Neue Dynamiken und digitale Überforderung

Coronavirus: Wie die Jugendlichen vom Stupperhof mit der aktuellen Lage umgehen

Neue Dynamiken entstehen: Juline und Sarah (li.) machen zusammen Hausaufgaben.

Stupperhof – Struktur bewahren. Nicht den zehnten Tag in derselben Jogginghose durch die Wohnung gleiten. Nicht den ganzen Tag so tun, als hätte man nichts zu tun. Für manche Schüler gar nicht so einfach. Wie sieht der momentane Alltag für Lernende aus verschiedenen Schulformen aus? Bedeutet der Unterrichtsausfall Panik für diejenigen, die kurz vor dem Schulabschluss stehen? Die Josefshaus-Wohngruppe Stupperhof gewährt einen Einblick in ihren Umgang mit der „digitalen Schule“.

9 Uhr morgens. Jetzt ist spätestens Aufstehen angesagt. „Um eine gewisse Tagesstruktur aufrechtzuerhalten, braucht man feste Zeiten. Corona-Frei bedeutet kein Ferienmodus“, erklärt Anne Sophie Martin, pädagogische Mitarbeiterin am Stupperhof. Meist schlürfe ich um diese Zeit schon meinen Kaffee in unserer Küche. Ich könnte es mir gar nicht erst erlauben, die Stunden wie in einer Sanduhr zerfließen zu lassen. Denn nach jetzigem Stand lege ich Mitte Mai an einem Olper Gymnasium mein Abitur ab. Die Betonung liegt auf den „jetzigen Stand“. Schließlich verkörpert die aktuelle Corona-Krise die Unklarheit selbst. 

Noch in der letzten Woche stritten sich die einzelnen Länder über ein Abitur ohne Prüfungen. Oder darüber, wann eine potenzielle Verschiebung stattfinden sollte. Kein Wunder also, dass ständig im E-Mail Postfach neue Schulmeldungen zur Handhabung der aktuellen Situation auftauchen. Letztendlich braucht es nur einen Infektionsanstieg, und gestrige Pläne sind morgen auf Eis gelegt. 

Coronavirus in Drolshagen: Lehrer bleiben in Kontakt 

Dennoch: Die Schulen geben ihr Bestes. Sie versuchen, Transparenz über den aktuellen Notenstand zu schaffen. Die Lehrer bleiben in Kontakt mit den Erziehungsberechtigten und den Lernenden. „Das macht unsere Arbeit natürlich angenehmer. Gerade bei denjenigen Jugendlichen, die einfach noch ein wenig mehr Motivation oder Hilfe bei der Erledigung ihrer Schulaufgaben benötigen“, berichtet Martin, die sich nun mit ihren Kollegen auf eine komplett neue Situation einstellen muss.

Trotz mehrerer Mitarbeiter hat die Corona-Lage einen Haken in den Wohngruppen: „Wir können uns natürlich nicht auf acht Bewohner teilen. Da ist es gut, dass wir auch einige ältere Jugendliche haben, die selbstständig lernen können.“ 

Gerade solch ein Altersunterschied ließe sich vor allem dann erkennen, wenn es um Abgabezeiten ginge. Oder um das Schreiben digitaler Test. In einem Alter von 12 fiele es manchen schwer, sich selbst zu organisieren, so die Erzieherin Martin weiter. Digitale Überforderung als Stichwort. „Auch Familien mit mehreren Kindern haben eventuell nur einen PC und begrenztes Datenvolumen. Ohne das notwendige Material gestaltet sich digitale Schule vom Zeitplan her manchmal schwierig.“ Ich erlebe bei meinen Mitbewohnern besonders eine straffe Aufgabenplanung, wenn die Kurse über das Microsoft-Programm „Teams“ laufen. Dort kann der Lehrer Gruppenarbeiten oder Arbeitsblätter zur „live“-Bearbeitung hereinstellen. Andere Schulen setzen wiederum auf den klassischen Weg der E-Mail. 

Coronavirus in Drolshagen: Sozialer Ausgleich fehlt

Auf das Abitur unvorbereitet fühle ich mich nicht, zumal sich die Lehrer auf dem digitalen Weg auch um Wiederholungsmaterialien kümmern. Wir Abiturienten hätten in dieser Woche so oder so unseren letzten Schultag gehabt, der meiste Stoff war so gut wie durchgenommen. Härter trifft es diejenigen, die noch ganze Themengebiete erarbeiten müssen. Wie Lea (Name geändert, 21), die dieses Jahr ihr Fachabitur macht. „Mir fällt das Lernen ohne Schule schwerer“, stellt sie fest. Im Gegensatz zu den zentral geregelten Abschlüssen weiß sie zusätzlich immer noch nicht, um wie viele Wochen ihre Prüfungen verschoben werden. Sozialer Ausgleich mit Freunden, im Sportverein, fehlt. 

Ähnlich fühlt sich Steven (15), der eine Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt besucht: „Ich habe weniger zwar weniger Lernstoff, aber lerne nicht so gut wie in der Schule. Es ist komisch, dass durch die fehlende Trennung zwischen Zuhause und Schule das Zeitgefühl verloren geht.“ Allerdings finde er es gut, die jetzige Situation am Stupperhof zu erleben – die ganze Gruppe sei entschleunigt. „Und ich kann immer jemanden fragen, wenn ich Hilfe brauchen. Wir haben ja auch eine gute Gruppenatmosphäre und beschäftigen uns viel zusammen.“ So entstehen auch neue Dynamiken, in denen wir Älteren den Jugendlichen Nachhilfe geben. „Solidarisches Gruppenklima am Stupperhof“, fasst Lea zusammen. 

Coronavirus in Drolshagen: Rollen drehen sich um 180 Grad

Dass ein digitales Nervenzusammenbruching für Eltern zwischen Homeoffice und Kinderzimmer zur Realität werden kann, verstehe ich. Dass Streitsituationen häufiger vorkommen, verstehe ich auch. Wer aber in seinem Leben Kontakt zu Arbeitenden im sozialen Bereich gehabt hat, wer Kontakt mit Wohngruppen gehabt hat, der weiß: In einem funktionierenden Familienhaushalt kann der Haussegen schon mal um 40 Grad schief hängen. In einem dysfunktionalen Familienhaushalt können sich die Rollen und Wahrnehmungen aber auch schon mal um verrückte 180 Grad drehen. Zahlreiche Medien berichten bereits darüber, dass Jugendämter nur noch im Notfall herausfahren dürfen. Es gibt wochenlang keine Lehrer, Schulkameraden, Erzieher, die mitbekommen, wenn etwas bei einem Kind nicht stimmt. 

Vielleicht sollten wir als Bürger uns dieses Szenario ab und an vor Augen führen, wenn wir uns darüber beklagen, dass uns die Decke auf den Kopf fällt.

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