„Wende im Zeitalter der Mobilität“

Mit E-Bus „SAM“ in die Zukunft: Demobetrieb der ZWS in der Rosestadt

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Mit dem vollautomatischen Shuttle „SAM“ ging es durch die Rosestadt.

Drolshagen. „Ein ganz anderes Fahrgefühl“ – „Komischer Gedanke, dass niemand am Steuer sitzt“ – „Wie auf Wolken“: So oder so ähnlich lauteten die Reaktionen der neugierigen Fahrgäste, die sich auf eine Spritztour durch die Gerberstraße mit dem E-Bus „SAM“ getraut haben. Trotz grauem Regen fand die Veranstaltung wie geplant auf dem Theresienhof des GFO-Altenheims unter dem Motto „Mobilität von Morgen schon heute erleben“ statt.

Nach offiziellen Begrüßungsreden am Samstagvormittag von den Projekttragenden und Bürgermeister Ulrich Berghof stand der weiße Alleskönner den Drolshagenern bis Sonntagabend zur Verfügung. Der Demonstrationsbetrieb war Teil einer sogenannten „Machbarkeitsstudie“, die Ende des Monats abgeschlossen sein wird. Sie beinhaltet sowohl das Sammeln von möglichen Einsatzrouten und -zeiten als auch von Fahrgast-Feedback. Ziel ist es, alsbald einen Probebetrieb in Drolshagen und Meggen aufzunehmen. Bis dahin sollen im kompakten „SAM“ die „virtuelle Schiene“ für die Strecken eingespeichert und Sicherheitsregulationen abgeklärt worden sein.

„Wir stehen vor einer Wende im Zeitalter der Mobilität. Sie wird sich nicht nur in den Großstädten, sondern auch hier in unserer ländlichen Heimat verändern. Und genau deswegen passt es, dass uns die Bläserkapelle ‚Einfach Böhmisch‘ heute während des Demobetriebs unterhält: Denn das, was uns erwartet, ist für uns alle ein böhmisches Dorf“ – Wenn der Bürgermeister den Auftakt zum Schnuppertag von „Südwestfalen Autonom & Mobil“, oder ganz liebevoll „SAM“ genannt, so formuliert, spricht er wohl aus, welchen Neuland-Charakter diese Innovation mit sich trägt.

Ebenso freute sich der Vorsitzende des Zweckverbandes Personennahverkehr Westfalen Süd (ZWS), Landrat Frank Beckehoff, das gemeinsam erarbeitete Projekt einläuten zu dürfen. „Es geht darum, ein attraktives und wirtschaftlich tragbares Produkt auf den Markt zu bringen. Autonomes Fahren ist Zukunft, warum dann nicht im südwestfälischen ÖPNV?“ 

„Mobilität 4.0 wird vor Ort gemacht“

Auch der Geschäftsführer der ZWS, Günter Padt, brachte die Wichtigkeit für Investitionen in Elektromobilität auf den Punkt: „Omnibusse wie heute sind schlicht weg obsolet. Sie verbrauchen Erdöl, das wir für wichtigere Dinge wie Medikamente bräuchten, und halten die Emissionquoten Deutschlands hoch.“ In ein paar Jahrzehnten würde selber Autofahren ganz abgeschafft worden sein, so seine Prognose weiter. 

„Mobilitiy on demand“ – das heißt einen Klick in eine Smartphone App und „SAM“ bringt die Bürger von ihrer Haustür zu der ihrer Freunde – ist die Maxime der Zukunft. Dankesworte kamen vom Verbandsvorsteher Andreas Müller: „Ein besonderes Dank gilt den örtlichen Firmen Mennekes, Krah und Bigge-Energie, die das Projekt unterstützen. So wie vor 124 Jahren die Industrie bereits in einen Acht-Personen-Omnibus investiert hatte. Denn eins ist sicher: Wenn wir pro Bus auf unter eine halbe Stunde Wartezeit kommen wollen, bis er das Abfahrtsziel erreicht hat, dann brauchen wir eine ganze Horde an Bussen. Für jeden Stadtteil einen.“ 

Die Verantwortlichen beim Start des Demobetriebs in Drolshagen.

Genau dieser „Pioniergeist“ sei das Essentielle am Ganzen, meinte Dr. Dirk Günnewig, Abteilungsleiter aus dem Ministerium für Verkehr NRW, im weiteren Verlauf. „Mobilität 4.0 wird vor Ort gemacht und auf den Nutzer zugeschnitten. Ohne Zusammenarbeit geht das nicht, vor allem nicht, wenn die Autonomie sicherer sein soll als der einzelne Mensch hinter dem Steuer. Ein Roboter ist weder panisch noch alkoholisiert.“ Des Weiteren besitzt „SAM“ die Fähigkeit, Objekte auf der Straße zu erkennen, die vorher noch nicht da waren, etwa ein Kind oder ein vorbei rollender Ball. Zusätzlich soll „SAM“ lernen, zwischen den Objekten zu unterscheiden. So soll zum Beispiel einem Ball ausgewichen werden. Bei einem Kind dagegen muss „SAM“ natürlich geduldig warten. 

„Wir steuern auf Fahren auf Level 5 zu“

Abschließende Worte kamen von Prof. Dr. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er hatte einen Vortrag für das E-Bus-Projekt gehalten, „das es in Berlin noch nicht auf die Straße geschafft hat“. „Wir steuern auf Fahren auf Level 5 zu. Selbst hier im wäldlichen Raum gibt es zu viele Autos. Fahren sie nach Siegen, die Parkplätze sind voll. Fahren sie nach Olpe, es herrscht Stau. Deswegen brauchen wir eine ungeheuer große Revolution, und das ist der automatisierte ÖPNV.“ 

Wer mit „SAM“ fährt, spürt die Straße nicht. Er gleitet leise den Weg entlang, den Weg in eine verkehrssicherere und umweltfreundlichere Zukunft.

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