Fünf junge Sauerländer und ihr ungewöhnliches Hobby: das Wetter

Auf Jagd nach Phänomenen

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Der Blick von der Hohen Bracht.

Heggen/Sauerland. Was verbindet Benedikt Selter (32) aus Heggen, Stefanie Niggemann (29) aus Meschede, Marcel Ernst (23) aus Brilon, Robin Feldmann (26) aus Eslohe und Stefan Falkenstein (29) aus Medebach? Antwort: das Hobby Wetter. Die fünf jungen Sauerländer sind die „Wetterjäger Südwestfalen“.

„Wir sind keine Sturmjäger, sondern Wetterjäger“, sagt Benedikt, „eine Inversionswetterlage ist uns lieber als ein Gewitter oder Sturm, der großen Schaden anrichten kann.“ Aber, obwohl sie keine „Sturmkrähen“ sind, können sich der Heggener und seine vier Mitstreiter der Faszination einer Gewitterzelle nicht entziehen. „Die Wolkenformationen in der Front einer solchen Zelle sind beeindruckend, das geben wir gern zu.“ Sie in Foto und Stream festzuhalten, ist das Hobby der Fünf. Benedikt Selter haben ungewöhnliche Gebilde am Himmel schon immer interessiert. „Es gibt so viele Phänomene. Dichter Nebel im Tal, und oben auf dem Berg strahlender Sonnenschein. Ich bin schon länger in der Szene, da war es klar, dass wir uns irgendwann treffen, das war so vor drei, vier Jahren.“ In der Gruppe herrscht Arbeitsteilung. „Stefan ist unser ,Frühwarnradar‘. Er schaut früh am Morgen in die verschiedenen Modelle und gibt eine eigene, auf Südwestfalen maßgeschneiderte Vorhersage heraus, mit Wetterphänomenen und Warnbereichen, zum Beispiel Fronten. Stephanie ist für Fotos und ebenfalls Warnberichte verantwortlich. Robin ist unser Logistiker und IT-Mann, Marcel ist ebenso wie ich Fotograf. Wir bemühen uns, zeitnah zu agieren.“ 

Nachts in Winterberg.

Viel Zeit und nicht wenig Geld investieren die „Wetterjäger“ in ihr Hobby. Spiegelreflexkameras mit lichtstarken Objektiven, Laptops, Smartphones., „alles wird selbst bezahlt, wir haben keinen Sponsor, machen das als Hobby, unsere Berufe gehen bei allem vor“. Veröffentlicht werden Berichte, Streams und Fotos auf „wetterjaegersuedwestfalen.de“ – der Jäger Lohn sind Posts, in denen ihnen für Vorhersagen gedankt wird. Wie gehen die Fünf vor: „Also, das Radar von DWD, Kachelmann oder anderen Online-Wetterdiensten ist das A und O. Wenn wir, sagen wir für Samstag, eine größere Front im Anmarsch sehen, treffen wir uns am Kahlen Asten, dort hat man den besten Rundblick. Detaillierte Planung ist alles: Fahrtrouten und Standorte werden festgelegt. Bei einer Tour, wir haben als feste Beobachtungspunkte einen Platz im Süden von Dortmund, Nordhelle, Kahler Asten, Hohe Bracht, Rhein-Weser-Turm und Kalteiche, können schon so 5-600 Kilometer zusammenkommen. Aber das Wichtigste: Es gibt immer einen Plan B. 

Immer wieder fangen die Wetter-Jäger malerische Motive ein.

Ein guter Wetterjäger wird selten nass, sagen wir, obwohl man kein Weichei sein darf, wenn spektakuläre Aufnahmen gelingen sollen. Plan B heißt: Per google maps legen wir vorher Fluchtwege und Schutzmöglichkeiten genauestens fest, bevor wir uns an eine Zelle heranmachen. Die Sicherheit steht bei unserem Hobby auf Platz 1. Man weiß nie, was sich in einer Zelle verbirgt: Gewitter, Hagel, Böen. Viele Menschen unterschätzen die Gefahr, die davon ausgehen kann.“ Einen heftigen Einblick in die Kräfte von Mutter Natur erhielt der Heggener am 22. Juni 2017, „so was hatte ich vorher noch nie erlebt und im Sauerland auch kaum geglaubt“. Benedikt Selter befand sich auf der Griesemert „auf freier Fläche, als mich Stefan anrief und sagte: ,Du hast noch maximal fünf Minuten, um zu verschwinden und Dir nen Unterschlupf zu suchen.‘ Er hatte auf dem Wetterradar eine sich unheimlich schnell entwickelnde Gewitterzelle direkt westlich von Olpe ausgemacht, die mit hohem Tempo näherkam. Ich habe die dunkle Front gesehen, ab ins Auto und unter eine Brücke. Dann ging‘s los mit Golfball-großem Hagel. Mir hat das einen Schrecken eingejagt, in Olpe gab es immense Schäden.“ Orkan „Friederike“ liegt knapp eine Woche zurück. Landesweit werden 144 km/h als Maximum angegeben. Aber das stimmt nicht: Gegen 13.30 Uhr an jenem Donnerstag registrierte die Wetterstation auf der Hohen Bracht 154 km/h. 

Das fünfköpfige Team der Wetter-Jäger aus dem Sauerland.

„Ich wollte das erst nicht glauben, habe an einen technischen Fehler geglaubt. Aber ein Bekannter bei ,Wetterportal Sauerland‘ hat mir den Wert bestätigt. Das fällt in die Kategorie ,extreme Orkanböen‘. Man sieht, selbst in einem scheinbar langweiligen Mittelgebirge kann das Wetter heftig sein. Friederike war kleiner, aber giftiger als Kyrill, die Böen stärker, wenn der Sturm auch insgesamt kürzer war. Und es sind Menschen gestorben.“ Die Wetterjäger sind akribische Beobachter. Verändert sich das Klima? „Das ist schwer zu sagen, was ich sagen kann: Die Extreme werden extremer.“ Und was ist mit einem „richtigen Twister“? Benedikt ohne zu zögern: „Zur ,Tornado Alley‘ würde ich sofort fahren. Aber: Ich würde mich nie in die Zugbahn eines Tornados stellen, sondern ihn aus zwei, drei Kilometern Entfernung beobachten.“ Es gilt Plan B.

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