Interessengemeinschaft wehrt sich gegen „Verspargelung der Höhenzüge“

„Gegenwind“ aus dem Frettertal in Richtung Rathaus

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Blick von Ramscheid auf Serkenrode in Richtung Weuspert. „Sieht so die Zukunft aus?“, fragt die IG.

Serkenrode/Frettertal. Aus dem Frettertal weht Bürgermeister Dietmar Heß ein heftiger Sturm entgegen. Unter dem Namen „Gegenwind Frettertal“ haben sich rund 70 Familien aus Serkenrode, Fretter, Weuspert und Schöndelt zu einer Interessengemeinschaft (IG) zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Umdenken in der Energiewende und verhindern der „Verspargelung“ der Höhenzüge des oberen Frettertales.

Es sind aber nicht nur ästhetische Gründe, sondern vor allem die Sorge vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen, dem Verlust von Lebensqualität, von Zukunftsfähigkeit der Orte und massiven Wertverlusten der Immobilien. Und last but not least die Angst vor Rissen quer durch die Bevölkerung und sogar Familien.

"Konzept beginnt zu bröckeln"

„Die Energiewende kam plötzlich und unüberlegt. Gut Ding will Weile haben. Das Konzept der Bundesregierung beginnt mittlerweile zu bröckeln. Das System vom Strom, der nicht gespeichert werden kann, benötigt dringenden Handlungsbedarf. Die Gemeinde Finnentrop hat Höhen des Frettertals zu Suchräumen erklärt, die idyllische Landschaft gerät in den Spielball der Gewinnsucht“, heißt es in einem Schreiben der Initiative, das dem SauerlandKurier vorliegt. „Warum prescht der Bürgermeister in Sachen Energiewende so weit vor?“, fragt die IG. „Damit stellt er sich klar im Widerspruch gegen die aktuelle Auffassung seiner Parteikollegen. Seine eigenen CDU-Parteifreunde in EU, Land und Kreis mahnen zur Tempodrosselung, setzen auf Dialog mit den Bürgern, nur in der Gemeinde Finnentrop steht offenbar der Lockruf des Geldes über Glaube, Sitte, Heimat sowie Gesundheit, Natur und Wertverlust von Immobilien.“

Auch in Faulebutter wären die 240 Meter hohen Windräder auf den Frettertaler Höhenzügen gut zu sehen, so die IG. Fotomontage: IG Gegenwind im Frettertal

Interessant zu beobachten sei, dass „sich gerade die CDU nun an die (Wieder)Aufbereitung des Themas“ mache. Aktuell berate die NRW-Landesregierung über die „Aufhebung der Privilegierung von Windenergie im Wald sowie die Streichung von Verpflichtung zur Ausweisung von Vorranggebieten von Windenergie in den Regionalplänen“. Dies erklärte auch MdL Jochen Ritter beim Neujahrstreffen der CDU in Rahrbach. Auch Europaparlamentarier Dr. Peter Liese hat klar Stellung bezogen: Er lobte ausdrücklich die Arbeit der „Arbeitsgruppe Energie“ während der „GroKo“-Verhandlungen: „...Weil die Große Koalition die Energieefizienz steigern und den Energieverbrauch senken will … ist ein weiterer drastische Zubau von Windrädern nicht erforderlich. Mit mehr Energieeffizienz können wir vermeiden, dass das Sauerland zum ,Land der 1000 Windräder‘ wird...“. „Hier geht es nicht ums St.-Floriansprinzip, das System Windkraft muss neu überdacht werden“, sagt Johannes Richter, einer der Sprecher der IG aus dem Frettertal.

Informationspolitik steht am Pranger

Ebenso in der Kritik steht die Art der Bürgerinformation: „Das Auftreten des Bürgermeisters kommt uns dabei merkwürdig, ja suspekt vor. Dietmar Heß spricht von der ,Verpflichtung gegenüber Investoren‘, das Wohl der Bürger hat er dabei anscheinend aus den Augen verloren. Während der größte Teil der Republik auf eine sichere Gesetzeslage wartet, begrüßte er Mitglieder und Gäste einer CDU-Veranstaltung in Fretter im November mit den Worten ,Es stellt sich nicht die Frage ob, sondern wann die Windräder kommen‘. Bei Bürgerversammlungen, in denen alle anstehenden Probleme erörtert wurden, Breitband, Inegration usw., kamen die Windräder für das Frettertal nur ganz am Rande vor. Wir haben das als Informationen für uns Bürger angesehen, um uns mit diesem komplexen Thema vertraut zu machen. Daher hat damals auch niemand Fragen oder gar Einwände formuliert. Wir wussten schlicht und ergreifend zu wenig darüber. Umso größer war für uns der Schock, als man uns mit detaillierten Plänen vor vollendete Tatsachen gestellt hat.“

Diesen „voreiligen Windwahn im Frettertal“ verurteilen die Familien aufs Schärfste. „240-Meter-Monster zerstören die Landschaft im Frettertal und bevorzugen einseitig finanzielle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit. Wenige Meter weiter sieht das anders aus: In Eslohe wollen sich alle Fraktionen beim Thema Windkraft weiter Zeit geben, aus ihrer Sicht besteht kein Grund zum schnellen Handeln. Warum wartet man nicht auch in Finnentrop die politische Entwicklung ab? Wer und was treibt den voreiligen Windwahn hier voran? Gerade hinsichtlich neuer Erkenntnisse von Schallimmissionen und Gesundheitsschutz muss ein Umdenken erfolgen.“ Die Bürger aus dem Frettertal sehen im Handeln des Bürgermeisters einen unerklärbaren Widerspruch. „Serkenrode ist der Vorzeigeort in der Gemeinde, in dem die Bürger die Entwicklung des Dorfes in die eigenen Hände genommen haben. Die Gemeinde hat diese Entwicklung mit großer Initiative von Dietmar Heß gefördert. Dort beteiligen sich vom Kindergarten- bis zum Seniorenalter alle Gruppen aktiv am öffentlichen Leben. Es gibt 21 Gruppen, die sich einbringen. Es gibt nur wenige Dörfer im Sauerland, in denen sich so viele junge Familien – auch von außerhalb – ein Haus bauen, wie hier bei uns. Viele kommen nach Ausbildung oder Studium wieder zurück und nehmen weite Wege zur Arbeit ganz bewusst in Kauf, weil Serkenrode so aktiv und familienfreundlich ist. Das hat die Kommission von Ergebnis ,Unser Dorf hat Zukunft‘ bescheinigt, die Erfolge in diesem Wettbewerb sprechen Bände. In der Jahreshauptversammlung des Sauerländer Heimatbundes in der Serkenroder Schützenhalle wurde dieses Miteinander von Gruppen und Generationen ebenfalls hochgelobt. Und das soll nun alles den Fretterbach runtergehen?“

Vorzeigeort der Gemeinde

Die Initiative sucht den offenen Weg. Björn Kathol: „Wir verteilen an diesem Wochenende Flyer, auf denen wir auf eine Veranstaltung am Mittwoch, 28. Februar, um 19 Uhr in der Schützenhalle in Serkenrode aufmerksam machen. Das Thema lautet ,Windkraft: Wunsch & Wirklichkeit‘. Referenten sind Christof Gerhard aus Rehringhausen. Er spricht über ,Windkraft, Wirtschaftlichkeit und Wertverluste‘. Auf die gesundheitlichen Aspekte geht Dr. Joachim Ullrich unter der Überschrift ,Gesundheitsgefährdung durch Windkraftanlagen? Mit Schwerpunkt Infraschall‘ ein.“ Ullrich, von Haus aus Gynäkologe, hat sich als Mitglied einer BI gegen Windkraft im oberen Siegtal zum Experten für die Auswirkungen niederfrequenter Schallemissionen weiter gebildet. Wissenschaftliche Schützenhilfe erhält „Gegenwind im Frettertal“ vom Heidelberger Psychologie-Professor Dr. Paul Richter, einem gebürtigen Serkenroder, der sich mit den physischen und psychischen Auswirkungen von Infraschall-Emissionen befasst hat. Richter kommt zu einigen bemerkenswerten Erkenntnissen, was die Nähe von Windenergieanlagen (WEA) zur Wohnbebauung angeht. 

Der Lehrstuhlinhaber schreibt unter anderem: „...Neben hörbaren Geräuschen erzeugen Windkraftanlagen auch Infraschall, das sind Schallwellen tiefer Frequenz unter 20 Hertz. ...Diese Schallwellen unterhalb der Hörschwelle … werden vom Organismus wahrgenommen und bewirken bei anhaltender Einwirkung eine anhaltende Alarmreaktion und somit Stress..Gesundheitsrisiken bei permanenter Windkraft sind unter anderem Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlaflosigkeit innere Unruhe, Ohrendruck, Schwindel, Tinnitus, Unsicherheits- und Angstgefühle sowie Herz-Kreislauf-Probleme wie auch Erhöhung des Blutdrucks...“. Ferner könnten „psychosomatische und psychiatrische Krankheiten wie Angst oder Depressionen auftreten“. Schallwellen tiefer Frequenz, so Richter weiter, „breiten sich über große Entfernungen aus“, sodass „deutliche Infraschalleffekte bis 1500 Meter, leichtere Effekte bis 10, 15 Kilometer zu erwarten“ seien: „Die Frage, welcher Abstand zu Wohnsiedlungen erforderlich ist, um Gesundheitsschäden auszuschließen, bedarf noch weiterer Forschung. Ein wichtiger Einflussfaktor ist nicht zuletzt die Höhe der Anlage. Bei Anlagen von ca. 250m Höhe ist die Forderung nach einem Mindestabstand von 2,5km eher moderat.“ Der Universitätslehrer weist auch darauf hin, dass „die Behandlung von Erkrankungen, die durch Vibrationen wie z.B. Infraschall ausgelöst werden, bereits von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet“ werde. 

Georg Schmidt von der Interessengemeinschaft abschließend: „Wir sind keine notorischen Nein-Sager oder Störenfriede, oder in welche Ecke man uns auch immer drängen möchte. Wir sind verantwortungsbewusste Bürger mit Familie, die ernst genommen werden wollen mit ihren Bedenken und ihren Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Dörfer. Wir bestehen aber auf Gleichbehandlung. Als im Bereich Lenhausen/Rönkhausen/Glinge/Oberbecken Windräder aufgestellt werden sollten, wurde dieses Thema im Gemeinderat behandelt und der Bau abgelehnt. Wir haben den Antrag für die Sitzung am 20. Februar gestellt, das Thema ,Windkraft im Frettertal‘ im öffentlichen Teil zu beraten, wie es im genannten Fall auch geschehen ist.“ 

Privilegierung im Baurecht geregelt 

Bürgermeister Dietmar Heß sieht den Vorgang naturgemäß völlig anders. Mit den Aussagen der IG konfrontiert, erklärte er, dass „das Thema Windkraft in den Einwohnerversammlungen im Frettertal, besonders in Serkenrode, eine deutlich herausgehobene Bedeutung gehabt hat“, was „auch durch zahlreiche Fragen und Diskussionsbeiträge“ zum Ausdruck gekommen sei. Dietmar Heß: „Es handelt sich um eine Schutzbehauptung, dass die Ernstlichkeit der Vorhaben nicht hätte erkannt werden können. Auch wir könnten sonst vortragen, dass wir uns nicht ernst genommen fühlen.“ 

Und zum Stand der Verhandlungen mit Betreibern und Investoren: „...Im Übrigen gibt es auch keine vollendeten Tatsachen. Nach wie vor sind die Entwürfe für Bebauungspläne in Arbeit. Durch die Beantwortung zahlreicher mündlicher wie schriftlicher Anfragen müsste den in der IG Gegenwind zusammengeschlossenen Bürgerinnen und Bürgern nun ausreichend bekannt sein, dass zunächst beabsichtigt ist, diese Entwürfe im Rahmen der öffentlichen Auslegung in einer Einwohnerversammlung zu erörtern. Der Bebauungsplan tritt erst mit dem Satzungsbeschluss im Rat in Kraft ... Auf der Grundlage der politischen Beschlüsse sind mit drei Planungsträgern städtebauliche Verträge geschlossen worden, in denen sich die Planungsträger zur Übernahme von Kosten verpflichtet haben. Die Verträge enthalten eine generelle Verpflichtung der Gemeinde zur Durchführung des Planungsverfahrens. Eine inhaltliche Festlegung gibt es ebenso wenig wie die Zusage eines positiven Abschlusses. Eine solche rechtliche Bindung wäre auch unzulässig. Allerdings leitet die Verwaltung aus dem Abschluss der Verträge - im Auftrag der politischen Gremien - angesichts der Vorleistungen der Planungsträger eine mindestens moralische Verpflichtung ab, die Verfahren nicht willkürlich abzubrechen...“. 

Und weiter: „...Die IG weiß, verschweigt das aber offensichtlich auch gegenüber den Medien, dass der von der Gemeinde eingeschlagene Weg der Planung der Gemeinde, aber auch den Bürgern, überhaupt die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Planungen zur Errichtung von WEA bietet. Ohne Planung sind die Anlagen privilegiert, das heißt, Bauanträge können überall gestellt werden, wo der Wind ausreichend weht und Eigentümer ihre Grundstücke zur Verfügung stellen. 

Auch von „Vorpreschen des Bürgermeisters“ in Sachen Windkraft könne keine Rede sein: „..Der jetzige Verfahrensstand beruht auf einer Leitentscheidung des Rates der Gemeinde Finnentrop aus Dezember 2012 und Beschlüssen der politischen Gremien aus 2016 (Serkenrode und Schöndelt) und 2017 (Ostentrop). Die CDU im Kreis oder Land drosseln das Thema im Übrigen nicht, allenfalls Minister Pinkwart und seine FDP versuchen den Eindruck zu erwecken, als könne das Land die bundesrechtlich verantwortete Rechtslage ändern. Die Privilegierung der Windkraftanlagen ist aber im Baugesetzbuch und damit im Bundesrecht geregelt. Der aktuelle Koalitionsvertrag deutet mit dem beabsichtigten massivem Ausbau regenerativer Energien nicht gerade an, dass der Bund die Privilegierung aus dem BauGB streichen wird...“.

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