„Ein Schuss auf Kirchturm Drolshagen!“

Befehlsverweigerung rettet Leben: Wie eine Stadt im Sauerland nur knapp der Vernichtung entging

Drolshagen Blick Herrnscheid
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Blick vom Herrnscheid auf Drolshagen: Aus dieser Richtung sollte Panzerkommandant Karl Hubert Doll auf den Turm der St.-Clemens-Basilika feuern.

8. Mai 1945. Die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht tritt in Kraft. Der Zweite Weltkrieg endet. Vier Wochen zuvor entgeht Drolshagen nur knapp der Vernichtung. Dank eines Mannes, der bei so manchem in der Rosestadt als Held gilt.

Drolshagen – 65 Tonnen Stahl pflügen sich durch die Landschaft. Auf dem Herrnscheid zwischen Drolshagen und Hützemert. Ein Sturmpanzer VI, besser bekannt als „Sturmtiger“. Panzerkommandant Karl Hubert Doll hat den Befehl, die deutschen Kampfverbände vor Ort zu unterstützen. Im Buch „Kriegszeit und Kriegsende im Drolshagender Land“, herausgegeben von Hubertus Halbfas für den Heimatverein für das Drolshagener Land, schildert Doll den Einsatz – und eine Entscheidung, die Drolshagen vor der Vernichtung bewahrt, durch die drei seiner Kameraden aber den Tod finden.

„Die wohl verheerendste Panzerwaffe ihrer Zeit“: So beschreibt Doll den „Sturmtiger“. Offenbar zu Recht, sollte ein vom Panzer abgefeuertes Geschoss doch eine „Eisenbetonwand von 2,50 Metern“ Dicke durchschlagen können, wie Hubertus Halbfas in seinen Aufzeichnungen ausführt. Am Morgen des 10. April bezieht ein solcher Panzer Stellung auf dem Herrnscheid, mit gutem Blick über Drolshagen.

Karl Hubert Doll und seine Besatzung dürften vielen Menschen in Drolshagen das Leben gerettet haben (rechts oben klicken für Vollbild).

Auf dem Weg weist ein deutscher Oberst den damals 30-jährigen Karl Hubert Doll darauf hin, dass es „nichts mehr zu unterstützen gäbe“, da sich die deutschen Truppen auf dem Rückzug befänden. Eine Erkundungfahrt zeigt, dass der Oberst recht hat: „Wir haben keine Kampfverbände der Wehrmacht, Straßensperren und andere Maßnahmen feststellen können, die auf eine Verteidigung oder bevorstehende Kampfhandlungen mit den US-Truppen hätten schließen lassen“, so Doll in seinem Bericht. Doch der Kompaniechef hat Pläne für die Rosestadt.

„Ein Schuss auf Kirchturm Drolshagen!“ Das war der knappe Befehl des Kompaniechefs. Was Doll verblüfft: „Es herrschte totale Ruhe, weder amerikanische Luftaufklärer waren wie bisher über uns, noch war die feindliche Artillerie tätig geworden.“ Es gibt keine Anzeichen dafür, dass feindliche Truppen in der Stadt sind. Doll: „Ein Schuss mit der Sprengkraft dieser Rakete auf den Kirchturm hätte verheerende Folgen gehabt. Nicht nur die Amerikaner und die Kirche, sondern auch die umliegenden Häuser und die darin wohnenden Menschen hätten die entsetzlichen Auswirkungen zu spüren bekommen.“

Ein Schuss mit der Sprengkraft dieser Rakete auf den Kirchturm hätte verheerende Folgen gehabt.

Karl Hubert Doll

Er ist der Meinung: „Zur Zivilbevölkerung gehören Menschen, die in Kriegszeiten genug Sorgen um ihre Familien haben. Es sind junge Menschen, die das Leben noch vor sich haben. Und es sind alte Menschen, die vielleicht auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen sind. Sie alle hätte ein Schuss aus unserem Sturmmörser das Leben kosten können.“ Für ihn ist der Befehl „nicht nur unsinnig, sondern auch menschenverachtend“. Daher trifft die Besatzung eine folgenschwere Entscheidung. Kein Beschuss, sich aber auch nicht ergeben.

Der Kompaniechef wiederholt den Befehl. Die Besatzung weigert sich erneut. Sie fährt den amerikanischen Panzern entgegen, um im offenen Gelände anzugreifen: „Unser Vorhaben fand ein unerwartetes Ende, als noch im Dorf Hützemert, nur wenige Meter vor Erreichen der Landstraße, mit einem lauten Knall die linke Kette des Panzers riss“, so Doll. Eine Reparatur ist nicht möglich. Auch die Sprengung kommt nicht infrage: „Damit hätten wir die Katastrophe, die wir in Drolshagen vermeiden wollten, in Hützemert ausgelöst.“ Die Besatzung weigert sich weiter, sich zu ergeben. Es kommt zum Feuergefecht mit US-Truppen. Zwei von Dolls Kameraden, Karl Heinz Langer und Werner Herrler, werden getötet, ein dritter, Gerhard Gäbler, erliegt später seinen Verletzungen. Doll selbst wird verwundet, rettet sich in ein Haus und wird verarztet. Er ergibt sich.

Die drei gefallenen Kameraden von Karl Hubert Doll sind auf dem Drolshagener Friedhof beerdigt.

Seine Kameraden werden auf dem Drolshagener Friedhof beerdigt, „inmitten der Menschen, die sie vor dem Unglück schützten“. In seinen Erinnerungen schreibt Doll: „Sie könnten – gleich mir – heute noch leben, hätten wir den Befehl ausgeführt. Wir hätten nur sagen müssen, Befehl sei Befehl. Dann aber wäre Drolshagen zerstört worden und viele seiner Bewohner hätten das Kriegsende vier Wochen später nicht mehr erlebt.“

Er erzählt am 10. Juni 2005 seine Geschichte bei der Vorstellung des Buchs „Kriegszeit und Kriegsende im Drolshagender Land“ im Heimathaus. Er erhält dafür lang anhaltenden Applaus. Karl Hubert Doll stirbt am 13. Dezember 2007 in Monheim.

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