Und kein bißchen leise...

Von Bach bis Blues – 70 Jahre evangelischer Posaunenchor Attendorn  

Der Posaunenchor Attendorn sorgt seit 70 Jahren für so manches Highlight in der Hansestadt.
+
Der Posaunenchor Attendorn sorgt seit 70 Jahren für so manches Highlight in der Hansestadt.

Die evangelische Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt wird am Reformationstag, 31. Oktober, trotz deutlicher Einschränkungen durch die Corona-Krise einen in mehrfacher Hinsicht denkwürdigen Gottesdienst in der Erlöserkirche feiern: zum einen wird der langjährige Pfarrer Dr. Christof Grote in sein neues Amt als Superintendent verabschiedet, zum anderen dankt die Gemeinde auch für das 70-jährige Bestehen des Evangelischen Posaunenchores Attendorn.  

Attendorn - Erstmals am Reformationstag 1950 begleiteten vier jugendliche Bläser den Gemeindegesang zu Luthers zuversichtlichem Vertrauenslied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Der junge Eberhard Röhrig - damals Oberprimaner am Rivius-Gymnasium und später Superintendent in Wuppertal - hatte die Initiative ergriffen und mit den drei gleichgesinnten Mitschülern und Brüdern Dieter, Klaus und Wolfgang Demtröder den evangelischen Posaunenchor ins Leben gerufen.

Am Anfang ein ehrwürdiges „Kuhlo-Horn“

Das erste Instrument hatte Pfr. i. R. Johannes Thomä den Jugendlichen zur Verfügung gestellt: sein altehrwürdiges „Kuhlo-Flügelhorn“, dessen Name an die Gründerväter evangelischer Posaunenchöre zur Zeit der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhunderts erinnert.

Vater und Sohn Kuhlo hatten den 150. Psalm beim Wort genommen und setzten seinen Aufruf „Lobet den Herrn mit Posaunen“ bei Missionsfesten und Großveranstaltungen unter freiem Himmel konsequent in eine Musik von Laien-Chören um, deren Mitte der „gesanglich“ geblasene Choral war. Während Vater Eduard Kuhlo sein Werk im Minden-Ravensberger Land begonnen hatte, sollte Sohn Johannes, der nach dem Vikariat im Hamburger „Rauhen Haus“ bei Johann Hinrich Wichern zum Pfarrer der Bodelschwing´schen Anstalten in Bethel berufen wurde, die Bläserarbeit in die Ausbildung der jungen Diakone integrieren. So ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bielefeld die Rede um, dass man in Bethel mit dem Flügelhorn auf die Welt komme und erst blasen und dann laufen lerne. -

Ermutigendes Echo und erste Musikerinnen

Der Attendorner Posaunenchor – am 31.10.1950 in der Sauerländer Diaspora „aus der Taufe gehoben“ und dank Unterstützung evangelischer Fabrikanten und Geschäftsleute schon bald mit weiteren Instrumenten und Notenmaterial ausgestattet – ist im Vergleich zu vielen ostwestfälischen Chören also recht jung. Umso erfreulicher war das begeisterte Echo auf den ersten Auftritt der jugendlichen Laienmusiker. Im Advent 1951 musizierten bereits 10 Bläser in der Gemeinde. Zum Jahreswechsel 1951/52 begrüßten sie vom Schützenpark aus, wo heute die Stadthalle steht, nach dem Glockengeläut auch mit Posaunenmusik das neue Jahr. Als Eberhard Röhrig zum Theologiestudium Attendorn verließ, leiteten zunächst die Organisten der Gemeinde, Gustav Fuhrmeister und Olaf Strauß, den Chor weiter. 1962 übernahm Paul Schweighöfer die Aufgabe und stand volle 24 Jahre lang dem Posaunenchor vor. In seiner Zeit kamen – motiviert vom damaligen Pfarrer Peters im Konfirmandenunterricht - weitere Jungen und auch die ersten Mädchen dazu.

Mit viel Luft und guter Laune: die ersten „Damen“ Christel Dannenberg, Brigitte Kose und Brigitte Hacke im Alter von 14 Jahren.

Arbeit am 150. Psalm mit Höhen und Tiefen

Die Ev. Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt ist den ehemalig und gegenwärtig Musizierenden, ihren langjährig engagierten Chorleitenden wie auch Gott selber sehr dankbar, dass das kleine Ensemble durch die Jahrzehnte seinem Verkündigungsauftrag treu bleiben und kürzlich noch die Konfirmation in Grevenbrück begleiten konnte. Mit den Instrumenten als „tragbarer Orgel“ werden die Auferstehungs-Andachten auf dem Ev. Friedhof zu Ostern und am Ewigkeitssonntag wie auch Adventsandachten am großen Wichernkranz begleitet. Das Selbstverständnis des Chores, als „Mitarbeiter am 150. Psalm“ musikalisch das Evangelium zu verkünden, ist über die Jahre zentrales Anliegen geblieben. Allerdings geschieht dies nicht mehr allein mit Chorälen und Flügelhörnern, sondern einem modernisierten Instrumentarium und einem weitgespannten Repertoire anspruchsvoller Bläserliteratur, welches in Gottesdiensten und unter freiem Himmel mit Swing und Spiritual, Bach und Blues auch Kirchenferne begeistert.

Viele Wechsel und Wachsende Ökumene

Nachdem Klaus-Günther Schmidt – früher selbst Bläser bei Schweighöfer - über 10 Jahre den Chor geleitet hatte, der beherzt übernehmende Horst Nixdorf nach engagierten Jahren früh verstarb und Veronika Drexelius über eineinhalb Jahre den Chor weitergeführt hatte, wurde mit Stefan Köhler 2008 erstmalig einem Berufsmusiker das Dirigentenamt und die sich gut entwickelnde Jungbläserarbeit anvertraut. Nach seiner Pensionierung übernahm Stephan Reising den Dirigentenstab, unter dessen Leitung im Reformationsjubeljahr 2017 - unterstützt von Musizierenden aus Feuerwehr und Kirchenkreis - eine fulminante „Feuerwerksmusik“ beim Gustav-Adolf-Fest vor der Erlöserkirche aufgeführt wurde. Die wechselseitige ökumenische Unterstützung zwischen den Musikvereinen hat so auf musikalischer Ebene frühere konfessionelle Mauern längst überwunden. Über Mitbläser wurden in den letzten Jahren zudem Kontakte nach Namibia aufgenommen.

Seit 2019 steht als aktueller Posaunenchorleiter mit Julius Griese wieder ein junger Abiturient am Pult, der - wie der damalige Gründer Eberhard Röhrig – gerade erst 18 Jahre alt geworden ist.

Generationenübergreifendes Musizieren

So haben in den zurückliegenden 70 Jahren mehrere Generationen junger und junggebliebener Gemeindeglieder im breiten Altersspektrum von 8-80 Jahren im Ev. Posaunenchor ein Blechblasinstrument gelernt und beim Musizieren miteinander Freundschaft geschlossen. Wohl kaum eine andere Gemeindegruppe kann ein so breites Altersspektrum aufweisen. Gemeinsam haben Alt und Jung Höhepunkte erlebt wie das beeindruckende „Flächengold“ bei Großveranstaltungen auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag oder eine Chorreise nach Linz-Gallneukirchen/ Oberösterreich. Einige blieben dem Musizieren zur Ehre Gottes sogar über Jahrzehnte treu. Zu den Dienstältesten gehörte etwa - stets an der Seite von Wilhelm Sternagel, der unter vielen bereits verstorbenen Mitmusizierenden zu nennen ist – der aus Schlesien stammende Manfred Metzner, welcher von 1959 bis 2011 das Baritonhorn spielte und den Chor in der Öffentlichkeit vertrat.

Aber auch der ehemalige Chorgründer, Superintendent i. R. Pfr. Dr. Eberhard Röhrig, war noch bis vor kurzem als Posaunist aktiv. Krankheitsbedingt wird er leider nur in Gedanken von Wuppertal aus das Jubiläum begleiten und am Computerbildschirm der Streaming-Übertragung des Gottesdienstes folgen (auf www.evangelisch-in-attendorn.de ).

Gedämpfte Töne in Corona-Zeiten

Wie so viele Musikvereine und Chöre hat auch der Posaunenchor unter Corona-Krise und fehlenden Proben angesichts der realen Gefahr einer Virusübertragung durch Aerosole sehr gelitten. Erst seit Kurzem trifft man sich wieder unter nötigen Hygienemaßnahmen und wird den Jubiläumsgottesdienst zum Reformationsfest und der Verabschiedung von Pfr. Dr. Grote in bewusst kleiner Besetzung gestalten. Umso mehr freut sich die Chorgemeinschaft aber, dass Kirchenmusikdirektor Ulrich Dieckmann, westfälischer Posaunenwart des Posaunendienstes in der Ev. Kirche von Deutschland, sein Kommen zugesagt hat. Zudem wird der Festgottesdienst seinen volltönenden Abschluss unter freiem Himmel mit dem Bach-Choral „Nun danket alle Gott“ finden, bei dem unter Einhaltung der AHAL-Regeln auch weitere ehemalige und aktive Bläserinnen und Bläser mitwirken können.

Der Einladung der Psalmen, „jauchzt mit Trompeten und Posaunen“ möchten die Musizierenden unter sorgfältiger Beachtung der notwendigen Hygieneauflagen auch weiterhin ernst nehmen. „Von Bach bis Blues“ probt der Ev. Posaunenchor dienstags um 19.15 Uhr in der Erlöserkirche. Bei Interesse an näheren Informationen finden Musizierende hier Kontakt: Jens Dolligkeit, Tel. 0151/67236711.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare