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. 

Beschreibung aufgetaucht

In dem Zusammenhang fragen Tom Kleine und Hartmut Hosenfeld die Bevölkerung, ob sie ähnliche Dinge, die in Beziehung zu den Attendorner jüdischen Familien stehen könnten, noch zu Hause haben und eventuell der Initiative „Jüdisch in Attendorn“ zur Verfügung stellen können. „Das könnten Kleiderbügel, Rechnungen oder andere Dinge rund um die Familien Ursell, Stern, Lenneberg oder andere sein. 

Das „Datenblatt“ befand sich sogar durch Zufall im Archiv von Tippgeber Benedikt Finger.

Und prompt taucht in der Sammlung von Benedikt Finger die Beschreibung der gefundenen Tonne der Blechwarenfabrik und Verzinkerei A.A. Ursell Attendorn auf. „Verzinkte Stahlblechkannen ist die billigste Emballage zum Versand von Oel, Lack, Benzin, Terpentin, Glycerin usw.“, heißt es in dem alten Text. 

Und so hat eine fast 100 Jahre alte Stahlblechkanne – eine Erinnerung an die jüdische Familie Ursell – den Weg zurück nach Attendorn gefunden.

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