Unterwegs mit Wald und Holz NRW

Landeswaldinventur läuft: Wie die Experten Bestandsaufnahme zwischen Buchen machen

Landeswaldinventur 2021 Windfus Kreis Olpe
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Die Dicke der Bäume messen: in manchen Fällen nicht so einfach wie gedacht.

Wie hat sich der Wald in den vergangenen zehn Jahren verändert? Um das und andere Fragen zu beantworten, sind aktuell Teams in den Wäldern im Einsatz. Kay Genau und Lutz Jaschke vom Landesbetrieb Wald und Holz erklären vor Ort, was es damit auf sich hat.

Windfus/Kreis Olpe - Irgendwo im Nirgendwo. Windfus, Oberbergischer Kreis. Kurz hinter der Kreisgrenze, mitten im dichten Laubwald. Kay Genau und Lutz Jaschke schultern ihr Gepäck. Jaschke schaut auf den Kompass. Peilt die richtige Richtung an. Sie gehen los. Und sorgen für das ungeübte Auge direkt für Erstaunen. Denn der Kompass zeigt keine Winkel bis zu 360 Grad an, die Skala geht bis 400. „Wir arbeiten mit der Maßeinheit Gon. Das ist am Ende einfacher umzurechnen“, erklärt Kay Genau. Der Winkel von 360 Grad entspricht 400 Gon, 180 Grad sind 200 Gon, 90 Grad dementsprechend 100 Gon. Die ungewöhnliche Maßeinheit soll nicht das einzig Überraschende an diesem Vormittag sein.

Seit Anfang Mai finden gleichzeitig die vierte Bundeswaldinventur (BWI) und die dritte Landeswaldinventur (LWI) statt. Zwei-Mann-Teams kontrollieren bis zum 31. Dezember 2022, wie sich der Wald seit der vergangenen Inventur vor zehn Jahren verändert hat. Sie notieren Anzahl, Dicke und Höhe der Bäume, Zuwachs und Verlust an Pflanzen sowie das Totholz. „Für beide Inventuren wird dasselbe Verfahren verwendet. Deshalb können wir sie parallel machen“, so Genau.

Kay Genau nimmt Maß: Im Wald ist aktuell Hightech angesagt.

Aus seinem Rucksack ragt eine Antenne, er trägt einen Laptop, sein Kollege ein Ultraschallmessgerät, Messstäbe und ein Maßband. Hauptsächlich für den Notfall, wie er erklärt: „Wenn es regnet oder wenn auf Feldern viele Grillen zirpen, funktioniert das Ultraschallgerät nicht richtig. Dann sind wir auf das Maßband angewiesen.“ Ansonsten ist bei der Inventur eben Hightech angesagt. Genau und Jaschke überprüfen, wie sich der Wald an einem bestimmten Punkt verändert hat: ob die Bäume noch stehen, ob neue dazu gekommen sind, wie sehr sie gewachsen sind. „Am Ende können wir eine Aussage über den Wald in einem bestimmten Gebiet treffen“, sagt Genau. Nicht aber über dessen Zustand, dafür ist die jährliche Waldzustandserhebung da.

Wir müssen so präzise wie möglich arbeiten, sonst kommt am Ende Murks heraus.

Kay Genau, Wald und Holz NRW

Der Weg führt einen kleinen Abhang hinauf. Hier stehen unter anderem vereinzelte Buchen und Eichen. Lutz Jaschke erkundet den Waldboden mit einem Gerät. An einer Stelle wird das monotone Geräusch zu einem Piepen. Ein Metalldetektor. In den Boden ist ein Metallstab eingelassen. „Eine verdeckte Markierung“, so Genau. Warum verdeckt? „Wüssten die Waldbesitzer, wo genau die Markierung ist, würden sie an dieser Stelle möglicherweise anders mit dem Wald umgehen.“ Dieser Metallstab ist in der nächsten guten Stunde Zentrum der Aktivität der beiden Mitarbeiter des Sachgebiets 42 „Großinventuren“ des Landesbetriebs Wald und Holz. Bereits bei der vergangenen Inventur war diese Stelle Ausgangspunkt der Messungen – somit ist der genaue Datenabgleich garantiert.

Wichtig für die Wald-und-Holz-Mitarbeiter: „Wir können über den Punkt im Boden keine Aussage treffen, was auf der Waldfläche passiert. Die Teams wissen auch gar nicht, wer der Waldbesitzer ist, in dessen Wald sie sich befinden.“ Schließlich handelt es sich um eine Stichprobeninventur: In Nordrhein-Westfalen gibt es in einem vorher festgelegten Raster rund 10.000 Punkte, die die speziell geschulten Zwei-Mann-Teams aufsuchen, die Ergebnisse werden am Ende hochgerechnet, jeder Punkt steht stellvertretend für 100 Hektar Wald. „Da verschwindet dann auch ein 1000 Hektar großer Privatwald am Ende komplett“, so Kay Genau. Die Zahlen lassen sich am Ende nur auf ein Forstamt runterbrechen, auf Größeneinheiten darunter nicht, wie Genau erklärt: „Da wäre dann der Stichprobenfehler zu groß.“

Lutz Jaschke zeigt: In einer Höhe von 1,30 Metern wird Maß genommen.

Zurück im Wald. Kay Genau richtet Antenne und Kompass aus. Klappt den Laptop auf. Und peilt den ersten Baum an. „Buche, 67 Gon.“ Lutz Jaschke schaut auf seinen Kompass, macht sich auf den Weg zum nahegelegenen Baum. Peilt Genaus Position an. Und schmunzelt: „Ein Klassiker.“ Denn der Baum steht im 63-Gon-Winkel zum Ausgangspunkt, nicht bei 67 Gon. Ein Fehler, den Genau einfach erklären kann: „Da hat jemand den Kompass einfach von der 65-Gon-Markierung aus in der falschen Richtung abgelesen.“ Er korrigiert den Wert und Lutz Jaschke fängt an, die Dicke der Buche in 1,30 Metern Höhe mit einem Maßband zu messen. Was bei der vergleichsweise dünnen Buche gut funktioniert, wird später bei einem majestätischen Baum von einem Durchmesser von mehr als 80 Zentimetern schon etwas komplizierter.

Erinnerungen an den Matheunterricht

Daneben werden auch Schäden, wie Spechthöhlen, Käferschäden oder Schäden durch Forstmaschinen dokumentiert. Jaschke gibt die Werte durch. Nach und nach nehmen die beiden Experten so die Dicke aller Bäume im Gebiet auf. Und gehen weiter zur nächsten Aufgabe: der Höhenmessung. Irgendwie weckt das böse Erinnerungen an den Mathematikunterricht und Lehrersätze wie: „Mit dieser Formel könnt Ihr später ganz einfach ein neues Blumenbeet ausmessen.“

Lutz Jaschke befestigt einen Transponder am Baum und geht weg. Etwa in der Entfernung, die der Höhe der Baumkrone entspricht (Jaschke: „Dafür muss ich die Baumkrone natürlich sehen, das ist bei dichtem Bestand manchmal schwierig.“), peilt er mit dem Ultraschallgerät Transponder und Baumspitze an. „Mit einer Dreiecksfunktion kann ich so die Höhe des Baums ermitteln“, so Jaschke. Und von irgendwo trägt der Wind sanft die Worte der Mathelehrerin durch den Wald: „Ihr lernt für das Leben – nicht für die Schule.“ Auch hier arbeiten sich die beiden Baum für Baum vor. Kay Genau: „Wir müssen so präzise wie möglich arbeiten, sonst kommt am Ende Murks heraus.“

Präzise Arbeit: Alle Daten werden direkt im Laptop dokumentiert.

Jaschke und Genau bestimmen noch „forstwirtschaftlich bedeutsame Arten“. Denn was für Spaziergänger „schön grün“ erscheint, ist nicht immer gut: „Bodendeckende Arten wie Farne oder Brombeeren sorgen dafür, dass sich der Wald schlechter selbst verjüngt. Die Samen der Bäume fallen zur Erde und haben keinen Platz zum Keimen. Oder die Jungpflanzen können nicht wachsen, weil die anderen Arten alles bedecken.“

Apropos Jungpflanzen: Auch die finden den Weg in Kay Genaus Daten. Aber nicht alle: „Wir fangen erst ab einer Höhe von 20 Zentimetern an. Die haben sich zumindest schon einen Sommer durchgesetzt. Bei kleineren Pflanzen wissen wir ja gar nicht, ob sie einen Sommer überstehen.“ Mit dem Messstab ausgerüstet, geht Lutz Jaschke durch den Bestand, gibt Art der Bäume und deren Größe durch. Nächster Schritt: das Totholz.

Totholz ist ein wichtiger Lebensraum für Kleintiere, Moos und Pilze. Darum wollen wir auch so viel Totholz wie möglich im Wald lassen.

Lutz Jaschke, Wald und Holz NRW

„Totholz ist ein wichtiger Lebensraum für Kleintiere, Moos und Pilze. Darum wollen wir auch so viel Totholz wie möglich im Wald lassen.“ Lutz Jaschke muss nicht lange suchen: Direkt fällt der Wurzelteller eines umgestürzten Baums ins Auge. Doch auch Baumstümpfe oder Zweige werden erfasst.

Neu bei der kombinierten BWI und LWI ist die Entnahme von DNA-Proben. „Die Teams nehmen kleine Zweige oder Blätter mit, die später an ein Labor geschickt werden.“ Die Forstleute wollen so irgendwann Aussagen darüber treffen können, woher einzelne Bäume ursprünglich kommen und inwieweit sie verwandt sind: „Bislang stochern wir da noch ziemlich im Nebel.“

Für heute ist die Arbeit im Wald jedoch getan. Lutz Jaschke und Kay Genau packen ihre Sachen zusammen und gehen zurück zu den Autos. Für den Rückweg ist dann kein Kompass mehr nötig. Lediglich ein Navi. Um den Weg aus diesem „Irgendwo im Nirgendwo“ zu finden.

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